Belgischer Entwicklungshelfer bei Hamas-Brigade? Neue Bilder werfen Fragen auf

(C) Report24/KI

Belgien machte den Tod seines Entwicklungshelfers Abdallah Nabhan im Gazastreifen 2024 zum diplomatischen Fall und bestellte Israels Botschafterin ein. Nun zeigen neu aufgetauchte Aufnahmen den Enabel-Mitarbeiter in militärischer Kleidung, während ihn ein der Hamas-Brigade von Khan Younis zugerechneter Kanal als „Mujahid“ würdigt. Israel verlangt inzwischen eine Entschuldigung – und Belgien muss sich fragen lassen, wen die staatliche Entwicklungsagentur jahrelang für ein europäisch finanziertes Projekt beschäftigte.

Am Morgen des 25. April 2024 war die Rollenverteilung für die belgische Regierung schnell geklärt. In Rafah war in der Nacht ein Haus von einer israelischen Bombe getroffen worden, unter den Toten befanden sich der 33-jährige Abdallah Nabhan und sein siebenjähriger Sohn Jamal. Nabhan arbeitete für Enabel, die staatliche belgische Entwicklungsagentur, und kümmerte sich dort um ein europäisches Programm zur Unterstützung kleiner Unternehmen im Gazastreifen. Außenministerin Hadja Lahbib kündigte umgehend an, die israelische Botschafterin einzubestellen. Sie sprach von einem „inakzeptablen“ Angriff und verlangte eine Erklärung. Entwicklungsministerin Caroline Gennez ging noch weiter und warf Israel die Bombardierung ziviler Infrastruktur und „unschuldiger Zivilisten“ entgegen internationalem und humanitärem Recht vor. Nabhan war für Belgien der getötete Entwicklungshelfer, Israel stand wieder einmal auf der Anklagebank.

Als „Mujahid“ in Uniform

Mehr als zwei Jahre später sieht Nabhan auf den nun veröffentlichten Bildern erheblich anders aus als auf den Nachrufen seiner belgischen Arbeitgeber. Der OSINT-Rechercheur Gabriel Epstein vom Israel Policy Forum stieß auf eine Todesanzeige eines Kanals, der mit der Khan-Younis-Brigade der Hamas in Verbindung gebracht wird. Darauf ist Nabhan in militärisch anmutender Uniform abgebildet und wird als „Mujahid“ bezeichnet. Epstein fand außerdem einen Beitrag eines Angehörigen aus dem März 2025, in dem Abdallah Nabhan und dessen Bruder Ahmad ebenfalls als „Mujahideen“ bezeichnet werden. Seine Schlussfolgerung: Nabhan scheine Mitglied der Khan-Younis-Brigade gewesen zu sein. Diese Brigade gehört zum militärischen Arm der Hamas, den Izz-ad-Din-al-Qassam-Brigaden.

Auch wenn eine unabhängige Bestätigung noch nicht vorliegt, scheint der Fall sonnenklar zu sein. Die Bilder, die Bezeichnung als „Mujahid“, der Beitrag des Angehörigen und die Veröffentlichung über einen der Khan-Younis-Brigade zugerechneten Kanal ergeben nämlich genug Material, um Belgien unangenehme Fragen zu bescheren. Zumal die israelische Seite bereits unmittelbar nach dem Angriff 2024 erklärt hatte, dass das getroffene Haus einem hochrangigen Hamas-Mann aus Nabhans erweitertem Familienkreis gehört habe und dieser das Ziel des Luftschlags gewesen sei.

Belgischer Staat setzte ihm ein Denkmal

Enabel behandelte Nabhan nach seinem Tod ausschließlich als Opfer. Im Tätigkeitsbericht 2023/2024 widmete die Agentur ihm und seinem Sohn ein eigenes „In memoriam“. Nabhan wird dort als „engagierter und geschätzter Kollege“ gewürdigt, der seit April 2020 als Business Development Officer für das europäische Förderprojekt im Gazastreifen gearbeitet habe. Enabel beklagte zudem, er sei auf einer Liste jener Mitarbeiter gestanden, denen die Ausreise aus Gaza ermöglicht werden sollte, aber noch vor seiner Ausreise getötet worden.

