Der ägyptischstämmige El-Sayed eroberte bei den US-Midterms im Bundesstaat Michigan einen Senatssitz für die Demokratische Partei. Grund zum Jubel beim internationalen Netzwerk der Muslimbruderschaft. Abdel Mawgoud al-Dardiri, ehemaliger Sprecher der Muslimbrüder in Ägypten, bezeichnete den Erfolg in Michigan als „Modell“, wie Islamgläubige ihre Ziele „von innerhalb des politischen Systems“ des Westens voranbringen können.
Der Kommentator Eitan Fischberger schrieb auf X, dass al-Dardiri den Sieg des Demokraten aus Michigan als Erfolg für die „islamische Welt“ und als Vorbild für andere Mohammedaner darstellte.
Demnach betrachtete der ehemalige Funktionär der Muslimbruderschaft das Wahlergebnis als eine Art Lektion. Fischberger zitiert direkt: Al-Dardiri erklärte, der Erfolg El-Sayeds beweise, dass Islamgläubige „von innerhalb des politischen Systems“ des Westens für die „islamische Welt“ wirken könnten.
Muslimbrüder feiern El-Sayed
Der 42-jährige El-Sayed setzte sich am Dienstag gegen den ehemaligen Kongressabgeordneten Mike Rogers (Republikaner aus Michigan) durch. Er erhielt etwa 52,5 Prozent, während Rogers auf 45,6 Prozent der Stimmen kam. El-Sayed ist der erste Mohammedaner, der in den US-Senat gewählt wurde; er tritt die Nachfolge des ausscheidenden demokratischen Senators Gary Peters an.
„Ikhwan Online“, eine Art Zentralorgan der Muslimbruderschaft, feierte El-Sayeds Sieg bei den Vorwahlen im August gegen die Abgeordnete Haley Stevens (Demokratin aus Michigan). Das Medium bezeichnete das Ergebnis als einen Schlag gegen das, was es als „zionistische Besatzung“ betitelte. Zudem lobte die Plattform El-Sayeds Forderung, die bedingungslose US-Militärhilfe für Israel zu beenden.
Al-Dardiri – in den Unterlagen der US-Wahlbehörden als Abdul Mawgoud Dardery geführt – fungierte vor dem ägyptischen Militärputsch im Jahr 2013 als außenpolitischer Sprecher der „Partei für Freiheit und Gerechtigkeit“, die der Muslimbruderschaft nahesteht; heute ist er als Professor in Minnesota tätig. Wie aus den Unterlagen hervorgeht, spendete er im Juni 500 US-Dollar für El-Sayeds Wahlkampagne.
Gehört er zur Bruderschaft?
El-Sayed bestreitet jegliche Verbindung. Während des Wahlkampfs behauptete Rogers, sein Gegenkandidat habe „der Muslimbruderschaft seine Unterstützung zugesichert“ – ein Vorwurf, den Präsident Donald Trump noch verschärfte, indem er El-Sayed als „dschihadistisches Mitglied der Muslimbruderschaft“ bezeichnete.
El-Sayed sagte gegenüber Fox News: „Ich war nie Mitglied der Muslimbruderschaft und werde auch niemals Mitglied der Muslimbruderschaft sein.“ Nun funktioniert die Bruderschaft weltweit so, dass kaum jemand offiziell Mitglied, sondern stattdessen breit gefächertes Netzwerk von Vereinen, Wohltätigkeits- und Jugendstrukturen besteht. So kann sich dann fast jeder rausreden – und ist doch irgendwie eingebunden.
Jedenfalls hat El Saeds eigene Halbschwester, Eman Abdelhadi, bereits 2012 geschrieben: „Meine Familie gehört seit Langem zur Muslimbruderschaft.“ Sie berichtete außerdem, dass ihre Mutter in den 1970er-Jahren in der ägyptischen Muslimbruderschaft aktiv gewesen sei und Familienangehörige wegen ihrer Beteiligung inhaftiert worden seien.
