Die USA haben das italienische Antifakollektiv Autistici/Inventati (A/I) mit Terrorismussanktionen belegt. Über dessen Plattform Noblogs verbreiteten deutsche Linksextremisten Bekennerschreiben zu Anschlägen auf Stromnetze, Bahnstrecken und Energieanlagen. Die Bundesregierung wusste bereits 2018, wer diese Infrastruktur betreibt und wie stark sie von der deutschen Szene genutzt wurde.
Am 3. Januar 2026 brannte in Berlin eine Anlage der Stromversorgung. Rund 45.000 Haushalte im Südwesten der Hauptstadt blieben teilweise tagelang ohne Elektrizität, daneben traf der Ausfall Gewerbebetriebe und soziale Einrichtungen. Die sogenannte „Vulkangruppe“ bekannte sich zu dem Anschlag, der Generalbundesanwalt übernahm die Ermittlungen. Das Bekennerschreiben landete unter anderem auf „switchoff.noblogs.org“, wo seit Jahren Erklärungen militanter Linksextremisten veröffentlicht werden. Das nordrhein-westfälische Innenministerium hält in seinem Lagebild ausdrücklich fest, dass sowohl die Vulkangruppen als auch das „Kommando Angry Birds“ diese Plattform nach Anschlägen für ihre Selbstbezichtigungsschreiben nutzten.
Hinter Noblogs steht das italienische Technikkollektiv Autistici/Inventati, kurz A/I. Seit dem 26. August führt das US-Finanzministerium die Gruppe als Specially Designated Global Terrorist (SDGT). Washington wirft A/I vor, gewaltbereiten linksextremen Netzwerken und sanktionierten Terrororganisationen verschlüsselte E-Mail-Dienste, Chats, Webhosting und weitere technische Infrastruktur zur Verfügung zu stellen. Die Sanktionen erfolgten nach Executive Order 13224 wegen materieller und technologischer Unterstützung terroristischer Aktivitäten. Für die USA ist A/I damit ein Teil der Infrastruktur des internationalen Terrorismus.
Bundesregierung kannte das Netzwerk seit 2018
Unbekannt war Autistici/Inventati in Berlin allerdings nicht. Bereits 2018 musste sich die Bundesregierung mit der Noblogs-Seite „Augsburg für Krawalltouristen“ beschäftigen, die im Vorfeld eines AfD-Bundesparteitags zu Protesten mobilisierte. Dort erschienen nicht nur Aufrufe gegen die Veranstaltung, sondern auch Adressen von Partei- und Bürgerbüros sowie Privatadressen und Telefonnummern von AfD-Mitgliedern. Aus der sogenannte linken „Recherche“ wurde damit eine digitale Zielmarkierung von politischen Gegnern, damit linksextremistische Gruppen diese gezielt attackieren konnten.
In ihrer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage erklärte die Bundesregierung ausdrücklich, dass Noblogs von Autistici/Inventati betrieben werde. Mehr als 5.000 Blogs liefen damals über die Plattform, darunter nach Kenntnis der Behörden annähernd 220 Seiten deutscher Gruppen oder mit deutschsprachigen Inhalten. Noblogs sei in linksextremistischen Kreisen des deutschsprachigen Raums weit verbreitet. Wegen möglicher Straftaten rund um die Augsburger Doxxing-Seite führte die Staatsanwaltschaft sogar ein Sammelermittlungsverfahren. Der Betreiber, seine politische Ausrichtung und die Nutzung durch deutsche Linksextremisten waren den Behörden damit spätestens seit 2018 bekannt.
Acht Jahre später steht Autistici/Inventati in den Vereinigten Staaten unter Terrorismussanktionen. Noblogs verschwand währenddessen nicht aus der militanten Szene, sondern entwickelte sich zu einem digitalen Briefkasten für Gruppen, die Anschläge auf Stromversorgung, Bahnverkehr und andere Teile der kritischen Infrastruktur für sich reklamieren. Aus veröffentlichten Privatadressen politischer Gegner wurde eine Plattform für Bekennerschreiben nach Sabotageakten. Die technische Basis blieb dieselbe.
Bekennerschreiben nach Angriffen auf Strom und Bahn
Zu den bekanntesten Nutzern gehören die Vulkangruppen, die seit Jahren vor allem im Raum Berlin und Brandenburg zuschlagen. Im März 2024 setzten sie mit einem Brandanschlag die Stromversorgung der Tesla-Fabrik in Grünheide außer Betrieb und legte die Produktion lahm. Im Januar 2026 folgte der Berliner Blackout mit Zehntausenden betroffenen Haushalten. Das ebenfalls auf „Switch Off“ auftretende „Kommando Angry Birds“ konzentrierte seine Angriffe auf die Bahninfrastruktur. Beide linksextremistischen Terrorgruppen veröffentlichten ihre Schreiben über die von A/I bereitgestellte Noblogs-Infrastruktur.
Die Kette ist überschaubar: Autistici/Inventati betreibt Noblogs, Noblogs hostet „Switch Off“, und dort verbreiten militante deutsche Linksextremisten ihre Bekennerschreiben nach Anschlägen. Washington behandelt den Betreiber dieser Infrastruktur nun als Unterstützer terroristischer Strukturen. Deutsche Behörden beschränkten sich über Jahre darauf, die Plattform in Verfassungsschutzberichten und Antworten auf parlamentarische Anfragen zu dokumentieren, doch offensichtlich wollte man dort nicht tiefer graben und die Verantwortlichen ausfindig machen.
