Chemotherapie soll Krebszellen vernichten. Doch manche überleben die Behandlung in einem veränderten Zustand – und können danach sogar Stoffe freisetzen, die anderen Tumorzellen bei der Ausbreitung helfen. Forscher haben nun ausgerechnet Fructose als einen entscheidenden Faktor dieses Prozesses solcher „Zombie-Zellen“ identifiziert.
Eine Chemotherapie ist für Krebszellen nicht zwangsläufig das Ende. Manche sterben, andere überstehen die Behandlung und gehen in die sogenannte Seneszenz über. Sie vermehren sich zwar nicht mehr, bleiben jedoch biologisch aktiv und geben weiterhin zahlreiche Stoffe an ihre Umgebung ab. Doch eben diese „Zombie-Zellen“ rückten Forscher um Aidan Cole bei Untersuchungen zum besonders aggressiven hochgradig serösen Eierstockkrebs in den Mittelpunkt – und stießen dabei auf einen Mechanismus, der aufhorchen lässt.
In der Ende Juli im Fachjournal Nature Aging veröffentlichten Studie „The chemotherapy-induced senescence-associated secretome promotes cell detachment and metastatic dissemination through metabolic reprogramming“ behandelten die Wissenschaftler Tumorzellen mit Cisplatin. Anschließend untersuchten sie, welche Stoffe die überlebenden seneszenten Zellen absonderten und was diese mit benachbarten, weiterhin aktiven Krebszellen machten. Das Ergebnis: Das Sekret förderte deren Ablösung aus dem Zellverband – und damit einen entscheidenden Schritt auf dem Weg zur weiteren Ausbreitung des Tumors.
Ausgerechnet Fruchtzucker
Als die Forscher die Zusammensetzung dieses Zellsekrets genauer untersuchten, fiel ihnen ein Stoff besonders auf: Fructose. Die durch die Chemotherapie seneszent gewordenen Krebszellen gaben deutlich mehr davon an ihre Umgebung ab. Der Fruchtzucker wurde anschließend von benachbarten Tumorzellen aufgenommen und veränderte dort den Stoffwechsel. Dabei griff die Fructose unter anderem in einen Signalweg ein, der die Cholesterinproduktion der Zellmembran beeinflusst. Weniger Cholesterin bedeutete in diesem Fall schwächere Verbindungen zwischen den Krebszellen. Sie lösten sich leichter voneinander – genau jener Vorgang, den ein Tumor benötigt, damit einzelne Zellen aus dem ursprünglichen Verband ausbrechen und sich weiter im Körper verbreiten können.
Das Entscheidende: Die Forscher konnten diesen Effekt gezielt stoppen. Blockierten sie die Ketohexokinase KHK, ein zentrales Enzym des Fructosestoffwechsels, verschwand die verstärkte Ablösung weitgehend. Dasselbe geschah bei einem Eingriff in den beteiligten mitochondrialen Stoffwechselweg. Die Fructose tauchte also nicht bloß zufällig neben anderen Stoffwechselprodukten auf, sondern spielte in diesem Modell eine direkte Rolle.
Noch deutlicher wurde das Ganze im Tierversuch. Mäuse mit Eierstockkrebs erhielten Fructose über das Trinkwasser und entwickelten anschließend mehr verstreute Tumorknoten. Sobald die Forscher den Fructosestoffwechsel der Krebszellen blockierten, verschwand auch dieser Effekt wieder. Die eingesetzte Zuckerlösung war mit 30 Prozent zwar erheblich konzentrierter als das, was ein Mensch gewöhnlich über Getränke aufnimmt. Doch das Prinzip ist eindeutig: Fructose förderte die Ausbreitung, solange die Tumorzellen sie verwerten konnten.
Auch bei menschlichen Patientinnen fanden die Wissenschaftler ein passendes Signal. Frauen mit höheren Fructosewerten im Blut hatten bei der Diagnose im Durchschnitt weiter fortgeschrittene Stadien des Eierstockkrebses. Der Zusammenhang blieb auch nach Berücksichtigung von Alter und Body-Mass-Index bestehen. Die Autoren bringen deshalb sogar eine Reduzierung der Fructosezufuhr als möglichen begleitenden Ansatz ins Spiel, der künftig klinisch untersucht werden sollte.
