Claude als Kriegsingenieur: Raketen, Kamikaze-Schwärme und 12 Ziele in Taiwan

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Raketensteuerungen im Jemen, autonome Kamikaze-Drohnenschwärme in Russland und eine Software zur Ausschaltung von zwölf militärischen Zielen in Taiwan: Der KI-Konzern Anthropic hat aufgedeckt, wie sein Sprachmodell Claude bereits für militärische Entwicklungsprojekte eingesetzt wurde. Kleine Entwicklergruppen ließen die KI programmieren, recherchieren, simulieren und Fehler suchen – teilweise mit echter Hardware und einem Raketenstart. Damit lässt sich militärische Entwicklungsarbeit inzwischen mit deutlich weniger Personal stemmen.

Eine Rakete hebt im Norden des Jemen ab – und der Test geht schief. Nur wenige Stunden später sitzen die Entwickler wieder vor Claude und lassen die KI nach dem Fehler suchen. Der Vorgang stammt nicht aus einem Szenario von Militärs, sondern aus einem neuen Bericht des US-Unternehmens Anthropic über den Missbrauch seiner eigenen KI-Systeme zwischen Dezember 2025 und August 2026. Die Gruppe arbeitete gleich an drei Waffenprojekten: einer gelenkten Rakete, einer mehrstufigen ballistischen Rakete mit einer angestrebten Reichweite von mehr als 2.000 Kilometern und einer Raketenfamilie mit der Bezeichnung R2000. Für Letztere war auch eine Variante mit Hyperschall-Gleitflugkörper vorgesehen. Claude half bei der Flugsteuerung, Navigation, Stabilisierung, Simulation und beim Bau der benötigten Software.

Dabei setzte die Gruppe mehrere Claude-Instanzen gleichzeitig ein. Eine schrieb Code, eine recherchierte, eine weitere kontrollierte die Arbeit. Aus dem KI-Chatbot wurde damit faktisch ein kleines virtuelles Entwicklerteam. Anthropic zufolge blockierten die eigenen Schutzmechanismen zahlreiche Anfragen, andere kamen durch. Die Entwickler verschleierten den Zweck einzelner Arbeitsschritte und verteilten die Aufgaben auf verschiedene Sitzungen. Anthropic hat keinen Beleg dafür, dass am Ende eine einsatzfähige Waffe entstand. Der Raketenstart fand allerdings statt. Nach dem fehlgeschlagenen Test wurde Claude wieder mit der Auswertung und Fehlersuche beschäftigt. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Gruppe zudem bereits eine eigene Simulationsumgebung gebaut, die auch ohne weiteren Zugriff auf Claude weiterverwendet werden konnte.

Russland: KI programmiert den Kamikaze-Schwarm

Noch weiter gingen Entwickler in Russland. Ein kleines mutmaßliches Freelancer-Team arbeitete an einem autonomen Schwarm aus FPV-Kamikaze-Drohnen. Die Projekte liefen unter Namen wie „DronDoc“ und „Serafim“. Claude schrieb und testete Teile des Codes und speicherte die Ergebnisse direkt in den Projektdateien. Die Software sollte die Drohnen im Schwarm koordinieren, Ziele über die Bordkamera erkennen, gegnerische Drohnenbediener orten und den Endanflug übernehmen. Ein kleines Sprachmodell an Bord sollte zwischen Angriff, Beobachtung und Rückkehr entscheiden. Auch der Befehl zur Detonation gehörte zum System.

Als mögliche Zielklasse tauchte ausdrücklich „Person“ auf. Die Drohne sollte damit Ziele auswählen und den Sprengsatz auslösen können, ohne dass für diese Entscheidung unmittelbar ein Mensch eingreifen musste. Die Entwickler trainierten ihre Bilderkennung mit Aufnahmen aus dem Ukraine-Krieg, teilten Objekte in eigene und gegnerische Systeme ein und verwendeten wiederholt einen festen Punkt in der Oblast Donezk als simuliertes Angriffsziel. Das Projekt existierte dabei nicht nur auf dem Bildschirm. Die Entwickler spielten Firmware auf echte Platinen, richteten Einplatinencomputer ein und verbanden ihre Hardware mit der Simulationsumgebung. Anthropic bewertet die beobachteten Systeme dennoch als frühe Entwicklungsstadien; ein einsatzfähiger autonomer Drohnenschwarm sei demnach nicht entstanden.

