Kaspisches Meer: Kiews Angriff weitet den Krieg aus

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Ein ukrainischer Drohnenangriff im Kaspischen Meer hat einen iranischen Seemann getötet und einen weiteren verletzt. Kiew spricht von sanktionierten Frachtern mit Militärmaterial, Teheran von einem Angriff auf ein Handelsschiff und droht mit Vergeltung. Damit beginnen der Ukrainekrieg und der Iran-Krieg militärisch ineinanderzufließen – während Deutschland und Österreich erneut Gefahr laufen, die Rechnung für fremde Machtspiele zu übernehmen.

In der Nacht zum 25. Juli griffen Langstreckendrohnen des ukrainischen Geheimdienstes SBU mehrere Ziele im Kaspischen Raum an. Nach ukrainischen Angaben wurden die Ölplattform im Filanowski-Feld, das russische Raketenboot der Molnija-Klasse sowie die Frachtschiffe „Port Olya 2“ und „Begey“ getroffen. Beide Schiffe stünden unter internationalen Sanktionen und seien für den Transport von Militärmaterial zwischen dem Iran und Russland eingesetzt worden. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von „sehr guten Ergebnissen“ gegen Schiffe, die an iranisch-russischen Rüstungstransporten beteiligt gewesen seien. Beweise für die konkrete Ladung der getroffenen Schiffe legte Kiew bislang allerdings nicht öffentlich vor.

Teheran meldete dagegen eine Explosion auf einem iranischen Handelsschiff, bei der ein Seemann getötet und ein weiterer verletzt worden sei. Das Außenministerium bestellte den ukrainischen Geschäftsträger ein, sprach von einem „feindseligen und kriminellen Akt“ und kündigte Konsequenzen an. Wenige Tage später telefonierte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha mit seinem iranischen Amtskollegen Abbas Araghtschi und erklärte, die Beschädigung eines zivilen Schiffes sei nicht beabsichtigt gewesen. Der Iran verlangt eine Untersuchung und Entschädigung. Damit steht bislang nicht einmal zweifelsfrei fest, ob das iranische Schiff eines der von Kiew genannten Ziele war oder durch den Angriff auf andere Schiffe getroffen wurde.

Ein Frachter, der Drohnenbauteile, Raketen oder Artilleriegranaten zu einer kriegführenden Macht bringt, wird nicht dadurch zum harmlosen zivilen Schiff, weil er keine Kanonen an Deck trägt. Umgekehrt verwandelt ein Eintrag auf einer Sanktionsliste ein Handelsschiff noch nicht automatisch in ein legitimes Angriffsziel. Kiew muss deshalb offenlegen, welches Schiff angegriffen wurde, welche Fracht sich an Bord befand und warum ein iranischer Seemann sterben musste. Wer von europäischen Staaten politische Rückendeckung, Waffen und Milliardenbeträge erwartet, kann sich bei einer solchen Eskalation nicht mit Geheimdienstbehauptungen begnügen. Gerade weil die Ukraine gute Gründe hat, russische Nachschubwege anzugreifen, muss sie sauber zwischen militärischen Zielen und politisch nützlichen Narrativen trennen.

Der Kaspische Korridor wird zum Schlachtfeld

Der Seeweg über das Kaspische Meer ist für Moskau und Teheran eine strategische Lebensader. Er verbindet die beiden sanktionierten Staaten, ohne dass westlich kontrollierte Meerengen oder europäische Häfen passiert werden müssen. Über diese Route sollen in den vergangenen Jahren iranische Drohnen, Munition und andere Rüstungsgüter nach Russland gelangt sein. Die Frachter „Port Olya 2“ und „Begey“ stehen nach ukrainischen Angaben gerade deshalb auf mehreren westlichen Sanktionslisten. Mit dem Angriff hat Kiew nun klargemacht, dass es die russisch-iranische Lieferkette auch weit außerhalb des eigentlichen Frontgebiets bekämpfen will.

