Netto-Null-Wahn: BP flieht aus der Nordsee

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Linksgrüne Politik wirkt, das zeigt das Beispiel BP. Der Energiekonzern verkündet den Rückzug aus den heimischen Gewässern – natürlich mit dem üblichen Manager-Pathos. Doch wer will das Nordsee-Geschäft angesichts der bestehenden wirtschaftsfeindlichen Umstände im Vereinigten Königreich überhaupt kaufen?

BP stellt sein gesamtes britisches Nordsee-Geschäft zum Verkauf. Nach mehr als sechs Jahrzehnten zieht sich damit ausgerechnet der einst als „British Petroleum“ bekannte Konzern aus seinem historischen Kerngebiet zurück. Während die Konzernführung im typischen Manager-Sprech von Kapitaldisziplin und hochwertigen Investitionsmöglichkeiten spricht, steht hinter der Entscheidung eine unübersehbare Botschaft: Die britische Politik hat die heimische Öl- und Gasförderung zu einem Geschäft gemacht, von dem selbst BP lieber die Finger lässt.

Zum Verkauf stehen fünf große Förderzentren, darunter das gewaltige Clair-Ölfeld westlich der Shetlandinseln. Rund 1.100 Mitarbeiter sind unmittelbar betroffen. Im vergangenen Jahr förderte BP in der britischen Nordsee noch etwa 117.000 Barrel Öläquivalent pro Tag – rund fünf Prozent der gesamten Konzernproduktion. Branchenexperten schätzen den Wert des Pakets auf etwa zwei bis 2,6 Milliarden Dollar, wobei die späteren Kosten für Stilllegung und Rückbau die Verhandlungen erschweren dürften.

Offiziell will BP sein Portfolio vereinfachen und das Kapital künftig dort einsetzen, wo höhere Renditen locken. Konzernchefin Meg O’Neill erklärt, das Nordsee-Geschäft sei unter einem anderen Eigentümer besser aufgehoben. Auf gut deutsch bedeutet das: Für BP selbst ist die britische Nordsee nicht mehr attraktiv genug. Die Anlagen sind nicht wertlos, doch kleinere Betreiber mit niedrigeren Renditeansprüchen, schlankeren Strukturen und einer masochistischen Grundhaltung können möglicherweise noch einige Jahre etwas Gewinn aus ihnen pressen.

78 Prozent Steuer für britisches Öl

Die Nordsee ist ein altes Fördergebiet. Die Produktion sinkt deshalb immer weiter, die Anlagen sind teuer und neue Vorkommen immer schwieriger zu erschließen. Doch die britische Politik hat aus diesen natürlichen Problemen einen wirtschaftlichen Würgegriff gemacht. Auf Gewinne aus der Öl- und Gasförderung werden derzeit insgesamt bis zu 78 Prozent Steuern fällig. Neben 30 Prozent Körperschaftsteuer innerhalb des sogenannten Ring Fence und einem zehnprozentigen Zuschlag kassiert der Staat weitere 38 Prozent über die „Energy Profits Levy“.

Labour erhöhte diese ursprünglich von den Konservativen eingeführte Sondersteuer, strich die allgemeine Investitionsvergünstigung und verlängerte die Belastung bis März 2030. Damit nicht genug: Nach dem Auslaufen dieser angeblich vorübergehenden Sondersteuer soll bereits die nächste Abgabe folgen. Die geplante „Oil and Gas Revenue Levy“ sieht bei höheren Öl- und Gaspreisen eine zusätzliche Belastung („Windfallsteuer“) von 35 Prozent auf bestimmte Erlöse vor. Und das alles natürlich im Namen der Netto-Null-Ideologie, die so schon zu enormen wirtschaftlichen Verwerfungen in Großbritannien führt.

London organisiert den Niedergang

Die Labour-Regierung hat zudem beschlossen, keine neuen Lizenzen zur Erkundung weiterer Öl- und Gasfelder auszugeben. Bestehende Felder dürfen zwar weiterlaufen, zusätzliche Förderung soll aber grundsätzlich nur noch in bereits erschlossenen oder unmittelbar angrenzenden Gebieten möglich sein. In den Regierungsdokumenten wird dieser politisch erzwungene Rückzug als „fairer, gesteuerter und Wohlstand sichernder Übergang“ verkauft.

Die Wirklichkeit sieht weniger nach Wohlstand aus. Zwischen 2016 und 2023 gingen in der britischen Nordsee bereits mehr als 70.000 Arbeitsplätze verloren. Die Öl- und Gasproduktion fiel von 1999 bis 2024 um etwa 75 Prozent. Statt diese Entwicklung durch verlässliche Rahmenbedingungen und neue Investitionen abzufedern, setzt London auf Lizenzverbote, Sondersteuern und Umschulungsprogramme für jene Arbeiter, deren Arbeitsplätze zuvor politisch motiviert zerstört wurden.

