Deutschlands wirtschaftliche Basis bröckelt, während die Staats- und Sozialausgaben immer weiter steigen. Rund 600.000 Arbeitsplätze gingen seit Anfang 2022 in Industrie, Bau und Zeitarbeit verloren, während staatsnahe Branchen fast 700.000 zusätzliche Beschäftigte verzeichneten. Gleichzeitig erreichten die Sozialleistungen mit 1,43 Billionen Euro einen neuen Rekord. Die Politik braucht immer mehr Geld – ausgerechnet jene Wirtschaft, die einen wesentlichen Teil davon erwirtschaften soll, verliert zunehmend an Kraft.
In Deutschlands Fabriken wird gestrichen, gekürzt und gespart. Bei den staatsnahen Dienstleistungen geht es dagegen seit Jahren nahezu ununterbrochen bergauf. Eine auf Daten der Bundesagentur für Arbeit beruhende IW-Grafik zeigt zwei Beschäftigungskurven, die immer weiter auseinanderdriften. Auf der einen Seite stehen Industrie, Bau und Zeitarbeit, auf der anderen Verwaltung, Bildung, Gesundheits- und Sozialwesen. Die Industrie verliert Arbeitsplätze, aus deren Löhnen Steuern und Sozialbeiträge fließen. Gleichzeitig wächst die Beschäftigung in Bereichen, deren Finanzierung vielfach von diesen Einnahmen abhängt.
Seit Anfang 2022 hat der industrielle Bereich rund 600.000 Beschäftigte verloren, während im staatsnahen Bereich fast 700.000 hinzukamen. pic.twitter.com/7R6fJKhe9u
— Holger Schäfer (@HSchaeferIW) October 12, 2026
Weniger Produktion, weniger Arbeitsplätze
Allein 2025 verlor das verarbeitende Gewerbe laut Bundesagentur für Arbeit 177.000 sozialversicherungspflichtige Beschäftigte. Davon entfielen 52.000 auf die Autoindustrie samt Zulieferern, 28.000 auf den Maschinenbau und weitere 24.000 auf die Metallwarenherstellung. Andere Wirtschaftszweige legten zwar zusammen um rund 69.000 Stellen zu, konnten den industriellen Aderlass jedoch nicht einmal ansatzweise ausgleichen. Unter dem Strich verschwanden deutschlandweit 108.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Für Deutschlands einstigen Wohlstandsmotor fällt die Bilanz verheerend aus.
Und der Jobabbau ist dabei beileibe nicht das einzige Problem. Zwischen Februar 2022 und März 2026 brach die Produktion der energieintensiven Industriezweige um 15,2 Prozent ein. Die gesamte Industrie produzierte 9,5 Prozent weniger, in der Chemieindustrie betrug das Minus 18,1 Prozent und in der Papierindustrie 18,5 Prozent. Deutschlands Fabriken kämpfen mit teurer Energie, hohen Arbeitskosten und bürokratischen Belastungen. Jahrzehntelang verdiente die Bundesrepublik mit ihren Industrieprodukten Milliarden auf den Weltmärkten. Inzwischen stehen in immer mehr Betrieben Einsparungen und Personalabbau auf der Tagesordnung.
Mehr Sozialkosten, mehr Steuern und Abgaben
Während die Unternehmen jeden Euro umdrehen müssen, wächst die Rechnung für den Sozialstaat kräftig weiter. Das Bundesarbeitsministerium bezifferte die Sozialleistungen für 2025 auf gewaltige 1,431 Billionen Euro. Das entspricht bereits 32 Prozent der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Quote um 0,7 Prozentpunkte. Renten, Gesundheitsversorgung (auch für die Asylforderer aus aller Welt), Pflege und zahlreiche weitere Leistungen treiben die Ausgaben. Ausgerechnet die Unternehmen und Beschäftigten, die einen erheblichen Teil dieser Milliarden finanzieren, geraten durch hohe Standortkosten und den industriellen Niedergang unter Druck. Auch die staatlichen Geldleistungen zur sozialen Absicherung verteuerten sich 2025 kräftig. Laut Statistischem Bundesamt (Destatis) stiegen sie um 41,7 Milliarden Euro auf 751,2 Milliarden Euro. Ein Plus von 5,9 Prozent! Besonders stark stiegen die Ausgaben für Renten, Pensionen und Arbeitslosengeld I. Letzteres verteuerte sich sogar um 19,1 Prozent. Die schwache Wirtschaft schlägt nämlich auch auf die öffentlichen Haushalte durch. Beschäftigte verlieren ihre Jobs, während die Kosten für die soziale Absicherung steigen.
