Getty Images insolvent: KI demontiert das Geschäft mit teuren Stockfotos

(C) Report24/KI

Jahrelang verdiente Getty Images prächtig an den Bildern anderer Leute. Fotografen bekamen teilweise gerade einmal 15 Prozent des Lizenzpreises, während die Bildagentur den großen Rest einstreicht. Wer Bilder ohne passende Lizenz verwendet, muss mit saftigen Forderungen rechnen. Nun steckt der Bildgigant selbst in der Insolvenz. Künstliche Intelligenz macht seinem Geschäftsmodell zunehmend Konkurrenz.

100 Dollar bezahlt der Kunde für ein Foto. Beim Fotografen landen im ungünstigsten Fall gerade einmal 15 Dollar, die übrigen 85 Dollar behält die Agentur für Vermarktung und Vertrieb. So sieht das Geschäftsmodell von Getty Images aus, wenn man die niedrigste vom Unternehmen selbst angegebene Beteiligung zugrunde legt. Je nach Vertrag erhalten Bildlieferanten zwischen 15 und 45 Prozent. Kamera, Objektive, Reisen, Arbeitszeit – die Kosten für die eigentliche Aufnahme trägt der Fotograf. Getty sorgt dafür, dass das Bild verkauft wird. Und kassiert dafür mitunter den Löwenanteil.

Ein gewaltiger Schuldenberg

Doch bei Getty brennt inzwischen finanziell die Hütte. Am 21. Oktober beantragte der amerikanische Bildriese Gläubigerschutz nach Chapter 11. Rund 1,46 Milliarden Dollar Schulden, teure Investorenprozesse und ein geplatzter Zusammenschluss mit Shutterstock haben das Unternehmen in die Krise getrieben. Trotz knapp einer Milliarde Dollar Jahresumsatz blieben zuletzt gerade einmal 20 Millionen Dollar Bargeld übrig. Ein Konzern, der jahrzehntelang mit der Vermarktung und dem Einklagen von Bildrechten Milliarden umsetzte, braucht nun selbst gerichtlichen Schutz vor seinen Gläubigern.

Dabei verstand sich Getty stets auch darauf, mögliche Lizenzverstöße aufzuspüren. Bereits 2012 berichtete die Bildagentur gegenüber der US-Urheberrechtsbehörde, innerhalb eines einzigen Jahres mehr als 40.000 mutmaßliche Verstöße verfolgt zu haben. Dabei ging es um über 60.000 Bilder. Getty verlangte üblicherweise Zahlungen zwischen mehreren Hundert und mehreren Tausend Dollar. Automatische Bilderkennung half bei der Suche nach möglichen Lizenzsündern. Da konnte ein falsch verwendetes Foto schnell teurer werden als der gesamte Internetauftritt, auf dem es zu sehen war.

Wer den Schaden hat…

Entsprechend hält sich die Trauer über Gettys finanzielle Schieflage bei manchen Internetnutzern in Grenzen. Auf X berichtet ein Kommentator, er habe für zahlreiche Projekte Stockbilder lizenziert. Wegen eines übersehenen Details bei der Verwendung seien ihm anschließend erhebliche Anwaltskosten entstanden. Ein Einzelfallbericht – doch der Frust dahinter ist unübersehbar. Urheberrechte schützen die Arbeit von Fotografen. Die Methoden ihrer Durchsetzung können Kunden trotzdem gehörig gegen den Strich gehen.

Und nun kommt die künstliche Intelligenz ins Spiel. Für ein Symbolbild vom glücklichen Rentnerpaar, vom Geschäftsmann im Büro oder vom Windrad im Sonnenuntergang braucht heute kaum noch jemand eine teure Bildagentur. Ein paar Worte in einen KI-Bildgenerator tippen, das Ergebnis anpassen, fertig. Was früher Bildersuche, Lizenzkauf und gegebenenfalls weitere Bearbeitung erforderte, erledigt die Software in Sekunden. Der Leser merkt bei solchen Allerweltsmotiven häufig kaum einen Unterschied. Und selbst wenn: Ihn interessiert vor allem, ob das Bild zur Geschichte passt.