Bei Enabel handelt es sich allerdings um keine kleine NGO, die irgendwo auf eigene Rechnung Hilfsprojekte betreibt. Die öffentlich-rechtliche Gesellschaft gehört vollständig dem belgischen Staat und setzt belgische Entwicklungsprogramme um. Nabhan saß dadurch über vier Jahre mitten in einem staatlich getragenen und europäisch finanzierten Hilfssystem. Sollten sich die Hinweise auf seine Hamas-Zugehörigkeit bestätigen, stellt sich zwangsläufig die Frage, welche Sicherheitsprüfungen bei lokalen Mitarbeitern im Gazastreifen überhaupt stattfanden.

Hinzu kommt ein Vorwurf, den israelische Stellen bereits gegenüber Belgien erhoben haben sollen. Nach Angaben von Brussels Signal übermittelten sie belgischen Behörden Namen mutmaßlicher Hamas-Mitglieder, die auf den Mitarbeiterlisten von Enabel gestanden hätten. Israel behauptet, darauf sei keine Reaktion erfolgt. Enabel und die belgische Regierung hatten diesen Vorwurf in der aktuellen Auseinandersetzung zunächst nicht öffentlich beantwortet.

Israel verlangt eine Entschuldigung

Die israelische Botschaft in Belgien will die damaligen Vorwürfe inzwischen nicht mehr auf sich sitzen lassen. Sie erinnert daran, dass Belgien nach Nabhans Tod Israels Botschafterin einbestellte und öffentlich gegen den Luftangriff auftrat. Angesichts des jetzt aufgetauchten Materials fordert sie eine Entschuldigung und stichelt in Richtung der damaligen belgischen Empörung: Vor einer Verurteilung Israels seien Fakten wichtig. Eine öffentliche Entschuldigung wäre vorzuziehen, eine private werde ebenfalls akzeptiert.

Ausgerechnet Hadja Lahbib, die damals Israels Botschafterin einbestellen ließ, ist mittlerweile EU-Kommissarin für Gleichstellung sowie Krisenvorsorge und Krisenmanagement. Zu ihrem Aufgabenbereich gehören auch die humanitäre Hilfe und die Förderung des humanitären Völkerrechts. Im April 2024 verlangte sie von Israel eine Erklärung für den Tod des Enabel-Mitarbeiters. Nun muss sich ausgerechnet Belgien erklären.

Schon wieder ein „Helfer“ mit Hamas-Spur

Für westliche Geldgeber ist die Geschichte besonders peinlich, weil Nabhan keineswegs der erste vermeintlich rein zivile Mitarbeiter aus dem Gaza-Hilfsapparat wäre, dessen Biografie später ein ganz anderes Bild ergibt. Im August berichtete Report24 über Imad El Samhouri, einen langjährigen Lehrer und Schulleiter des UN-Palästinenserhilfswerks UNRWA. Bei einer offiziellen UN-Gedenkfeier wurde seiner als getötetem Mitarbeiter gedacht, Annalena Baerbock entzündete gemeinsam mit UN-Generalsekretär António Guterres eine „ewige Flamme“. Die Kassam-Brigaden präsentierten Samhouri später in einem eigenen „Märtyrer“-Video als Feldkommandeur der Hamas.

Bereits im Mai waren weitere Fälle publik geworden. US-Behörden hatten Erkenntnisse zu vier früheren oder damaligen UNRWA-Mitarbeitern vorgelegt, denen eine Beteiligung am Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 oder Verbindungen zur Terrororganisation vorgeworfen wurden. Darunter befanden sich Lehrer und eine Sozialarbeiterin – Menschen also, deren zivile Berufsbezeichnungen im Westen zunächst hervorragend in das Bild des humanitären Gaza-Personals passten. Bei einzelnen Beschuldigten ging es sogar um die Entführung israelischer Geiseln.

Nun steht ein Mitarbeiter einer belgischen Staatsagentur im Fokus. Vier Jahre lang arbeitete Abdallah Nabhan für Enabel, nach seinem Tod ehrte ihn die Agentur im Jahresbericht und die belgische Regierung ging diplomatisch auf Israel los. Zwei Jahre später kursiert sein Bild in Uniform in einem Umfeld der Hamas-Brigaden. Die Entschuldigung, die Israel jetzt verlangt, könnte für Belgien noch der angenehmste Teil der Aufarbeitung sein.

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