Norwegens Wasserkraft soll einspringen, wenn Deutschlands Windkraftwerke und Solaranlagen zu wenig Strom liefern. Nun erklärt ausgerechnet Norwegens Energieminister Terje Aasland diese Vorstellung für gescheitert. Europa habe seine stabile Stromerzeugung durch die Stilllegung von Kohle- und Kernkraftwerken sowie fehlende Investitionen in neue Gaskraftwerke selbst geschwächt.
Jahrelang gehörte Norwegen fest zur europäischen Energiewende-Erzählung. Deutsche und andere europäische Wind- und Solaranlagen sollten immer mehr konventionelle Kraftwerke ersetzen, während die riesigen norwegischen Wasserspeicher bei Flaute und Dunkelheit einspringen. Überschüssiger Strom sollte bei Bedarf umgekehrt über Seekabel nach Skandinavien fließen. Die „grüne Batterie Europas“ wurde zum politischen Argument für den Ausbau grenzüberschreitender Stromleitungen.
Doch damit räumt Norwegens Energieminister Terje Aasland nun auf. „Es war eine fehlerhafte Idee“, erklärte er gegenüber Reuters. Norwegen könne den europäischen Strommarkt nicht allein ausbalancieren. Noch interessanter ist seine Begründung: Aasland fordert die europäischen Staaten auf, ihre stabile Stromversorgung wieder zu stärken. Diese sei durch die Stilllegung von Kohle- und Kernkraftwerken sowie mangelnde Investitionen in neue Gaskraftwerke geschwächt worden. Neue Stromverbindungen ins Ausland will Norwegen nicht mehr bauen.
Norway is officially breaking with Brussels' energy policies.
— Francesco Sassi (@Frank_Stones) August 25, 2026
Norwegian Energy Minister Terje Aasland has declared that Oslo will pursue Barents Sea oil & gas exploration—regardless of any EU Arctic moratoriums.
Here is why the EU–Norway energy alliance is fracturing 🧵🇳🇴🇪🇺👇 pic.twitter.com/tye1SlK6sS
Aasland trifft damit einen wunden Punkt der europäischen Energiewende. Immer mehr wetterabhängige Erzeugung wurde ins Netz gedrückt, während gleichzeitig regelbare Kraftwerksleistung verschwand. Die dadurch fehlende gesicherte Leistung sollte zunehmend durch Stromhandel, Netzausbau und Speicher aufgefangen werden. Doch auch Norwegens gewaltige Wasserkraftreserven sind endlich. Die norwegische Wasser- und Energiedirektion NVE beziffert die gesamte Speicherkapazität der Wasserkraftreservoirs auf rund 87,4 Terawattstunden. Das ist enorm – aber eben kein Ersatz für stillgelegte Kohle-, Gas- und Kernkraftwerke quer über den europäischen Kontinent.
Norwegen liefert dabei bereits erhebliche Strommengen ins Ausland. 2025 exportierte das Land nach Angaben der staatlichen Statistikbehörde SSB 34,3 TWh, importierte gleichzeitig 11,5 TWh und erreichte damit einen Rekord-Nettoexport von 22,8 TWh. Selbst das Wasserkraftland Norwegen ist also kein grenzenlos verfügbarer Stromspeicher, aus dem sich Europa nach Bedarf bedienen kann. Produktion, Verbrauch, Preise und verfügbare Leitungskapazitäten bestimmen die Stromflüsse in beide Richtungen.
Merkel feierte NordLink als Baustein der Energiewende
Deutschland setzte besonders stark auf dieses Modell. Im Mai 2021 wurde die 623 Kilometer lange und bis zu 1.400 Megawatt starke Stromverbindung NordLink zwischen Norwegen und Deutschland offiziell eröffnet. Angela Merkel pries sie damals als „Meilenstein“ für nachhaltige Energieversorgung und Klimaschutz in Europa. TenneT erklärte sogar, NordLink sei ein „enorm wichtiger Baustein“ der europäischen Energiewende, um wind- und sonnenarme Zeiten auszugleichen. Norwegische Wasserkraft und deutsche Windenergie würden sich „optimal“ ergänzen.
Fünf Jahre später bezeichnet Norwegens zuständiger Energieminister die Vorstellung seines Landes als „grüne Batterie Europas“ als fehlerhaft. Gleichzeitig bekommt Norwegen die Folgen der europäischen Strommarktintegration selbst zu spüren. Reuters zufolge machten die zusätzlichen Leitungen das Land anfälliger für die Preisschwankungen auf dem Kontinent und verteuerten den Strom in Norwegen selbst. Aus dem erhofften Exportgeschäft wurde damit auch ein innenpolitisches Problem.
Die norwegische Regierung zog bereits im Februar 2025 die Konsequenzen. Wegen der „großen Instabilität“ auf den europäischen Strommärkten wolle man sich nicht noch enger an das europäische Energiesystem binden, erklärte Aasland damals. Neue Stromverbindungen wurden ausgeschlossen, die Planung weiterer Seekabel bis 2029 gestoppt. Gleichzeitig kündigte Oslo Maßnahmen gegen starke Strompreisschwankungen an.
Europas Kraftwerksproblem lässt sich nicht nach Norwegen auslagern
Aaslands aktuelle Aussagen treffen damit den Kern des Problems. Wind- und Solarparks ersetzen auf dem Papier immer größere Mengen konventioneller Kraftwerksleistung. In einer windstillen Winternacht nutzt jedoch weder die installierte Leistung einer Solaranlage noch die Nennleistung eines Windparks etwas. Dann braucht das Stromsystem Kraftwerke oder Speicher, die tatsächlich liefern können, wie ich auch in meinem Buch „Der Windkraft-Wahn“ erklärt habe.
Die Wasserkraftwerke in Norwegen können solche Engpässe zwar zumindest teilweise abfedern, doch sie können nicht gleichzeitig die fehlende gesicherte Leistung Deutschlands, Großbritanniens und weiterer europäischer Staaten ersetzen. Je mehr Länder ihre regelbare Erzeugung abbauen und sich auf Importe verlassen, desto größer wird das Problem bei europaweit schwacher Wind- und Solarproduktion. Der wohl bemerkenswerteste Satz Aaslands ist deshalb nicht einmal seine Abrechnung mit der „grünen Batterie“. Es ist sein Hinweis auf Kohle-, Kern- und Gaskraftwerke. Während Brüssel und Berlin ständig immer mehr Windparks, Solaranlagen und Stromleitungen als Lösung zu verkaufen versuchen, fordert Norwegens Energieminister Europa nun dazu auf, wieder für genügend stabile Stromerzeugung zu sorgen.
Zu glauben, dass sich die Probleme der wetterabhängigen Stromerzeugung auf dem Kontinent durch zusätzliche Importleitungen lösen lassen, erweist sich damit wieder einmal als höchst naiv. Man kann doch nicht davon ausgehen, dass andere Länder die Verfehlungen der eigenen Energiepolitik ausgleichen und sich selbst damit auch noch mit Freuden den Preiskapriolen durch den Flatterstrom aussetzen wollen.