Das Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr

Die Ironie dabei ist kaum zu übersehen. Getty Images lehnt von externen Bildlieferanten generierte KI-Werke weiterhin ab. Gleichzeitig verkauft der Konzern seinen Kunden eigene KI-Bildgeneratoren. Getty darf also mit künstlicher Intelligenz Geld verdienen, während Fotografen ihre selbst erzeugten KI-Bilder nicht einfach bei Getty und iStock hochladen dürfen. Ein Geschäftsmodell mit eingebauter Einbahnstraße. Adobe Stock macht es anders. Dort können Fotografen, Illustratoren und andere Anbieter längst auch KI-generierte Motive verkaufen. Die Bilder müssen entsprechend gekennzeichnet sein und bestimmte Qualitäts- und Rechtsvorgaben erfüllen. Während Getty seine Plattformen für externe KI-Kreationen geschlossen hält, lässt Adobe die Anbieter am neuen Markt teilhaben.

Dass Getty Kunden verliert, verraten die eigenen Geschäftszahlen. Innerhalb eines Jahres sank die Zahl der zahlenden Kunden von 707.000 auf 636.000. Noch heftiger traf es die aktiven Jahresabonnenten: Ihre Zahl brach von 321.000 auf 240.000 ein. Ein Viertel weniger! Getty verweist unter anderem auf Änderungen bei Probeabonnements und schwächeren Suchmaschinenverkehr. Gleichzeitig wächst mit den KI-Bildgeneratoren eine Konkurrenz heran, die Kunden viele gewöhnliche Stockmotive auf Knopfdruck selbst erstellen lässt.

Wer braucht noch Getty und andere Bildagenturen, wenn die KI solche Stockfotos konkurrenzlos günstig erstellen kann?

Auch das Urheberrecht bietet bei KI-Bildern eine Besonderheit. Nach Auffassung des US Copyright Office genießen rein maschinell erzeugte Werke grundsätzlich keinen eigenen Copyright-Schutz. Menschliche schöpferische Leistungen können dagegen geschützt sein. Fremde Marken, Persönlichkeitsrechte und geschützte Bildvorlagen bleiben ebenfalls relevant. Der entscheidende Unterschied für viele Nutzer: Ein selbst generiertes, gewöhnliches Symbolbild muss nicht mehr bei einem Stockfoto-Anbieter eingekauft werden.

Schlechte Zeiten für Stockfotografen

Für Stockfotografen ist das allerdings bitter. Viele haben über Jahre Bildarchive aufgebaut, Ausrüstung gekauft und unzählige Stunden in Motive investiert, die nun eine KI in Sekunden erzeugen kann. Gerade bei austauschbaren Werbe- und Symbolbildern gerät die bisherige Einnahmequelle unter Druck. Das ist eine ähnliche Entwicklung, wie bei der Ersetzung der Pferdekutschen durch die Automobile – manche Jobs wurden einfach obsolet, während sich andere weiterentwickelten. Echte Nachrichtenfotografie, einmalige Ereignisse und dokumentarische Aufnahmen behalten ihren besonderen Wert. Ein KI-Bild von einem brennenden Rathaus ersetzt schließlich keinen Fotografen, der tatsächlich vor Ort war.

Das Unternehmen versucht sich nun mit Investoren aus dem Umfeld der Getty-Familie und der Koch Equity Development zu retten. Mehr als eine halbe Milliarde Dollar werden für eine Restrukturierung bereitgestellt. Das dürfte Getty vorerst retten. Doch die eigentliche Zeitenwende lässt sich mit ein paar Hundert Millionen Dollar nicht aufhalten. Denn die KI produziert mittlerweile immer mehr Bilder und sogar Videos, welche solche Agenturen zusehends überflüssig machen. Das alte Geschäftsmodell ist jedenfalls nicht mehr tragfähig.

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