Solarmodule gelten als Sinnbild der „grünen“ Energiewende. Doch der massenhafte Ausbau auf Acker-, Grün- und Naturflächen fordert seinen ökologischen Preis. Eine neue Studie im Fachjournal Science weist nun in chinesischen Landkreisen mit besonders stark forcierter Solarförderung einen messbaren Rückgang der Vogelvielfalt nach – während Deutschland Zehntausende weitere Hektar für Photovoltaik beanspruchen will, obwohl die bestehenden Anlagen schon heute immer gewaltigere Stromspitzen produzieren.
China hat seinen Solarausbau in einem Tempo vorangetrieben, das selbst die europäischen Energiewendepläne in den Schatten stellt. Welche Folgen die wachsenden Modulflächen für die Natur haben, untersuchten Huiming Zhang und seine Kollegen in der am 20. August veröffentlichten Studie „China’s solar expansion policy reduces bird diversity“. Dafür werteten sie Daten aus 2.344 chinesischen Landkreisen zwischen 2014 und 2023 aus und kombinierten Vogelbeobachtungen mit Angaben zur Solarförderung, Landnutzung, Vegetation und regionalen Entwicklung. Eine um eine Standardabweichung höhere Intensität der staatlichen Solarausbaupolitik ging mit einem Rückgang des verwendeten Shannon-Diversitätsindex für Vögel um 2,1 Prozent einher. Dieser Index verbindet die Zahl der beobachteten Arten mit ihrer jeweiligen Häufigkeit. Besonders stark fiel der Rückgang in wohlhabenderen und nicht von Wüsten geprägten Regionen aus.
Nicht die Solarzellen an und für sich, sondern der Flächenfraß erwies sich als entscheidender Mechanismus. Acker- und Grasland wurden in technisch erschlossene Flächen umgewandelt, Lebensräume zerschnitten und unterschiedliche Vegetationsstrukturen durch ökologisch einförmigere Bestände ersetzt. In Wüstenregionen blieb der gemessene Effekt statistisch unauffällig. Besonders deutlich sank die Vogelvielfalt dort, wo der Solarausbau auf komplexere und bereits intensiv genutzte Lebensräume traf.
Auf dem Satellitenbild grüner, in Wirklichkeit an Vielfalt ärmer
Der Blattflächenindex nahm nach dem Solarausbau teilweise sogar zu. Unter und zwischen den Modulen konnte also mehr Pflanzenmasse vorhanden sein. Gleichzeitig sank jedoch die Vielfalt der Vegetation. Unterschiedliche Pflanzenstrukturen wurden durch dichtere, aber ökologisch homogenere Bestände ersetzt. Die Autoren nennen dieses Phänomen „inferior greening“ – eine minderwertige Begrünung. Auf dem Satellitenbild erscheint die Landschaft grüner, während sie als Lebensraum verarmt.
Die Science-Studie ist nicht die einzige ihrer Art. Forscher um Runjia Yang untersuchten für die im Juni 2026 im Journal of Cleaner Production erschienene Arbeit „Safeguarding biodiversity from renewable energy development in China“ die Überschneidung chinesischer Solarparks mit wichtigen Lebensräumen. Rund 364 Quadratkilometer beziehungsweise zehn Prozent der untersuchten PV-Flächen lagen innerhalb sogenannter Key Biodiversity Areas. Mehr als jeder zehnte Solarpark befand sich in einem Gebiet, dessen Biodiversitätsrisiko höher lag als auf 90 Prozent der chinesischen Landfläche. Vögel waren unter den untersuchten Tiergruppen am stärksten gefährdet. Zwischen 2010 und 2022 stieg das durchschnittliche Biodiversitätsrisiko innerhalb der Solar-Ausbaugebiete um 44 Prozent.
Eine wenige Tage vor der neuen Science-Arbeit veröffentlichte Übersichtsarbeit liefert den größeren Rahmen. Natasha Järviö und ihre Kollegen werteten für „Known and unknown biodiversity impacts of solar PV: A review of life cycle stages and mitigation opportunities“ im Fachjournal Applied Energy insgesamt 54 wissenschaftliche Arbeiten aus. Rund 76 Prozent beschäftigten sich mit der Betriebsphase und vor allem mit dem Flächenverbrauch. Die Autoren schreiben der Photovoltaik gegenüber fossiler Stromerzeugung insgesamt geringere Auswirkungen auf die Biodiversität zu. Diese Bilanz steht und fällt jedoch mit der Standortwahl: Solarparks auf natürlichen oder naturnahen Flächen schnitten schlecht ab, während auf degradierten und ohnehin artenarmen Standorten Verbesserungen möglich waren. Von den Arbeiten zu Anlagen mit ausdrücklich biodiversitätsorientierter Planung und Pflege berichteten 69 Prozent positive Effekte am Standort.
