Während Kinder wegen Operationen unter Narkose liegen, verabreichen US-Krankenhäuser offenbar einfach so Impfungen. Allein am Children’s Hospital Colorado waren es bereits mehr als 18.000 junge Patienten. In Philadelphia beschert ein solches Impfprogramm der Klinik zusätzliche Einnahmen, weitere Impfstoffe sollen folgen. Ein erfahrener Anästhesist bezeichnet diese Praxis als „erschreckend verantwortungslos“.
Für das Children’s Hospital Colorado ist die Narkose offensichtlich eine veritable Gelegenheit, die Impfquote nach oben zu treiben. Seit 2020 nutzt die Klinik Operationen und andere medizinische Eingriffe, um Kindern während der Vollnarkose oder tiefen Sedierung zusätzliche Impfungen zu verabreichen. Wie ein im März 2026 veröffentlichter Beitrag der American Academy of Pediatrics (AAP) berichtet, wurden auf diese Weise mehr als 18.000 Kinder geimpft. Darunter befinden sich auch Patienten mit neurologischen oder kognitiven Einschränkungen, denen Impfungen im Wachzustand Schwierigkeiten bereiten.
Plus 4000 Prozent an Impfungen
Wie erfolgreich die Klinik ihre Impfkampagne betreibt, verrät eine Präsentation aus dem Jahr 2023. Die Vollnarkose wird darin allen Ernstes als „teachable moment“ bezeichnet – eine günstige Gelegenheit, das Gesundheitsverhalten zu beeinflussen. Nach Einführung des Programms stieg die Zahl der Impfungen rund um Operationen laut Klinikangaben um rund 4.000 Prozent. Für die Grippesaison 2021/2022 hatte man sich 1.500 Impfungen vorgenommen. Am Ende waren es 3.166. Bemerkenswert ist auch, was die Verantwortlichen als Hindernisse auflisteten: Neben organisatorischen Schwierigkeiten fanden sich darunter die Ablehnung durch Eltern und Patienten sowie Sicherheitsbedenken von Chirurgen und Anästhesisten..
In Philadelphia hat man ebenfalls Gefallen an dieser Praxis gefunden. Dort läuft seit 2023 ein Impfprogramm mit dem reichlich geschmacklosen Namen „Close Your Eyes, We’ll Immunize!“ – „Schließ die Augen, wir impfen!“ Während der Grippesaison 2025/2026 verabreichte das Children’s Hospital of Philadelphia (CHOP) insgesamt 2.054 Grippeimpfdosen an Kinder unter Narkose oder Sedierung. Rund ein Drittel der Familien gab an, dass ihre Kinder ohne dieses Angebot wahrscheinlich keine Grippeimpfung erhalten hätten. Die Verantwortlichen sehen darin einen beachtlichen Erfolg und messen die Leistung ihres Programms ausdrücklich an der Zahl verabreichter Impfungen.
Eine Cash Cow
Die zusätzliche Impfkampagne erfreut offenbar auch die Buchhaltung. Für die Grippesaison 2024/2025 weist die Klinikpräsentation mehr als 60.000 Dollar Einnahmen aus. In der beigefügten Abrechnungstabelle stehen exakt 64.096 Dollar an erfassten Zahlungen für gesondert vergütete Grippeimpfungen. Die Eltern mussten dafür nichts aus eigener Tasche bezahlen. Dass die Einnahmen neben den Impfquoten in einer Erfolgspräsentation auftauchen, lässt jedenfalls tief blicken. Eine zusätzliche Impfung bringt dem Krankenhaus somit unter Umständen auch zusätzliche Einnahmen.
Die Kliniken sehen eine vorherige Zustimmung der Eltern vor. In Philadelphia erhalten die Familien bereits vor dem Operationstermin Informationen über das Impfangebot und werden am Tag des Eingriffs erneut darauf angesprochen. Allerdings gestehen die Verantwortlichen selbst ein, dass im hektischen Klinikalltag vor Operationen häufig die Zeit für ausführliche Gespräche über Impfbedenken fehlt. Da darf man durchaus die Frage stellen, welchen Stellenwert eine gründliche Aufklärung gegenüber dem Wunsch nach möglichst hohen Impfquoten tatsächlich genießt. Gerade Eltern, deren Kinder unmittelbar vor einem operativen Eingriff stehen, sollten eine solche Entscheidung ohne Zeitdruck treffen können.
Scharfe Kritik eines Anästhesisten
Deutliche Kritik kommt vom amerikanischen Anästhesisten Madhava Setty, der auf 24 Jahre klinische Berufserfahrung zurückblickt und selbst am Children’s Hospital of Philadelphia ausgebildet wurde. In einem Beitrag vom 21. Oktober bezeichnet er das Impfprogramm als „stunningly irresponsible“ – erschreckend verantwortungslos. Anästhesisten seien darauf geschult, vermeidbare Risiken möglichst gering zu halten. Jede zusätzliche Substanz könne unerwünschte oder allergische Reaktionen hervorrufen. Treten während einer Operation Komplikationen auf, müssen die Ärzte feststellen, welches verabreichte Mittel dafür verantwortlich ist. Eine weitere Substanz macht diese Aufgabe möglicherweise schwieriger. Für Setty gehört eine Grippeimpfung deshalb nicht zu den Maßnahmen, die während einer Narkose durchgeführt werden sollten.
Solche Bedenken sind allerdings nicht neu. Eine bereits 2017 im Fachjournal „Current Opinion in Anaesthesiology“ veröffentlichte Übersichtsarbeit mit dem Titel „The implications of immunization in the daily practice of pediatric anesthesia“ beschäftigte sich mit den Wechselwirkungen zwischen Impfungen, Operationen und Narkosen. Die Autoren warnten unter anderem davor, dass Impfreaktionen wie Fieber mit postoperativen Komplikationen verwechselt werden können. Sie empfahlen bei planbaren Eingriffen einen Abstand von einer Woche nach Impfungen mit inaktivierten Impfstoffen und drei Wochen nach Lebendimpfungen. Auch nach Operationen sollten Impfungen aus ihrer Sicht zeitlich verschoben werden.
In Philadelphia richtet sich der Blick unterdessen bereits auf die nächste Ausbaustufe. Künftig könnten auch Covid-19- und RSV-Impfungen während einer Narkose verabreicht werden. Über automatisierte Systeme (und vielleicht bald schon digitale Impfausweise) möchte man zudem Kinder identifizieren, bei denen Impfungen oder Routineuntersuchungen ausstehen. Die medizinische Totalüberwachung soll schon im Säuglingsalter beginnen – mit zusätzlichem Profit für die Krankenhäuser und Big Pharma inklusive. Doch was ist mit den Kindern?