Ein neutraler Internetdienstleister ist A/I auch nach eigener Darstellung nicht. Das Kollektiv entstand aus der autonomen antikapitalistischen Bewegung und stellt seine Dienste ausdrücklich nur Personen und Gruppen zur Verfügung, zu denen eine politische „Affinität“ besteht. Interessenten müssen erklären, weshalb sie die Infrastruktur benötigen und ob sie mit den politischen Grundsätzen des Kollektivs übereinstimmen. Der Betreiber wählt seine Nutzer also gezielt nach ideologischen Kriterien aus.
Das US-Finanzministerium nennt unter den Nutzern der A/I-Infrastruktur ausdrücklich die PKK, die sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in der Europäischen Union als Terrororganisation gelistet ist. Damit erschöpft sich das Geschäft des Kollektivs nicht im Hosting deutscher Antifa-Blogs. Dieselben technischen Dienste standen nach amerikanischer Darstellung auch einer Organisation zur Verfügung, die seit Jahrzehnten Bombenanschläge, Entführungen und bewaffnete Angriffe verübt.
Dieselbe Plattform bei Sabotageakten in Italien
Auch italienische Ermittler stießen im Umfeld realer Anschläge auf Noblogs. Im Juni nahm die Polizei sieben mutmaßliche Mitglieder eines anarchistischen Netzwerks fest. Gegen sie wird wegen einer terroristischen Vereinigung und Angriffen auf die staatliche Ordnung ermittelt. Zwei Beschuldigte sollen während der Olympischen Winterspiele an einem Sabotageakt gegen die Hochgeschwindigkeitsstrecke Rom-Florenz beteiligt gewesen sein, bei dem ein Schaden von rund 455.000 Euro entstand.
Sowohl dieser Anschlag als auch eine weitere Sabotage an der Strecke Rom-Neapel wurden nach Angaben der Polizei auf „ispiraazione.noblogs.org“ reklamiert. Auf derselben Seite erschien ein umfangreiches Schreiben, in dem sich die Verfasser zu einem Angriff auf die Transalpine Ölleitung TAL bekannten. Diese Pipeline versorgt Raffinerien in Süddeutschland und Mitteleuropa und gehört damit zu den wichtigsten Energieadern der Region. Wieder dieselbe Struktur: Ein realer Angriff auf kritische Infrastruktur, anschließend das Bekennerschreiben auf einem Dienst von Autistici/Inventati.
Zweite Spur führt nach Deutschland
Die amerikanische Sanktionsrunde vom 26. August führt noch einmal nach Deutschland. Neben Autistici/Inventati setzte Washington auch Masar Badil auf die SDGT-Liste. Das US-Finanzministerium ordnet die Organisation dem Umfeld von Samidoun und der Popular Front for the Liberation of Palestine (PFLP) zu. Die PFLP steht in den USA und der EU auf der Terrorliste. Gleichzeitig sanktionierte Washington Zaid Abdulnasser alias Zid Tamim persönlich. In der offiziellen OFAC-Liste wird als sein Standort „Germany“ angegeben. Abdulnasser koordinierte Samidoun Deutschland und war zugleich für Masar Badil aktiv. Damit führt die Spur aus dem amerikanischen Sanktionspaket nicht nur zu den deutschen Nutzern von Noblogs, sondern auch zu einem Funktionär eines bereits verbotenen Netzwerks auf deutschem Boden.
Das Bundesinnenministerium verbot und löste Samidoun bereits im November 2023 auf. Zur Begründung führte das Ministerium unter anderem an, dass die Organisation Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele befürworte und Vereinigungen unterstütze, die Anschläge gegen Personen oder Sachen veranlassen, billigen oder androhen. Abdulnasser berichtete damals selbst, dass das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wegen seiner Aktivitäten für Samidoun und Masar Badil ein Verfahren zur Rücknahme oder zum Widerruf seines Schutzstatus eingeleitet habe. Fast drei Jahre später steht in der amerikanischen Sanktionsliste weiterhin Deutschland als sein Standort.
Autistici/Inventati weist die amerikanischen Vorwürfe zurück, bezeichnet die Sanktionen als unverhältnismäßig und spricht von Kommunikationsmitteln zur „digitalen Selbstverteidigung“ für Aktivisten. Seine Arbeit will das Kollektiv fortsetzen. Doch mit „Selbstverteidigung“ haben veröffentlichte Privatadressen politischer Gegner, Bekennerschreiben nach Stromausfällen und Erklärungen zu Angriffen auf Bahnstrecken und Ölpipelines wenig zu tun.
Die Bundesregierung wusste bereits 2018, wer Noblogs betreibt, wie stark die Plattform in der deutschen linksextremen Szene genutzt wurde und dass dort persönliche Daten von AfD-Mitgliedern erschienen. Heute veröffentlichen linksextremistische Terrorgruppen über dieselbe Infrastruktur ihre Bekennerschreiben nach Anschlägen auf Stromnetze, Bahnstrecken und Energieversorgung. Washington zog daraus Konsequenzen und setzte den Betreiber auf die Terror-Sanktionsliste. Berlin beobachtete, zählte und schrieb Berichte – bis im Januar wieder Zehntausende Bürger im Dunkeln saßen.