Die dahinter steckende sozialistische Methode ist altbekannt und wird auch heute in modifizierter, „grüner“ Form angewendet: Zuerst wird eine erfolgreiche Industrie mit Steuern, Auflagen und Verboten ausgehöhlt. Danach tritt der Staat als Retter auf, verteilt Fördergelder und verspricht den Betroffenen eine Zukunft in staatlich bevorzugten „grünen“ Branchen. Aus gut bezahlten Fachkräften der Öl- und Gasindustrie sollen möglichst Beschäftigte der ideologisch bevorzugten Netto-Null-Wirtschaft werden.

BP zieht die Konsequenzen

Für BP ist die Rechnung eine ganz simple Angelegenheit. Die Betriebskosten in der britischen Nordsee dürften 2026 im Durchschnitt rund 25,20 Dollar je Barrel Öläquivalent betragen. Weltweit liegt der Durchschnitt laut Rystad Energy bei lediglich 10,60 Dollar. Gleichzeitig kann BP in Brasilien, den Vereinigten Staaten und anderen Regionen größere Vorkommen mit besseren Wachstumschancen und weniger politischer Feindseligkeit erschließen.

BP ist auch keineswegs der erste Großkonzern, der sich zurückzieht. ExxonMobil, Chevron, ConocoPhillips, Shell, TotalEnergies und Eni haben ihre britischen Nordsee-Aktivitäten bereits verkauft, reduziert, ausgegliedert oder mit anderen Unternehmen zusammengelegt. Shell und Equinor bündelten ihre Anlagen in Adura, TotalEnergies brachte sein Geschäft in NEO NEXT+ ein. BP war der letzte große Ölkonzern, der sein britisches Nordsee-Geschäft noch vollständig selbst führte.

Diese Entwicklung lässt sich nicht allein mit dem Alter des Fördergebiets erklären. Auch Norwegens Nordsee ist kein jungfräuliches Wunderland. Der Unterschied besteht darin, dass Oslo trotz hoher Besteuerung lange Zeit für Berechenbarkeit sorgte, während London die Regeln immer wieder änderte und gleichzeitig offen das Ende der Branche plant. Selbst britische Wirtschaftsvertreter sprechen inzwischen von „Strafbesteuerung“, politischer Unsicherheit und widersprüchlichen Botschaften.

Netto Null macht Großbritannien abhängig

Öl und Gas verschwinden nicht aus dem britischen Verbrauch, nur weil Labour keine neuen Bohrlizenzen mehr erteilt. Großbritannien ist bereits Nettoimporteur von Rohöl, während auch die heimische Gasproduktion weiter sinkt. Im ersten Quartal 2026 gingen die britische Gasförderung um 8,5 Prozent zurück, während die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten entsprechend zunimmt. Der Netto-Null-Kurs ersetzt britisches Öl nicht automatisch durch Windstrom. Flugzeuge, Lastwagen, Schiffe, Chemiewerke, Landwirtschaft und zahlreiche industrielle Prozesse benötigen weiterhin fossile Rohstoffe.

Was nicht mehr vor Schottlands Küste gefördert wird, muss aus Norwegen, den Vereinigten Staaten, dem Nahen Osten oder anderen Weltregionen importiert werden. Die Regierung reduziert damit nicht zwingend den einheimischen Verbrauch. Sie verlagert Förderung, Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und Wertschöpfung ins Ausland. Zurück bleiben eine höhere Importabhängigkeit, verwundbare Lieferketten und eine schrumpfende industrielle Basis.

Burnhams spätes Erwachen

Der neue Labour-Premierminister Andy Burnham kündigte inzwischen, einen „pragmatischen“ Umgang mit den Ressourcen der Nordsee an. Er räumte sogar ein, dass eine vorhandene Energiequelle nicht ignoriert werden könne, während die Bürger wirtschaftlich unter Druck stehen. Gleichzeitig hält er bislang am Labour-Programm fest, das keine neuen Explorationslizenzen vorsieht. Doch ein Konzern trifft milliardenschwere Investitionsentscheidungen nicht auf Grundlage eines freundlichen Interviews des Premierministers.

Ein Konzern trifft solche Entscheidungen anhand von Steuergesetzen, Genehmigungen und langfristiger politischer Verlässlichkeit. Und eben diese Verlässlichkeit hat London längst schon zerstört. Der Verkauf des BP-Geschäfts ist deshalb mehr als eine gewöhnliche Portfoliobereinigung. Er ist das Misstrauensvotum eines britischen Weltkonzerns gegen die britische Energiepolitik. London wollte der Welt beim Ausstieg aus Öl und Gas vorangehen – und darf nun beobachten, wie Investoren, Förderanlagen und hochqualifizierte Arbeitsplätze tatsächlich gehen.

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