Fructose ist für Tumorforscher längst kein Unbekannter mehr
Bereits 2022 berichteten Wissenschaftler in Cancer Letters, dass Darmkrebszellen Fructose als alternative Energiequelle nutzen können. Vor allem dann, wenn Glucose knapp wird, fahren die Tumorzellen den Transporter GLUT5 und den Fructosestoffwechsel über KHK hoch. In den Experimenten förderte dies nicht nur das Wachstum, sondern machte die Krebszellen auch widerstandsfähiger gegenüber einer Chemotherapie. Reduzierten die Forscher die Fructosezufuhr oder blockierten sie deren Stoffwechsel, ging das Tumorwachstum zurück und die Krebszellen reagierten wieder empfindlicher auf die Behandlung. Fructose half den Tumorzellen hier also auf einem anderen Weg – als Ausweichbrennstoff, wenn ihre bevorzugte Energiequelle knapp wurde.
Noch deutlicher fiel eine 2025 in Nature Metabolism veröffentlichte Untersuchung aus. Die Forscher testeten 13 Darmkrebszelllinien und stellten fest, dass die Kombination aus Glucose und Fructose die Beweglichkeit und Invasivität bestimmter Tumorzellen erhöhte. Bei Mäusen entstanden unter dieser Zuckerkombination mehr Lebermetastasen, während der eigentliche Primärtumor nicht größer wurde. Mit anderen Worten: Der Zucker ließ den ursprünglichen Tumor nicht einfach schneller wachsen – er erleichterte ihm die Ausbreitung. Als entscheidenden Schalter identifizierten die Forscher das Enzym Sorbitol-Dehydrogenase, kurz SORD. Schalteten sie dieses aus, verschwand der zusätzliche Metastasierungseffekt.
Eine weitere Nature-Studie aus dem Jahr 2024 zeigte wiederum, dass Tumore Fructose nicht einmal selbst verwerten müssen, um davon zu profitieren. Bei Modellen für Melanom sowie Brust- und Gebärmutterhalskrebs übernahm die Leber die Arbeit: Sie wandelte Fructose in Lipide um, die anschließend über den Blutkreislauf zu den Tumoren gelangten und dort als Baumaterial für neue Zellmembranen dienten. Die Forscher beobachteten dadurch verstärktes Tumorwachstum – und zwar ohne vorherige Gewichtszunahme oder Insulinresistenz der Tiere.
Was eine Chemotherapie zurücklassen kann
Gerade die neue Studie macht deutlich, weshalb die Vorstellung von Krebs als bloße Ansammlung schnell wachsender Zellen zu kurz greift. Ein Tumor ist ein komplexes biologisches System, in dem Krebszellen, Stoffwechselprodukte und ihre Umgebung ständig miteinander kommunizieren. Eine Chemotherapie kann einen großen Teil der Tumorzellen vernichten – gleichzeitig können überlebende Zellen ihr Verhalten grundlegend verändern und danach Stoffe freisetzen, von denen andere Krebszellen profitieren.
Dass Fructose dabei eine Rolle spielt, passt inzwischen in ein immer dichter werdendes Bild. Bei Darmkrebs kann sie als alternative Energiequelle dienen und Chemotherapieresistenz fördern. Gemeinsam mit Glucose kann sie die Metastasierung antreiben. Andere Tumore lassen sich die Fructose von der Leber in verwertbare Lipide umbauen. Und nun zeigt sich beim Eierstockkrebs, dass selbst durch Chemotherapie geschädigte Zellen Fructose freisetzen können, um ihren noch aktiven Nachbarn das Loslösen aus dem Tumorverband zu erleichtern.
Damit wird auch die alte Diskussion darüber, ob Zucker Krebs „füttert“, interessanter. Die Forschung beschreibt längst weitaus kompliziertere Vorgänge als die bloße Versorgung eines Tumors mit zusätzlichen Kalorien. Fructose kann ganz spezifische Stoffwechselwege beeinflussen, die Wachstum, Widerstandsfähigkeit gegen Medikamente und die Ausbreitung von Krebszellen betreffen.
Die Ironie der neuen Studie liegt dabei ausgerechnet in der Behandlung selbst: Eine Chemotherapie setzt Krebszellen außer Gefecht, tötet sie aber nicht zwangsläufig. Manche bleiben zurück – und können anschließend ein Umfeld schaffen, das ihren weiterhin aktiven Nachbarn die Ausbreitung erleichtert. Und einer ihrer Helfer ist ausgerechnet ein bestimmter Zucker, der aus der modernen Ernährung kaum noch wegzudenken ist.