Hinter dem Projekt sieht Anthropic keine russische Regierungsstelle, sondern ein kleines spezialisiertes Entwicklerteam mit Verbindungen zu einer regionalen Universität und einem Forschungszentrum im Umfeld der Russischen Akademie der Wissenschaften. Die Entwickler behaupteten selbst, unter anderem Gelder des russischen Verteidigungsministeriums und staatlicher Forschungsprogramme erhalten zu haben. Anthropic konnte diese Angaben nicht bestätigen.

China: Plötzlich stehen zwölf Ziele in Taiwan auf dem Bildschirm

Der dritte Fall führt nach China. Dort nutzte ein Akteur Claude zum Aufbau einer chinesischsprachigen Software-Suite für elektronische Kriegsführung und die Bekämpfung gegnerischer Luftabwehr. Rund 16 Module und zwölf Versionen entstanden während des Projekts. Die Software analysierte Radaranlagen, Flugabwehrstellungen, Kommandoposten und Kommunikationsknoten. Sie berechnete deren Erfassungsbereiche, simulierte Störmaßnahmen und bewertete, welche Ziele besonders wichtig oder verwundbar waren. Auch Patriot- und THAAD-Systeme spielten in den Berechnungen eine Rolle. Mitten in der Entwicklung änderte der Nutzer das Standardszenario. Von da an standen zwölf Ziele in Taiwan im Mittelpunkt der Simulation. Darunter befanden sich laut Anthropic ein Kommandobunker, eine Frühwarnradaranlage, Patriot- und Tien-Kung-Flugabwehrstellungen, große Luftwaffenbasen und ein regionales militärisches Hauptquartier.

Anthropic stuft den Nutzer als chinesischen Forscher aus dem militärisch-industriellen Bereich ein. Kontodaten und Inhalte wiesen nach Angaben des Unternehmens Verbindungen zu chinesischen Forschungseinrichtungen auf, darunter die Academy of Military Sciences der Volksbefreiungsarmee. Dass die Software im Auftrag der chinesischen Streitkräfte entwickelt wurde, ist damit allerdings nicht bewiesen. Auch Reuters berichtete über die von Anthropic aufgedeckten Fälle. Gegenüber der Nachrichtenagentur erklärte das chinesische Außenministerium, man kenne den Bericht nicht. Peking betonte zugleich, KI solle zum Guten eingesetzt werden, und wies Vorwürfe gegen China zurück.

KI macht kleine Teams gefährlicher

Anthropic dokumentiert damit einen Entwicklungssprung, der militärisch weit über einzelne Projekte hinausreicht. Hoch spezialisierte Arbeit lässt sich zumindest teilweise auf KI auslagern. Claude schrieb Programmcode, simulierte Systeme, suchte Fehler und kontrollierte die Arbeit anderer Claude-Instanzen. Im Jemen übernahm die KI Aufgaben, für die sonst zusätzliche Softwareingenieure gebraucht worden wären. Menschen mit technischem Wissen, Hardware, Geld und Zugang zu Bauteilen bleiben notwendig. Doch die Teams können kleiner werden. Wenige Spezialisten können mehrere KI-Instanzen gleichzeitig einsetzen und damit Programmierung, Recherche, Kontrolle und Fehlersuche parallel erledigen.

Die Schutzmechanismen der Anbieter stoppen das offenbar nur teilweise. Im Jemen kamen die Entwickler weiter, indem sie ihre tatsächlichen Ziele verschleierten und die Arbeit auf viele einzelne Sitzungen verteilten. Eine harmlose Teilaufgabe verrät wenig darüber, was am Ende daraus zusammengesetzt wird. Die Rakete aus dem Jemen funktionierte beim Test offenbar noch nicht, der russische Drohnenschwarm befand sich noch in Entwicklung und für die Taiwan-Software ist kein realer Einsatz belegt. Trotzdem floss Claude in allen drei Fällen bereits direkt in Waffenentwicklung und militärische Planung ein.

Der fehlgeschlagene Raketenstart zeigt, wie eng Entwicklung und KI-Unterstützung inzwischen zusammenliegen: Rakete starten, Fehler feststellen, Daten auswerten – und wenige Stunden später wird bereits an der nächsten Version gearbeitet. Und dank der Aufteilung in mehrere Zwischenschritte wird es für die KI-Systeme schwierig, solche Entwicklungen rasch zu entdecken. Noch schwieriger wird es, wenn die Entwickler ihre Arbeit nicht nur auf verschiedene Sitzungen oder Accounts ausweiten, sondern gleich auf unterschiedliche KI-Modelle. Claude übernimmt einen Teil, ChatGPT einen anderen, während Gemini wiederum für einen anderen Abschnitt eingesetzt wird. Wie viele dadurch ermöglichte Entwicklungen durch das Raster gerutscht sind, weiß niemand.

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