Damit lässt sich auch die Erzählung von Solarparks als angeblichen „Biodiversitäts-Oasen“ erklären. Wird ein intensiv bewirtschafteter Monokulturacker mit regelmäßiger Düngung und Pflanzenschutzmitteln in extensiv gepflegtes Grünland unter Solarmodulen verwandelt, kann die Artenvielfalt gegenüber dem vorherigen Zustand steigen. Artenreiches Grünland, natürliche Offenlandschaften und andere hochwertige Lebensräume bieten einen völlig anderen Ausgangspunkt. Dort verdrängt der Solarpark die bestehende Natur, anstatt sie aufzuwerten.
Selbst das Bundesamt für Naturschutz warnt
Das deutsche Bundesamt für Naturschutz beschreibt die Schattenseiten der Solarparks inzwischen ausgesprochen deutlich. Photovoltaik-Freiflächenanlagen können mehrere hundert Fußballfelder groß werden und laut Behörde „erhebliche Wirkungen auf Natur und Landschaft“ entfalten. Dazu gehören die Beeinträchtigung und Beseitigung von Lebensräumen, Verschattung, Teilversiegelung, Bodenschäden sowie Barriere- und Zerschneidungswirkungen. Offenlandarten wie Kiebitz und Wachtel können ihren Lebensraum verlieren, weil sie vertikale Strukturen meiden.
Die Verschattung verändert auch die Pflanzenwelt. Unter und nördlich der Module gelangt deutlich weniger Sonnenlicht auf den Boden. Lichtliebende Pflanzen verschwinden, häufig entstehen artenärmere Pflanzengemeinschaften. Davon sind wiederum Tagfalter, Käfer und Heuschrecken betroffen, die besonnte Flächen und ein vielfältiges Blütenangebot benötigen. Der Großteil der deutschen Solarparks wird laut BfN regelmäßig gemulcht. Schnell rotierende Messer können Tiere schädigen, während das liegenbleibende Pflanzenmaterial den Boden abdunkelt und mit Nährstoffen anreichert. Die Pflanzenvielfalt und das Nahrungsangebot für Insekten nehmen ab.
Auch Fledermäuse meiden solche technischen Landschaften. Elizabeth Tinsley und ihre Kollegen verglichen für die 2023 im Journal of Applied Ecology erschienene Studie „Renewable energies and biodiversity: Impact of ground-mounted solar photovoltaic sites on bat activity“ insgesamt 19 Freiflächenanlagen im Südwesten Englands mit vergleichbaren Kontrollflächen. Bei sechs von acht untersuchten Arten beziehungsweise Artengruppen ging die Aktivität an den PV-Standorten zurück. Die Forscher sehen darin Folgen des Verlusts beziehungsweise der Zerschneidung von Jagd- und Flughabitaten. Report24 berichtete bereits über einen weiteren Aspekt: Vögel können auch direkt an großen Solaranlagen zu Schaden kommen. Kollisionen und mögliche Fehlorientierungen durch reflektierende Modulflächen werden seit Jahren untersucht.
52.000 Hektar Solarparks – überwiegend auf Ackerland
Deutschland befindet sich gleichzeitig mitten in einem gewaltigen Ausbauprogramm. Ende 2025 waren nach Angaben des Umweltbundesamtes rund 120 Gigawatt Photovoltaikleistung installiert, davon knapp 40 Gigawatt auf Freiflächen. Diese Solarparks beanspruchten rund 52.000 Hektar. Etwa 29.000 Hektar beziehungsweise 55 Prozent entfielen auf Ackerflächen. Bis 2030 erwartet das UBA je nach Anlagenstruktur einen Anstieg auf 96.000 bis 109.000 Hektar, bis 2040 auf 150.000 bis 195.000 Hektar.
Der Flächenkonflikt ist längst auch ein wirtschaftlicher. Report24 berichtete bereits Ende 2024 über den „grünen Goldrausch“ auf Deutschlands Äckern. Während Landwirte für landwirtschaftliche Pacht mit einigen hundert Euro pro Hektar kalkulieren müssen, bieten Solarunternehmen für geeignete Flächen ein Vielfaches. Die politisch forcierte Energieproduktion konkurriert damit unmittelbar mit der Nahrungsmittelproduktion. Im März dieses Jahres zeigte Report24 zudem, welche Dimensionen der Flächenbedarf annimmt, wenn nicht nur die Nennleistung, sondern die tatsächlich verfügbare Leistung verschiedener Kraftwerkstypen verglichen wird.
