Großbritanniens größter Stromversorger Octopus Energy bittet seine Kunden, während der Sonnenfinsternis am Mittwochabend Waschmaschinen, Geschirrspüler und andere Elektrogeräte möglichst ausgeschaltet zu lassen. Der Einbruch der Solarstromproduktion fällt ausgerechnet in die abendliche Verbrauchsspitze, während Gaskraftwerke und zusätzliche Reserven die entstehende Lücke auffangen sollen. Die verkorkste britische Energiewende liefert damit ein interessantes Schauspiel: Je stärker das Land auf wetterabhängigen Strom setzt, desto mehr soll sich am Ende der Verbraucher danach richten, wann gerade genug davon vorhanden ist.
Am Mittwochabend schiebt sich der Mond vor die Sonne. Für die meisten Briten ist das ein seltenes Naturschauspiel. Für Octopus Energy hingegen offenbar Anlass genug, seine Kunden vorsorglich darum zu bitten, zwischen 18 und 20 Uhr etwas weniger Strom zu verbrauchen. Waschmaschine, Geschirrspüler, Spielekonsole und andere größere Verbraucher sollen nach Möglichkeit warten. Wer brav mitmacht, bekommt am Sonntag eine kostenlose Stromstunde. So kann man aus einem Versorgungsproblem immerhin noch eine Marketingaktion machen.
„Eclipse Power Down“ nennt Octopus die Aktion (ob man dabei wohl an „Black Hawk Down“ dachte?). Dazu gibt es noch ein Gewinnspiel: Eine Solaranlage samt Installation oder alternativ 12.000 Pfund winken als Preis. Hinter dem ganzen PR-Zirkus steckt allerdings ein enormes Problem der britischen Stromversorgung. Im Juli kamen laut Octopus bereits 14,4 Prozent des britischen Stroms aus Solaranlagen. Verschwindet die Sonne großteils hinter dem Mond, sackt deren Produktion innerhalb kurzer Zeit ab. Und weil das Ganze genau dann passiert, wenn Millionen Menschen nach Hause kommen und der Stromverbrauch anzieht, müssen andere Kraftwerke übernehmen.
Octopus Energy has a job called “Head of Flexibility”
— OW (@Octo__watch) August 12, 2026
That tells you everything you need to know
It’s about making you flexible, not them
And you’re paying for the privilege https://t.co/1zNXfOtFJF pic.twitter.com/v80OEitQGO
Vor allem Gaskraftwerke dürfen dann wieder das retten, was die wetterabhängigen „Erneuerbaren“ gerade nicht liefern können. Genau deren zusätzlichen Einsatz möchte Octopus aus Klimawahn-Gründen wiederum möglichst kleinhalten, weil dabei CO2 entsteht – zudem ist Gas teuer. Also soll der Kunde weniger verbrauchen. Der Mond verdeckt die Sonne, der Solarstrom bricht weg, Gas muss einspringen – und damit das möglichst nicht in großem Ausmaß passiert, sollen die Leute eben den Geschirrspüler später laufen lassen und lieber das Naturschauspiel beobachten, anstatt am Computer zu sitzen oder fernzusehen.
Ganz so entspannt war auch der britische Netzbetreiber zunächst nicht. Der National Energy System Operator (NESO) hatte für Mittwochabend eine sogenannte „Electricity Margin Notice“ ausgegeben und zusätzliche Leistung am Markt angefordert. Nach den ursprünglichen Berechnungen fehlten den Prognosen zufolge zeitweise rund 1.200 Megawatt gegenüber der gewünschten Sicherheitsreserve. Am Mittwochmorgen wurde die Meldung wieder aufgehoben. Eine unmittelbare Gefahr für die Stromversorgung der Haushalte bestehe nun laut NESO nicht mehr. Dennoch weiß man schon seit Jahren, dass diese Sonnenfinsternis kommt, sodass man bereits vorab entsprechende Vorbereitungen hätte treffen können. Jetzt muss man darauf hoffen, dass zumindest der Windgott etwas gnädig ist und man so die ungeliebten Gaskraftwerke nicht zu sehr in Anspruch nehmen muss.
