Vor gut zwei Wochen warnte Report24 vor einem gefährlichen vierten Quartal für Europas Dieselversorgung. Nun ist der Oktober da – und gleich mehrere Puffer brechen weg. China stoppt seine Treibstoffexporte, die Lieferungen nach Europa fielen auf ein September-Rekordtief und die Raffinerien müssen nach Monaten hoher Auslastung zur Wartung. Die G7 greift bereits zu den strategischen Reserven.
Am 19. September schrieb Report24 über Chinas Rolle auf dem angespannten Dieselmarkt: „Dreht Peking hier wieder zu, schlägt das schnell auf den Weltmarkt durch.“ Keine drei Wochen später ist dieser Fall eingetreten. Chinas Raffinerien sollen im Oktober praktisch keinen Diesel, kein Benzin und kein Kerosin mehr auf den Weltmarkt schicken. Peking will die eigenen Vorräte auffüllen und den heimischen Markt absichern.
Europa kann diese Mengen gerade kaum mehr ersetzen. Im September sanken die Diesel- und Gasoil-Importe aus anderen Weltregionen auf rund eine Million Barrel pro Tag. Laut Vortexa war das der niedrigste Septemberwert seit Beginn der entsprechenden Aufzeichnungen. Gegenüber dem Vorjahr fehlten rund 600.000 Barrel täglich. Auch auf den Tankern Richtung Europa befindet sich deutlich weniger Diesel als vor einem Jahr. Der schwache September dürfte damit kein Einzelfall bleiben. Vielmehr sieht dies angesichts der kritischen globalen Lage nach einer länger andauernden Mangellage aus.
🍊 #Diesel tantrums – in numbers (for Europe)
— Thorsten Froehlich (@FroehlichThors1) October 1, 2026
Washington wants the EU to release 120m barrels of diesel in six months – about a third of its stocks, and more per day than the US shipped to Europe in August. EU cover would drop from 79 to 53 days; Romania to 13. pic.twitter.com/Q8hIU3Q5Kk
Selbst verursachte Probleme
Doch ausgerechnet jetzt, wo der globale Markt austrocknet, müssen viele europäische Raffinerien ihre Wartungen nachholen. Die Betreiber hatten Arbeiten zuvor hinausgeschoben, um bei den hohen Margen möglichst viel Kraftstoff zu produzieren. Doch die Anlagen brauchen ebenso ihre Wartung. Im September fiel die europäische Raffinerieproduktion gegenüber August bereits um rund 600.000 Barrel pro Tag. Erste ungeplante Ausfälle kamen hinzu. Europa hat damit gleichzeitig weniger Importdiesel und weniger eigene Produktion. Russland hält seine Exportbeschränkungen aufrecht, China zieht sich im Oktober vom Weltmarkt zurück und die Lieferungen raffinierter Kraftstoffe aus dem Persischen Golf haben sich noch nicht vollständig erholt. Der Dieselmarkt bekommt nun jenen Stresstest, vor dem Report24 im September gewarnt hatte.
Dass Europa dabei so verwundbar ist, hat eine lange Vorgeschichte. Seit 2009 wurden laut FuelsEurope 35 Raffinerien geschlossen. Die europäische Raffineriekapazität schrumpfte dadurch um rund 20 Prozent. Hohe Energiekosten, zusätzliche CO2-Kosten und immer neue politische Vorgaben setzten der Branche zusätzlich zu. Produziert Europa weniger selbst, muss der fehlende Diesel eben anderswo gekauft werden. Report24 hat auf diese Falle schon im Mai hingewiesen. Rohöl allein hält keine Lastwagen, keine Traktoren und auch keine anderen schweren Maschinen am Laufen. Es braucht Raffinerien, die daraus Diesel machen. Verschwinden diese Anlagen, hilft im Ernstfall auch ein gut gefüllter Rohöltank nur noch wenig.
Washington erhöht den Druck
Nun zeigt sich, wie schnell aus dieser Abhängigkeit ein politisches Druckmittel wird. Die USA sind inzwischen einer der wichtigsten Diesellieferanten Europas. Donald Trumps Regierung verlangte Anfang Oktober von Deutschland und Frankreich die Freigabe strategischer Dieselbestände. Andernfalls stand sogar ein amerikanischer Exportstopp im Raum. Jene Leute, die vor einer Abhängigkeit von Russland warnten und auf den „großen Bruder“ in Übersee als „verlässlichen Partner“ verwiesen, haben sich wohl verrechnet.
Berlin und Paris sitzen auf großen Reserven. Die wurden aus gutem Grund angelegt: für Versorgungskrisen. Nun sollen sie helfen, den Weltmarkt zu beruhigen und die Preise zu drücken. Zwei Tage später folgte die G7-Entscheidung. Die Regierungen der wirtschaftlich dominanten Länder wollen insgesamt 100 Millionen Barrel aus ihren Notreserven auf den Markt bringen. Die Freigabe beginnt sofort und läuft über vier Monate. Besonders viel Diesel soll bereits innerhalb der ersten 20 Tage fließen. Gleichzeitig versprechen die G7-Staaten, untereinander keine Exportverbote für Energie zu verhängen. Die offizielle Erklärung enthält noch einen Punkt, der viel über die Lage sagt: Die G7 will sogar die Wartungspläne ihrer Raffinerien koordinieren, damit nicht zu viele Anlagen gleichzeitig ausfallen. Andere Raffinerieländer sollen ihre Produktion ebenfalls erhöhen. Ein entspannter Markt sieht anders aus.
Die Freigabe der Reserven kann etwas Zeit kaufen. Sie schafft aber keine einzige neue Raffinerie und ersetzt keine dauerhaft ausgefallenen Lieferströme. Was heute aus den Lagern verkauft wird, muss irgendwann nämlich auch wieder aufgefüllt werden. Und der Zeitpunkt könnte kaum schlechter sein. In Europa beginnt die Heizperiode, auf der Nordhalbkugel läuft die Ernte, Raffinerien müssen gewartet werden und Russland bleibt als großer Diesellieferant geschwächt. China, einer der wenigen Staaten mit genügend Raffineriekapazität für zusätzliche Exporte, kümmert sich zuerst um sich selbst.
Auf solche Reaktionen hat Europa jahrelang gewettet. Eigene Raffinerien verschwanden, russische Lieferungen wurden mit Sanktionen abgeschnitten und fehlender Diesel sollte vom Weltmarkt kommen. Solange China, Indien, die Golfstaaten oder die USA genügend Treibstoff lieferten, ging diese Rechnung irgendwie auf. Jetzt ziehen Staaten ihre eigenen Märkte vor. Plötzlich muss Europa strategische Reserven öffnen und mit Washington darüber verhandeln, ob amerikanischer Diesel überhaupt weiter über den Atlantik kommt. Der Oktober hat gerade erst begonnen. Europas Diesel-Falle ist bereits zugeschnappt.
