Deutschlands größte Offshore-Windkraftanlage ist nun offiziell eröffnet. Was im Jubel untergeht: Die Kosten für Offshore-Windkraft steigen dramatisch. Turbinen, Logistik und Kabel sind im Fünf-Jahres-Vergleich bereits um 30 bis 40 Prozent teurer geworden. Eine Trendumkehr ist nicht absehbar. Ungeachtet dessen – und ungeachtet der fehlenden Zuverlässigkeit bei der Stromerzeugung – werden die Anlagen immer gigantischer. Wo soll das hinführen?
EnBW steht hinter dem größten Offshore-Windprojekt Deutschlands, rund 110 Kilometer westlich von Helgoland. 64 Windräder mit einer Nabenhöhe von 142 Metern bilden den gigantischen Windpark, der im Oktober seine volle Kapazität erreichen soll. 2,4 Milliarden Euro wurden von Investoren in den Windpark „He Dreiht“ (niederdeutsch: „Er dreht“) gepumpt. Einspeisevergütung aus dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz soll er nicht erhalten: Stattdessen hat EnBW langjährige Vereinbarungen mit Großabnehmern wie Google, Bosch, Salzgitter, Deutsche Bahn und der Betreibergesellschaft des Frankfurter Flughafens (Fraport).
Die Eröffnung des Nordsee-Windparks wird medial gefeiert. Laut Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) soll „He Dreiht“ Deutschland unabhängiger von fossiler Energie machen: „In der Entwicklung der Offshore-Windenergie liegt enormes wirtschaftliches Potenzial für die Küstenregion, aber auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt“, behauptete Schneider.
Insgesamt sollen in Deutschland seit Jahresbeginn 622 Windräder errichtet worden sein. Das ist der Politik aber immer noch zu wenig, denn die zusätzliche Leistung von 2,9 Gigawatt auf dem Papier entspricht nicht einmal 40 Prozent des Jahresziels von 7,8 Gigawatt.
EnBW-Chef warnte bereits vor Kostenexplosion
Doch ist der grüne Ausbau so einfach und erträglich, wie die Politik es darstellt? EnBW-Vorstandschef Georg Stamatelopoulos ließ schon vor Wochen die Alarmglocken schrillen: „Wir müssen die Bezahlbarkeit im Auge behalten“, hatte er gegenüber der FAZ gewarnt. Die Situation habe sich „dramatisch verschlechtert“. Die Kosten für Windturbinen, Logistik und Kabel explodieren. Allein im Fünf-Jahres-Vergleich liege die Kostensteigerung bereits bei 30 bis 40 Prozent.
Deshalb empfahl er der Bundesregierung, die Ausbauziele zu reduzieren: „Lasst uns erst einmal 55 Gigawatt bauen, und dann sehen wir weiter.“ Die Bundesregierung strebt bis 2030 mindestens 30 und bis 2045 sogar 70 Gigawatt durch Offshore-Anlagen an. Zum Ende des ersten Halbjahres waren rund 10,8 GW installiert. An Land werden 115 Gigawatt bis 2030 und 160 Gigawatt bis 2040 angestrebt.
Wegen mangelnder Wirtschaftlichkeit hatte EnBW schon im Januar entschieden, sich aus zwei Offshore-Windprojekten in der Irischen See zurückzuziehen. Die Projekte hatten keine staatliche Förderung mehr erhalten.
Wie „grün“ sind die Stahlkolosse im Meer?
Die Bauteile und Rohstoffe für die riesigen Anlagen müssen von mehreren Kontinenten herangeschafft werden. Stahlplatten und Türme kommen häufig aus asiatischer Produktion, seltene Erden für die Permanentmagnete der Generatoren werden zu über 90 Prozent in China abgebaut und verarbeitet, Kupfer und Spezialkomponenten reisen ebenfalls global. „Emissionsfrei“ ist dieser Transport natürlich nicht. Günstig auch nicht.
Hinzu kommt, dass die Anlagen wachsen und wachsen. Installationsschiffe sind rar und müssen für jede neue Generation umgebaut werden. Häfen brauchen verstärkte Kaikanten, Fabriken werden neu errichtet oder massiv erweitert. Jede Störung in dieser weltumspannenden Lieferkette – ob geopolitisch oder logistisch – treibt die Kosten noch weiter nach oben. Autarkie, wie Deutschland sie angeblich anstrebt, sieht freilich anders aus.
Gefahren durch Unfälle und Defekte
Gleichzeitig lieferte ausgerechnet das EnBW-Vorzeigeprojekt bereits einen anschaulichen Beleg für die Risiken und Probleme: Ende Juli trieb plötzlich ein 20 Meter langes abgebrochenes Rotorblatt-Teil zwischen den Windparks „He Dreiht“ und „Hohe See“. Knapp unter der Wasseroberfläche war es kaum erkennbar und stellte laut Bundespolizei „ein erhebliches Risiko für die Seeschifffahrt“ dar.
Erste Bergungsversuche des Betreibers scheiterten. Ein Einsatzschiff musste den Verkehr umleiten. Das Rotorblatt wurde dann durch ein Kontrollboot zum Einsatzschiff geschleppt und anschließend über die Heckwanne auf das Hauptdeck gezogen. Mit einer Säge wurde der Flügel mehrfach in Teilstücke zerlegt, um an Bord gezogen zu werden. Schließlich schaffte man die Teile nach Cuxhaven, wo sie per Kran an Land gebracht wurden. Die Ursache für den Defekt war damals unklar, Hersteller Vestas wollte sie untersuchen. Ein teurer und gefährlicher Zwischenfall – noch bevor der Park vollständig am Netz ist.
Die Rotoren von „He Dreiht“ haben bereits einen Durchmesser von 236 Metern. Eine einzige Umdrehung überstreicht eine Fläche von mehr als sechs Fußballfeldern. Prototypen in China zielen aber bereits auf 310 Meter.
Check this “wind-harvesting beast” out!
— Mao Ning 毛宁 (@SpoxCHN_MaoNing) January 15, 2026
With three blades each 147 meters long, the world’s first 20MW offshore wind turbine was successfully installed in waters near SE China’s #Fujian. pic.twitter.com/CWiflRcTmh
Mit der absurd wachsenden Größe der Stahlkolosse steigen die logistischen Anforderungen an Häfen, Schiffe und Fabriken weiter. Auch die Folgen von Defekten werden verheerender. Ein abgebrochenes Blatt dieser Größe ist eine ernste Gefahr und ein kostspieliges Logistik- und Reparaturproblem auf offener See. Von den Schäden und Risiken für Umwelt und Tierwelt ganz zu schweigen. Kürzlich erst sorgte eine Studie für Aufsehen, die zeigte, dass die Luftströmungen von Offshore-Windparks Niederschläge vom Land aufs Meer verlagern können. Wie passt das zur allgegenwärtigen Dürre-Panik?
Windstrom bleibt natürlich ohnehin wetterabhängig und damit nicht planbar. Die Anlagen werden immer gigantischer, die Kosten explodieren, die Lieferketten sind vulnerabel, und die Risiken wachsen mit. Die Energiewende auf See dreht sich zwar wacker weiter, doch der Nutzen bleibt fraglich.
