Die NATO richtet ihre Planungen zunehmend auf einen möglichen Krieg in zwei Weltregionen gleichzeitig aus. Generalsekretär Mark Rutte beschreibt offen ein Szenario, in dem China gegen Taiwan vorgeht und Russland parallel die NATO in Europa bindet. Während Milliarden in neue Waffen, Munition und Truppen fließen, wird der gleichzeitige Konflikt mit zwei Atommächten zum strategischen Planspiel.
Bei der Konferenz der deutschen Auslandsvertretungen in Berlin sprach Rutte am 10. September ungewöhnlich offen über die Überlegungen innerhalb der NATO und der Vereinigten Staaten. Washington sehe die Gefahr, seine militärischen Ressourcen zu stark zu verteilen, wenn Europa nicht wesentlich mehr Verantwortung übernehme. Die USA müssten schließlich auch Kräfte für den Indopazifik bereithalten. Dann zeichnete der NATO-Chef das eigentliche Szenario. Sollte China gegen Taiwan oder einen anderen Teil der sogenannten ersten Inselkette vorgehen, werde Chinas Staatschef Xi Jinping nach Ruttes Einschätzung zuerst Wladimir Putin kontaktieren, damit Russland den Westen in Europa beschäftige. Dann hätte die NATO, so Rutte, ein „ernstes Problem auf beiden Kriegsschauplätzen“. Europa und der Indopazifik seien zunehmend miteinander verbunden.
Hinter dieser Aussage steht eine klare militärische Rechnung: Die europäischen NATO-Staaten sollen stark genug werden, um den Großteil eines möglichen Krieges gegen Russland selbst zu tragen. Dadurch könnten die Vereinigten Staaten im Ernstfall mehr Kräfte gegen China verlagern. Die entsprechende Aufrüstung läuft bereits. Rutte verwies in Berlin auf Russlands hohe Militärausgaben und begründete damit den weiteren Ausbau der NATO-Streitkräfte. Doch dass diese vor allem mit dem Krieg in der Ukraine zusammenhängen, scheint er geflissentlich zu ignorieren. Deutschland und andere europäische Staaten erhöhen indessen ebenfalls ihre Rüstungsetats, bauen die Munitionsproduktion und die Rüstungsindustrie aus und stellen zusätzliche Verbände für die NATO-Ostflanke bereit.
Doppelkriegsszenarien werden bereits getestet
Wie ernst dieses Doppelkriegsszenario genommen wird, zeigt ein Planspiel der französischen Foundation for Strategic Research und des European Values Center. Bei der Simulation wurde eine chinesische Teilblockade Taiwans mit gleichzeitigen russischen Eskalationsschritten an der NATO-Ostflanke verbunden. Das Manöver fand bereits im September 2025 statt, der Abschlussbericht erschien im Juni dieses Jahres.
Die Teilnehmer spielten damit ziemlich genau jene Lage durch, die Rutte nun öffentlich beschreibt: Krise um Taiwan im Osten, militärischer Druck Russlands im Westen. Der Bericht nennt erhebliche strukturelle, politische und operative Schwächen Europas bei einer solchen Doppelkrise. Besonders problematisch wären mangelnde Abstimmung, begrenzte Fähigkeiten und die weiterhin starke Abhängigkeit von amerikanischer Unterstützung. Im Szenario konzentrierten sich die USA vor allem auf Ostasien. Europa musste deshalb weitgehend selbst mit der Eskalation an der NATO-Ostflanke umgehen. Zusätzliche amerikanische Kräfte standen nur begrenzt zur Verfügung.
Damit wird verständlich, warum die NATO derzeit mit solcher Wucht auf höhere europäische Militärausgaben drängt. Mehr Soldaten, mehr Panzer, mehr Artillerie, mehr Luftabwehr und größere Munitionsbestände sollen Europa auch dann kampffähig halten, wenn Washington seine Streitkräfte im Pazifik benötigt. Ob Xi im Ernstfall tatsächlich Putin anrufen und einen parallelen russischen Angriff anfordern würde, weiß auch Rutte nicht. Es handelt sich um ein NATO-Szenario. Doch dieses Szenario fließt durchaus in Planspiele, Truppenplanung und Aufrüstungsentscheidungen mit ein.
Während Diplomaten von Sicherheit und Abschreckung sprechen, rechnen Militärplaner gleichzeitig bereits mit einem Krieg gegen Russland und China. Europa soll in diesem Modell aufrüsten, Kräfte binden und Washington den Rücken für den Pazifik freihalten. Doch einen Umstand vergessen die Aufrüstungsfanatiker gerne: Russland ist die weltweit größte Atommacht – und hat mehr als oft genug deutlich gemacht, im Ernstfall auch nukleare Waffen einzusetzen. Doch dann nützen all die Panzer, Artilleriestellungen und dergleichen nicht mehr viel. Ist dies den Kriegsfanatikern eigentlich bewusst?