Und die arbeitenden Bürger werden bereits kräftig zur Kasse gebeten. Deutschland belastete 2025 einen alleinstehenden Durchschnittsverdiener ohne Kinder mit einem Steuer- und Abgabenkeil von 49,3 Prozent der gesamten Arbeitskosten. Von 100 Euro, die ein Arbeitgeber für diesen Beschäftigten aufwendet, entfallen rechnerisch 49,30 Euro auf Einkommensteuer und Sozialversicherungsbeiträge. Hinzu kommen dann noch Umsatzsteuer, Energiesteuern, CO2-Abgaben und unzählige andere Belastungen. Unter den verglichenen OECD-Staaten war die Belastung lediglich in Belgien höher. Mehr als zwei Drittel der deutschen Steuer- und Abgabenlast auf Arbeit entfallen auf Sozialversicherungsbeiträge. Ausgerechnet Deutschland, das mit seiner Industrie gegen internationale Konkurrenten bestehen muss, macht Arbeit damit besonders teuer.
Mehr Staat, weniger Privat
Wie sehr sich das wirtschaftliche Kräfteverhältnis bereits verschoben hat, dokumentiert eine IW-Studie vom 7. Oktober. Zwischen 2020 und 2025 lieferten privater Konsum und private Investitionen zusammen im Durchschnitt praktisch keinen Beitrag mehr zum realen Wirtschaftswachstum. Die positiven Wachstumsimpulse kamen aus dem Staatskonsum und den öffentlichen Investitionen. Der Außenhandel und die Vorratsveränderungen bremsten die Entwicklung zusätzlich. In den 2010er-Jahren hatte die Privatwirtschaft noch jährlich 1,4 Prozentpunkte zum Wachstum beigetragen. Eine ernüchternde Bilanz für die einstige Wirtschaftslokomotive Europas.
Auch bei den Investitionen driften Staat und Unternehmen auseinander. Während die realen öffentlichen Investitionen zuletzt gut 20 Prozent über dem Jahresdurchschnitt von 2019 lagen, blieben die privaten Investitionen mehr als zehn Prozent darunter. Der reale Staatskonsum legte seit 2019 um über 16 Prozent zu, die privaten Konsumausgaben lediglich um 4,5 Prozent. Die öffentliche Hand weitet ihre Ausgaben aus, doch die Unternehmen halten sich mit neuen Investitionen zurück. IW-Konjunkturchef Michael Grömling warnt: „Die deutsche Wirtschaft kommt aus eigener Kraft nicht mehr vom Fleck.“
Höheres Defizit, höhere Zinskosten
Bei den öffentlichen Haushalten wachsen die Milliardenlöcher. Der öffentliche Gesamthaushalt schloss 2025 mit einem Defizit von 127,3 Milliarden Euro ab. Bereits im ersten Halbjahr 2026 häuften sich erneut 98,8 Milliarden Euro Minus an – gut 40 Milliarden mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum! Die Ausgaben schossen um rund sechs Prozent nach oben, die Einnahmen stiegen lediglich um zwei Prozent. Allein die Zinsausgaben kletterten binnen eines Jahres um 21,2 Prozent auf 31,2 Milliarden Euro. Inzwischen kostet wegen der steigenden Zinssätze zudem die Refinanzierung der alten Schulden immer mehr Geld.
Die Verantwortung für Deutschlands Standortprobleme zieht sich durch mehrere Regierungen. Angela Merkel beschleunigte den Atomausstieg, die Ampel vollendete ihn 2023 und trieb zugleich den kostspieligen Umbau der Energieversorgung voran. Hohe Energiepreise, Arbeitskosten und bürokratische Belastungen gehören weiterhin zu den großen Problemen des Industriestandorts. Auch unter Friedrich Merz ist die wirtschaftliche Wende bislang ausgeblieben. Deutschlands Fabriken verlieren Arbeitsplätze, die Sozialausgaben erreichen Rekordhöhen und die öffentlichen Haushalte versinken immer tiefer in den roten Zahlen. Mehr Steuern, mehr Abgaben, mehr Schulden – während die industrielle Wettbewerbsfähigkeit weiter unter Druck steht. In Berlin werden Milliarden verteilt. In den Betrieben wird zusammengestrichen.