Für diesen Ausbau müssten keine weiteren Acker- und Naturflächen geopfert werden. Das Umweltbundesamt verweist auf Untersuchungen, wonach der notwendige Freiflächenausbau bis 2040 vollständig auf bereits vorbelasteten Flächen wie Parkplätzen, Gewerbegebieten, Deponien und Randstreifen von Verkehrswegen stattfinden könnte. Allein geeignete 200-Meter-Streifen entlang von Autobahnen und bestimmten Bahnstrecken umfassen nach Abzug von Schutzgebieten, Wald, Gewässern, Siedlungen und Straßen rechnerisch rund 930.000 Hektar. Das Bundesamt für Naturschutz fordert ebenfalls, Solaranlagen vorrangig auf bereits versiegelten oder bebauten Flächen zu errichten. Genannt werden Dächer von Mehrfamilienhäusern, Gewerbe- und Industriebauten sowie Parkplätze. Naturschutzgebiete, Natura-2000-Gebiete, gefährdete Offenlandbiotope, artenreiche Grünflächen, Wanderkorridore und Lebensräume seltener Offenlandarten sollen freigehalten werden. Verbrauchsnahe Anlagen verringern zudem den notwendigen Netzausbau.
Mehr Flächen für immer größere Stromspitzen
Die deutsche Photovoltaikleistung ist seit Ende 2025 bereits kräftig weitergewachsen. Ende Juli 2026 registrierte die Bundesnetzagentur 127,383 Gigawatt. Das gesetzliche Ziel für 2030 liegt bei 215 Gigawatt. Innerhalb von gut vier Jahren sollen weitere knapp 88 Gigawatt hinzukommen. Die Grenzen dieses Ausbaukurses zeigen sich längst am Strommarkt. Im zweiten Quartal 2026 speisten deutsche PV-Anlagen mit 31,8 Terawattstunden so viel Strom wie nie zuvor in einem Quartal ein. In 1.006 Viertelstunden fiel der Day-Ahead-Preis unter null. Am 1. Mai herrschte über weiten Teilen Europas ein nahezu wolkenloser Himmel, während die Feiertagsnachfrage gering blieb. Die gleichzeitige Solarproduktion drückte den Strompreis zeitweise bis auf minus 500 Euro je Megawattstunde.
Am Abend des 24. Juni kehrte sich die Lage um. Die Solarproduktion sank rapide, während die Windkraft wenig Strom lieferte und der Kühlungsbedarf die Netzlast erhöhte. Gleichzeitig standen wegen sommerlicher Revisionen weniger konventionelle Kraftwerke bereit. Die Residuallast stieg auf mehr als 50 Gigawatt, der Großhandelspreis erreichte 747,10 Euro je Megawattstunde. Mittags Strom im Überfluss, am Abend Höchstpreise – so sieht das Ergebnis eines Versorgungssystems aus, das seine Produktion immer stärker vom Wetter abhängig macht.
Die Bundesnetzagentur hat berechnet, welche Solarleistung in solchen Situationen vom Netz genommen werden muss. In den Simulationen lag der maximale PV-Abregelungsbedarf in der jeweils kritischsten Stunde des Jahres 2025 bei rund 36 Gigawatt. Für 2026 steigt dieser Wert auf etwa 50 Gigawatt, für 2027 auf mehr als 60 Gigawatt. Dann müssten in solchen Stunden knapp 50 Prozent der einspeisenden PV-Leistung abgeregelt werden. Die Behörde schreibt selbst, dass die Abregelung solarer Stromerzeugung zur „betrieblichen Regel“ beziehungsweise zum „betriebsnotwendigen Standard“ werde.
Report24 hat dieses Kannibalenproblem der Solarbranche bereits im Februar beschrieben. Immer mehr Anlagen produzieren zur selben Zeit, drücken damit den Wert ihres eigenen Stroms und werden bei negativen Preisen zunehmend gedrosselt oder abgeschaltet. Mit jedem zusätzlichen Gigawatt wachsen zunächst die Mittagsspitzen. Nutzbar wird dieser Strom erst, wenn Speicher, Netze oder steuerbare Verbraucher im selben Tempo ausgebaut werden. Genau daran fehlt es.
Die neue Studie aus China zeigt, wohin dieser Ausbau führt, wenn Gigawattzahlen mehr zählen als bestehende Lebensräume. Dort lässt sich der ökologische Preis inzwischen an der Vogelvielfalt ablesen. Deutschland muss diesen Fehler nicht wiederholen, um ihn zu erkennen. Eine Energiewende, die für die „Klimarettung“ Natur- und Ackerflächen technisch überprägt und zugleich immer gewaltigere Stromspitzen erzeugt, die regelmäßig abgeregelt werden müssen, führt ihren eigenen Anspruch auf Umwelt- und Naturschutz ad absurdum.
