Krakau-Blutbad: Drei Leichen im Täterhaus – war es ein Familiendrama?

(C) Report24/KI

Sechs Menschen erschossen, drei weitere Leichen im Wohnhaus des Schützen: Nach dem Blutbad von Krakau deutet sich ein mögliches Familiendrama an. Eine ehemalige Mitschülerin berichtet von einer jahrelangen Faszination des Täters für Amokläufe. Doch Polens Innenminister brachte schon wenige Stunden nach der Tat einen möglichen rechtsextremen Hintergrund ins Spiel – und löste damit einen politischen Streit aus.

Das Blutbad im polnischen Krakau – Report24 berichtete – hat eine weitere grausige Wendung genommen. Nachdem ein 24-jähriger Pole am Samstagnachmittag sechs Menschen auf dem historischen Hauptmarkt erschossen und mindestens 15 weitere verletzt hatte, fanden Ermittler in seiner Wohnung im rund 150 Kilometer entfernten Ostrowiec Świętokrzyski drei weitere Leichen. Zwei Frauen und ein Mann lagen tot in dem Gebäude. Ministerpräsident Donald Tusk bestätigte den Fund am Samstagabend. Insgesamt sind damit neun Todesfälle im Zusammenhang mit der Tat bekannt.

Tötete der Amokschütze zuerst seine eigene Familie?

Nach Angaben von Polizeisprecher Andrzej Fijołek handelt es sich bei den drei Toten höchstwahrscheinlich um die Eltern und die Schwester des Schützen. Die endgültige Identifizierung steht noch aus. Damit stellt sich eine Frage, die für die Aufklärung des Blutbads entscheidend werden könnte: Hat der 24-Jährige zunächst seine eigene Familie getötet und anschließend seinen Amoklauf in Krakau begonnen? Wann und unter welchen Umständen die drei Menschen starben, müssen die Ermittler noch klären.

Weitere Fragen werfen die Aussagen einer ehemaligen Mitschülerin auf. Gegenüber Radio ESKA berichtete die Frau, dass der spätere Schütze schon während seiner Schulzeit Zeichnungen von Erhängten und bewaffneten Angriffen auf Schulen angefertigt habe. Dabei soll er sich selbst als Angreifer dargestellt und davon gesprochen haben, einmal Attentäter werden zu wollen. Während des Onlineunterrichts sei er zudem einmal mit einer Gasmaske vor der Kamera erschienen. Die Frau beschrieb ihn als stillen, zurückgezogenen Jungen, der sich auffällig für Gewalt und militärische Themen interessierte.

Der mutmaßliche Täter, von polnischen Medien als Michał O. identifiziert, war Sportschütze und verfügte über eine legale Waffenbesitzgenehmigung. Zwei Schusswaffen waren auf ihn registriert. Sein Vater besaß nach Recherchen von Wirtualna Polska sogar elf registrierte Waffen. Das beim Amoklauf verwendete Auto gehörte ebenfalls dem Vater. Im Fahrzeug fanden die Beamten weitere Schusswaffen, Munition und militärische Ausrüstungsgegenstände. Ob der Sohn auch auf Waffen seines Vaters zurückgriff, ist Gegenstand der Ermittlungen.

Innenminister bringt schon früh Rechtsextremismus ins Spiel

Während die Hintergründe des möglichen Familiendramas noch ungeklärt sind, hat Innenminister Marcin Kierwiński bereits eine politische Spur öffentlich hervorgehoben. Der Generalsekretär der liberalen Bürgerkoalition von Ministerpräsident Donald Tusk erklärte am Samstagabend, es gebe Hinweise darauf, dass der Täter von rechtsextremen Ideologien fasziniert gewesen sei. Im selben Atemzug räumte er allerdings ein, dass diese Einschätzung noch überprüft werden müsse. Konkrete Ermittlungsergebnisse, die einen politischen Zusammenhang mit dem Blutbad belegen, nannte er nicht. Doch die linke Mainstreampresse ist direkt darauf angesprungen und verbreitete die Behauptung brav weiter – weil es in die eigenen Narrative von den „bösen Rechten“ passt.

Hinweise auf nationalradikale Symbolik gibt es durchaus. Das polnische Fachportal terroryzm.pl identifizierte auf einem Foto vom Polizeieinsatz ein mutmaßliches Falanga-Abzeichen auf der Kleidung des Schützen. Die stilisierte Hand mit Schwert wird unter anderem von der nationalradikalen Organisation ONR verwendet. Eine Mitgliedschaft des Täters in dieser Organisation ist damit jedoch nicht nachgewiesen. Auch ein politisches Bekennerschreiben ist bislang nicht bekannt. Ob seine mutmaßlichen politischen Ansichten beim Tatentschluss überhaupt eine Rolle spielten, bleibt offen.

Terrorismusforscher widerspricht – auch Krakaus Stadtpräsident skeptisch

Der polnische Terrorismusforscher Professor Robert Borkowski sieht das Geschehen vorerst eher als Massenmord denn als politisch motivierten Terroranschlag. Gegenüber Radio Kraków erklärte er, das Vorgehen erinnere an das Tatmuster eines Massenmörders. Für die Einstufung als politischer Terroranschlag fehlten bislang entscheidende Hinweise auf die Absichten des Schützen. Ein Manifest oder eine entsprechende Erklärung habe man bislang noch nicht gefunden.

Auch Krakaus Stadtpräsident Łukasz Gibała äußerte Zweifel an der frühen politischen Einordnung. In einem Interview mit Kanał Zero, über das das konservative Portal wPolityce berichtete, erklärte er, nicht zu wissen, worauf Kierwiński seine Einschätzung stütze. Gibała vermutet eher eine persönlich bedingte Gewalttat und sieht keinen begründeten Zusammenhang mit der zunehmenden politischen Polarisierung des Landes.

Politischer Streit um das Krakauer Blutbad

Die Äußerungen des Innenministers fallen in eine Zeit heftiger politischer Auseinandersetzungen zwischen Tusks liberalem Regierungslager und der nationalkonservativen Opposition. Entsprechend schnell wurde die frühe Rechtsextremismus-These selbst zum politischen Streitpunkt. Der konservative Fernsehsender TV Republika warf Kierwiński vor, die Tragödie ideologisch aufzuladen. Rechtsanwalt Bartosz Lewandowski kritisierte ebenfalls die frühe Zuschreibung und fragte nach den konkreten Beweisen.

Damit steht auch der politische Umgang mit der Tat zur Debatte. Kierwińskis Äußerung hat Gewicht, schließlich kommt sie vom Innenminister eines Landes, in dem sich die linke, pro-europäische Regierung und die nationalkonservative Opposition seit Jahren erbitterte Auseinandersetzungen liefern. Die Frage nach dem tatsächlichen Tatmotiv können jedoch nur die Ermittlungen beantworten – und bislang ist nicht einmal abschließend geklärt, ob dem Amoklauf tatsächlich ein dreifacher Familienmord vorausging.

Die Krakauer Staatsanwaltschaft untersucht inzwischen gemeinsam mit Polizei und Sicherheitsdiensten den Ablauf und die Vorbereitung der Tat. Nach Angaben von Staatsanwalt Tomasz Waszczuk werden mögliche Verbindungen des Schützen überprüft und weitere Zeugenvernehmungen vorbereitet. An den Ermittlungen sind mehrere Dienststellen der Staatsanwaltschaft beteiligt. Auch die Herkunft der Waffen und die Todesumstände der drei Menschen in Ostrowiec Świętokrzyski müssen noch aufgeklärt werden.

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