Die Aussagen über familiäre Verbindungen sind dokumentiert. Auch der Schwiegervater El Sayed hatte Verbindungen zur Bruderschaft und war auch selbst in zwei nahestehenden Vereinen tätig. El-Sayed selbst gratulierte Mursi, dem kurzzeitigen ägyptischen Präsidenten der Muslimbrüder
Und Abdul El-Sayed gehört innerhalb der Demokraten zur Gruppe um Aber Kawas, einer Palästinenserin, die mit dem Hamas-Stirnband in der Hand gegen Israel demonstriert hat. Und jetzt in den Senat gewählt wurde.
Die Entwicklung der Bruderschaft
Der Arabischlehrer Hasan al-Bannā gründete die Muslimbruderschaft im März 1928 in Ismailia am Suezkanal zusammen mit sechs anderen Männern. Sie wandten sich gegen die Vorherrschaft der Briten in Ägypten und wollten für die Stärkung des Islams und der islamischen Umma (= Weltgemeinschaft) eintreten. Man leistete einen Treueid auf Gott und schwor, als Brüder leben und sich ganz in den Dienst des Islam stellen zu wollen.
Ziel der neuen Gemeinschaft war die Verbreitung islamischer Moralvorstellungen und die Unterstützung wohltätiger Aktionen, aber auch die Befreiung des Landes von der fremden Okkupation sowie der Kampf gegen die britisch-westliche „Dekadenz“. Der Westen wolle die islamische Tradition in der arabischen Welt zerstören, sei aber dekadent, weshalb der Islam bald eine Führungsrolle übernehmen werde.
In den 1930er Jahren wurde die Bruderschaft immer politischer, man forderte eine Rückkehr zum ursprünglichen Islam und der Errichtung einer islamischen Ordnung ein. Anerkannt werden dürften nur Herrscher, die in Übereinstimmung mit der Scharia regierten. Al-Banna trat nun auch für den bewaffneten Dschihad gegen Nicht-Muslime und deren Helfer ein. 1938 führte die „Bruderschaft“, unter Parolen wie „Nieder mit den Juden“ und „Juden raus aus Ägypten“, gewalttätige Proteste gegen Juden durch.
Al-Banna war von Anfang an ein Bewunderer von Benito Mussolini und Adolf Hitler. Aufgebaut wurde die Bruderschaft nach dem Vorbild der italienischen Faschisten, kooperiert haben sie mit der von Alfred Heß geführten NSDAP-Auslandssektion in Ägypten. Finanziert wurde die Bruderschaft ab 1938 von der NS-Regierung in Berlin, in der Folge konnte sie ihre Propaganda massiv ausweiten (Brynjar Lia: The Society of the Muslim Brother in Egypt – The Rise of an Islamic Mass Movement 1928–1942, Reading, 1998).
Mit den deutschen Geldern wuchs die Bruderschaft nun rascher und breitete sich auch in Nachbarländern aus. Hatte sie Ende der 1930er Jahre noch wenige hundert Mitglieder, so waren es 1941 schon etwa 60.000 und 1948 dann 500.000 Mitglieder und hunderttausende Sympathisanten. Sie war streng hierarchisch organisiert, hatte eigene Moscheen, Firmen, Fabriken, Krankenhäuser und Schulen und besetzte wichtige Posten in Armee und Gewerkschaften. Sie legte viel Wert auf Bildung und Ausbildung im Sinne ihrer islamischen Gesellschaftsvision.
Seit damals ist sie ein wichtiger Faktor in der ägyptischen Gesellschaft. Und seit den 1950er Jahren breitete sich die Bruderschaft international aus. Sie übernahm das Emirat Katar politisch und baute Sektionen in diversen islamischen Ländern auf, später auch in den westeuropäischen Staaten. Mit der regierenden türkischen AKP besteht eine enge Kooperation.
