Bis 1989 sorgte eine Quote dafür, dass mehr Männer zur zweiten Auswahlrunde für das finnische Grundschullehrerstudium zugelassen wurden. Viele von ihnen wären wegen schwächerer Sprachnoten sonst bereits vor dem weiteren Auswahlverfahren ausgeschieden. Eine Langzeitstudie zeigt nun: Die späteren Schüler der durch die Quote ins Lehramt gelangten Männer erzielten bessere Ergebnisse bei Ausbildung, Studium und Berufseinstieg – Jungen wie Mädchen.
Bis 1989 mussten mindestens 40 Prozent jener Bewerber, die es in die zweite Auswahlrunde für das finnische Grundschullehrerstudium schafften, Männer sein. Dann trat das Gleichstellungsgesetz in Kraft und die Quote fiel. Der Männeranteil unter den ausgewählten Kandidaten sackte praktisch sofort von rund 40 auf 20 Prozent ab, obwohl sich am Anteil männlicher Bewerber kaum etwas geändert hatte. Die Männer verloren nicht plötzlich das Interesse am Lehrerberuf – das Auswahlverfahren sortierte sie aus.
Ursina Schaede und Ville Mankki untersuchten die Folgen für ihre im Juni 2026 in der American Economic Review veröffentlichte Studie „Quota versus Quality? Long-Term Gains from an Unusual Gender Quota“. Die beiden Forscher werteten finnische Registerdaten aus den Jahren 1988 bis 2018 aus; die zentralen Berechnungen umfassen rund 825.000 Schüler. Weil Lehrer damals mit 60 Jahren in Pension gingen, wurden frei werdende Stellen je nach Gemeinde noch mit Männern aus den Quotenkohorten oder bereits mit Absolventen der stark weiblich dominierten Jahrgänge nach 1989 besetzt. So ließ sich verfolgen, welche Folgen ein höherer Anteil dieser männlichen Lehrer für die Schüler hatte.
Tämä suomalaisella datalla tehty kesällä 2026 taloustieteen huippulehdessä (AER) julkaistu tutkimus on saanut todella vähän mediahuomiota Suomessa.
— Marko Tapani Ikävalko (@MTIkavalko) August 24, 2026
Tulosten mukaan Suomen opettajakoulutuksen mieskiintiön poisto vuonna 1989 huononsi sekä poikien että tyttöjen tuloksia. (1/2) pic.twitter.com/h0IrUWcsIP
Das Zulassungsverfahren besaß eine klare Schlagseite zugunsten weiblicher Bewerber. Für die erste Auswahlstufe zählten Muttersprache, zweite Landessprache, eine Fremdsprache sowie Mathematik oder Naturwissenschaften. Drei Viertel der Zulassungsnote entfielen damit auf Sprachen. Frauen erzielten dort im Durchschnitt bessere Ergebnisse, während Männer häufiger in Mathematik, Physik oder Chemie vorn lagen. Nach dem Ende der Quote genügte dieser Sprachvorsprung, um einen großen Teil der Männer bereits vor der zweiten Auswahlrunde auszusieben.
Mit der späteren Qualität als Lehrer hatten diese Schulnoten allerdings praktisch nichts zu tun. Schaede und Mankki verglichen die Abschlussnoten der Lehrkräfte mit den Bildungswegen ihrer späteren Schüler und fanden keinen messbaren Zusammenhang. Eine bessere Zulassungsnote machte also keinen besseren Grundschullehrer. Finnland ersetzte die Männerquote durch ein angeblich leistungsorientiertes Verfahren, das leicht messbare Schulnoten belohnte – und dabei einen großen Teil der geeigneten Männer verlor.
Die Folgen reichten weit über die Grundschule hinaus. Ein um eine Standardabweichung höherer Anteil der durch die Quote ins Lehramt gelangten Männer – rund 6,5 Prozentpunkte – erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer direkten Bewerbung für eine weiterführende Ausbildung um 2,7 Prozentpunkte. Die Schüler verschoben ihre Bewerbung seltener, wählten passendere Bildungswege und erhielten häufiger einen ihrer beiden bevorzugten Ausbildungsplätze. Davon profitierten nicht nur Jungen: Bei den zentralen Ergebnissen fanden die Forscher keine systematischen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Schülern.
Mit 25 Jahren waren die ehemaligen Schüler aus Gemeinden mit einem höheren Anteil dieser männlichen Lehrer drei Prozentpunkte häufiger beschäftigt oder noch in Ausbildung. Gegenüber dem Ausgangsniveau entspricht das einem Plus von rund vier Prozent. Sie erwarben häufiger höhere berufliche Qualifikationen oder einen Bachelorabschluss und entschieden sich öfter für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Die Quote veränderte damit nicht nur die Zusammensetzung einiger Lehrerzimmer, sondern ganze Bildungs- und Berufswege.
Auch die späteren Laufbahnen der Lehrer liefern Hinweise auf ihre Motivation. Männliche Grundschullehrer verließen den Beruf seltener und übernahmen häufiger zusätzlich vergütete Aufgaben und Verantwortlichkeiten. Innerhalb des stark tarifgebundenen finnischen Schulsystems verdienten sie dadurch im Durchschnitt rund 3.000 Euro pro Jahr mehr als ihre Kolleginnen. Selbst bei kinderlosen Lehrkräften blieb ein Unterschied von rund 1.057 Euro beziehungsweise 4,5 Prozent bestehen.
Dabei verzichteten viele Männer mit ihrer Entscheidung für die Grundschule auf besser bezahlte Alternativen. Männliche Lehramtsabsolventen verdienten später rund 1.600 Euro weniger pro Jahr als vergleichbare männliche Bewerber, die einen anderen Berufsweg einschlugen. Abgelehnte Männer wechselten häufiger in Naturwissenschaften, Wirtschaft oder Recht. Bei Frauen verlief es umgekehrt: Grundschullehrerinnen verdienten rund 3.400 Euro mehr als vergleichbare Bewerberinnen außerhalb des Lehrerberufs. Unter den Männern entschieden sich demnach besonders viele trotz finanzieller Nachteile für das Klassenzimmer.
Die abgeschaffte Männerquote wird damit zum Lehrstück über die Grenzen angeblich objektiver Auswahlverfahren. Zwar brachte sie Bewerber mit schwächeren Zulassungsnoten in die zweite Runde. Doch diese Noten sagten kaum etwas über ihre Eignung als Lehrer aus. Nach Abschaffung der Quote stiegen die formalen Auswahlwerte, während jene Männer verschwanden, deren Schüler später bessere Bildungs- und Arbeitsmarktergebnisse erzielten. Auf dem Papier gewann Finnland bessere Bewerber – im Klassenzimmer verlor es offenbar bessere Lehrer.
In Deutschland sind inzwischen 73,2 Prozent aller Lehrkräfte an allgemeinbildenden Schulen Frauen, an den Grundschulen liegt der Frauenanteil bei rund 90 Prozent. Bei Vorständen, Hochschulen und technischen Berufen gilt ein ungleiches Geschlechterverhältnis seit Jahren als politisches Problem, das mit Förderprogrammen und Quoten bekämpft werden müsse. Im Klassenzimmer endet dieses Interesse an „Parität“ auffallend stark. Die finnischen Daten zeigen, dass der Männermangel dort nicht nur eine Zahl in einer Gleichstellungsstatistik ist – er kann den weiteren Lebensweg der Schüler beeinflussen.