Zurück ins Mittelalter…
Das britische Energiesystem soll unterdessen noch sehr viel stärker von Wind und Sonne abhängig werden. Bis 2030 will London zwischen 45 und 47 Gigawatt Solarleistung installieren. Gleichzeitig sieht der „Clean Power 2030 Action Plan“ zwischen 40 und 50 Gigawatt steuerbare und langfristig flexible Leistung vor, damit das Netz auch dann funktioniert, wenn Wind und Sonne zu wenig liefern. Einen erheblichen Teil davon sollen weiterhin Gaskraftwerke bereitstellen. Damit ergibt sich ein interessantes Geschäftsmodell. Man baut immer mehr wetterabhängige Kraftwerksleistung, hält gleichzeitig konventionelle Anlagen als Rückversicherung vor und bezahlt zusätzlich für Speicher, Netzausbau, Reservekapazitäten und Laststeuerung. Die Gaskraftwerke dürfen künftig zwar weniger laufen, verschwinden können sie deshalb noch lange nicht. Sie müssen gewartet, bemannt und betriebsbereit gehalten werden, damit sie innerhalb kurzer Zeit übernehmen können, wenn Wind und Sonne wieder einmal nicht mitspielen wollen.
Je größer der Anteil von Wind- und Solarstrom wird, desto wichtiger werden diese Ausgleichsmechanismen. Viel Wind und viel Sonne können enorme Strommengen produzieren. Fehlt beides, hilft die beeindruckende Zahl installierter Gigawatt auf dem Papier wenig. Dann braucht es Speicher, Importe, Gaskraftwerke oder Verbraucher, die ihren Strombedarf auf Überschusszeiten verschieben (können). Großbritannien arbeitet deshalb längst intensiv daran, die Nachfrage stärker an das Angebot anzupassen. Octopus sieht bei den privaten Haushalten ein theoretisches Verschiebepotenzial von rund 13 Gigawatt. Elektroautos sollen möglichst dann laden, wenn genügend Strom vorhanden ist, Batteriespeicher sollen entsprechend gesteuert werden und intelligente Haushaltsgeräte ihren Betrieb in günstigere Zeitfenster legen. Die Regierung verwendet dafür Begriffe wie „Energy Smart Appliances“ und „consumer-led flexibility“.
oh this is just ..too funny!
— Amicus Curiae (@AmicusCuri99068) August 12, 2026
Octopus Energy is asking customers to delay using washing machines, dishwashers and other plug-in devices between 6pm and 8pm on Wednesday, when the Moon is expected to block up to 95pc of sunlight.
The eclipse will send solar generation plunging…
Doch für die Bürger (und die Unternehmen) ist dies eine Zäsur. Bei Waschmaschinen oder Geschirrspülern lässt sich darüber noch schmunzeln. Ob die Wäsche nun um 19 oder um 22 Uhr gewaschen wird, dürfte für viele Haushalte tatsächlich keine große Rolle spielen. Bei einer Volkswirtschaft sieht die Sache anders aus. Fabriken, Rechenzentren, Krankenhäuser, Verkehrssysteme, Kühlhäuser oder Gewerbebetriebe richten ihre Abläufe nicht danach aus, ob gerade die Sonne scheint oder genügend Wind weht. Versorgungssicherheit bedeutet für einen Industriestandort schließlich, dass Energie dann verfügbar ist, wenn sie gebraucht wird.
Doch genau hier wird die britische Energiewende immer schräger. Jahrzehntelang bestand die Aufgabe des Stromsystems darin, die Erzeugung möglichst an den Verbrauch anzupassen. Nun wird immer mehr Erzeugung aufgebaut, die sich weder an Bedarf noch Uhrzeit orientiert, und als Antwort darauf soll der Verbrauch flexibler werden. Die Stromproduktion richtet sich nach dem Wetter, also soll sich zunehmend auch der Kunde danach richten – so wie sich die Menschen in vorindustriellen Zeiten nach dem Wetter richten mussten. Die Sonnenfinsternis macht dieses Prinzip für zwei Stunden besonders anschaulich. Großbritannien baut seine Solarleistung massiv aus, hält gleichzeitig Gaskraftwerke als Rückversicherung bereit und versucht parallel, Millionen Haushalte zu steuerbaren Bestandteilen des Netzes zu machen. Na, wenn das nicht ein anschauliches Beispiel dafür ist, wie uns die Energiewende wieder zurück ins Mittelalter katapultiert …
Wer sich näher mit den technischen, wirtschaftlichen und ökologischen Schattenseiten des massiven Windkraftausbaus beschäftigen möchte: Heinz Steiner behandelt diese Themen ausführlich in seinem neuen Buch „Der Windkraft-Wahn„.