„Die Todesindustrie“
Die politische Leitlinie des globalen Machtfaktors Muslimbruderschaft legte al-Banna selbst. Bereits 1938 erschien sein Aufsatz „Die Todesindustrie“, in welchem die Abwendung vom Leben und die Verherrlichung des Märtyrertums ausgeführt werden:
„Derjenigen Nation, welche die Industrie des Todes perfektioniert und die weiß, wie man edel stirbt, gibt Gott ein stolzes Leben auf dieser Welt und ewige Gunst in dem Leben, das noch kommt. Die Illusion, die uns gedemütigt hatte, besteht in nichts anderem als der Liebe zum weltzugewandten Leben und dem Hass auf den Tod.“ (Dunja Larise und Thomas Schmidinger: Zwischen Gottesstaat und Islam – Handbuch des politischen Islam. Wien 2008)
Al-Banna formulierte in diesem Text sein Verständnis des Djihad, wobei das Sterben für den Glauben als höchstes Ziel und „Industrie“ – also als angestrebte Produktion von Märtyrertum – dargestellt wird.
Und Al-Banna formulierte auch die prägnanten Grundsätze der Muslimbrüder: „Gott ist unser Ziel. Der Prophet ist unser Führer. Der Koran ist unsere Verfassung. Der Dschihad ist unser Weg. Der Tod für Gott ist unser nobelster Wunsch.“ (Muhammad Murtaza: Die ägyptische Muslimbruderschaft – Geschichte und Ideologie. Berlin 2011)
Diese Leitsätze verwenden die Muslimbrüder bis zum heutigen Tag als Motto. Der Unterwerfung der Mitglieder der Muslimbruderschaft unter diese Ziele entspricht, dass sie sich in absolutem Gehorsam der Führung der Bruderschaft unterwerfen.
Politische Wirkung
Al-Banna ist bis heute Vorbild für die Muslimbrüder weltweit, in ihrem Netzwerk in mehr als 70 Ländern. Wenn sie in Ägypten oder auch Westeuropa immer wieder „gewaltfrei“ auftreten, ist das wohl taktischen Überlegungen angesichts aktueller Kräfteverhältnisse geschuldet. Ihre „palästinensische“ Teilorganisation, die Hamas, war stets militant ausgerichtet. Und auch Al-Kaida wurde maßgeblich von früheren Muslimbrüdern mit aufgebaut.
Vor allem hat al-Banna seine Ausführungen zum Märtyrertum für den Islam nicht frei erfunden, sondern stützt sich zu Recht auf den Religionsgründer und Kriegsherren Mohammed. Laut ihm wird der Tod für den islamischen Glauben in einem Paradies auf die höchstmögliche Weise belohnt, unter anderem mit den „Huris“ (schönen reinen Mädchen). Das findet sich im Koran in den Suren 44, 55 und 56. Die Zahl der 72 Jungfrauen wird nicht im Koran selbst genannt, sondern in „Hadithen“ (z. B. bei At-Tirmidhi oder Ibn Hibban).
Die katarische Herrscherfamilie Al-Thani ist eng mit dem internationalen Netzwerk der Muslimbruderschaft verbunden. De facto ist die Bruderschaft in Katar die herrschende politische Kraft, und das Emirat ein Staat der Muslimbrüder. Ihre Agenda ist, wie im Koran befohlen, die Islamisierung der gesamten Welt.
Während Al-Qaida oder IS voller religiös-politischem Eifer auf eine frühzeitige militärische Konfrontation setzen (und damit scheiterten), baut die Muslimbruderschaft über viele Jahrzehnte ihre ökonomischen, religiösen, politischen und militärischen Strukturen sowie ihre Verankerung in Institutionen und in der Bevölkerung auf.
In den westeuropäischen Institutionen und Parteien hat sie sich seit langem festgesetzt. Sie arbeitet dabei auch bewusst mit der demografischen Entwicklung, einer Art Geburtendschihad. Nun hat die Bruderschaft auch in den USA einen großen Schritt nach vorne gemacht, wenig überraschend in der islamischen Hochburg Michigan.
Erst dann, aus einer Position der Stärke, sucht die Muslimbruderschaft die Konfrontation und ist dann – ganz in der Tradition der islamischen Expansion – um nichts besser als Al-Qaida oder IS. Zuletzt bewiesen hat das die Hamas, ihre palästinensische Zweigstelle. Aufgrund ihrer überlegten und geduldigen Strategie und ihrer Verbreitung ist die Muslimbruderschaft letztlich global gesehen die deutlich größere Gefahr als Al-Qaida oder der IS.