Die militärische Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Iran ist dabei keine ukrainische Erfindung. Seit 2022 wurden iranische Shahed-Drohnen zu einem festen Bestandteil der russischen Angriffe, während Moskau die Konstruktionen weiterentwickelte und als „Geran“-Varianten in großer Zahl selbst produzierte. Im Januar 2025 unterzeichneten beide Staaten zudem einen auf 20 Jahre angelegten strategischen Partnerschaftsvertrag, der engere militärische Zusammenarbeit, gemeinsame Übungen und Kooperation gegen gemeinsame Bedrohungen vorsieht. Eine automatische Beistandspflicht enthält der Vertrag zwar nicht. Doch jeder Angriff auf die gemeinsame Logistik liefert den Hardlinern in Moskau und Teheran ein weiteres Argument, ihre Zusammenarbeit zu vertiefen.

Der Iran verfügt nur über begrenzte Möglichkeiten, die Ukraine direkt konventionell anzugreifen. Teherans wirksamste Antwort wäre deshalb wohl nicht der große Raketenangriff, sondern mehr Militärhilfe für Russland, Cyberoperationen, Geheimdienstaktionen oder Angriffe auf ukrainische Interessen im Ausland. Doch darin liegt auch eine Gefahr für Kiew. Ein ukrainischer Schlag soll den russischen Nachschub schwächen, kann aber zugleich dafür sorgen, dass der Iran noch mehr Drohnen, Raketen und technische Unterstützung nach Russland schickt. Der Kreml hat den Angriff bereits als Attacke auf den Iran selbst bezeichnet. Aus einer punktuellen Lieferbeziehung wird so Schritt für Schritt eine gemeinsame Kriegslogik.

Signal an Washington – auf Europas Risiko

Auch der Zeitpunkt des Angriffs war kaum zu übersehen. Nur drei Tage später traf Selenskyj im Weißen Haus mit Donald Trump zusammen, um über Patriot-Abwehrsysteme, eine ukrainische Produktion von Abfangraketen und neue Sanktionen gegen Russland zu sprechen. Der ukrainische Botschafter in Israel erklärte gleichzeitig, Kiew und Jerusalem kämpften an verschiedenen Fronten gegen dieselbe „Achse des Bösen“. US-amerikanische Analysten werteten den kaspischen Angriff deshalb auch als Signal an die Trump-Regierung: Die Ukraine will zeigen, dass sie im amerikanischen Krieg gegen den Iran einen militärischen Nutzen besitzt.

Teheran behauptet sogar, Kiew habe „auf Geheiß Israels“ gehandelt. Belege dafür gibt es bislang nicht. Ebenso wenig ist eine operative Beteiligung amerikanischer oder israelischer Geheimdienste nachgewiesen. Doch die politischen Interessen liegen offen auf dem Tisch: Die Ukraine will Waffen, Geld und Rückendeckung aus Washington; Israel will den iranischen Nachschub und dessen Verbündete schwächen; die Trump-Regierung will den Druck auf Teheran erhöhen. Ein ukrainischer Angriff auf die russisch-iranische Verbindung bedient alle drei Ziele gleichzeitig.

Man kann Israels Kampf gegen das islamistische, terroristische Mullah-Regime unterstützen und Trumps harten Iran-Kurs grundsätzlich begrüßen, ohne deshalb jede Ausweitung dieses Krieges abzunicken. Israel verteidigt seine Sicherheit, Washington verfolgt amerikanische Machtinteressen und Kiew sucht Waffen und Rückendeckung. Berlin und Wien haben jedoch nicht die Aufgabe, diese Interessen automatisch zu finanzieren und anschließend deren wirtschaftliche und sicherheitspolitische Folgen zu tragen. Ihr Maßstab müssen die Interessen der eigenen Bevölkerung sein.

Berlin zahlt, Wien verliert seinen Spielraum

Deutschland hat seit Februar 2022 rund 41 Milliarden Euro an bilateraler ziviler Unterstützung sowie etwa 55,5 Milliarden Euro an militärischer Hilfe für die Ukraine geleistet oder für kommende Jahre bereitgestellt. Allein im Bundeshaushalt 2026 stehen zwölf Milliarden Euro für die Ertüchtigung von Partnerstaaten und die militärische Unterstützung angegriffener Staaten bereit, wobei die Ukraine den mit Abstand größten Anteil erhält. Für 2027 sind weitere 11,6 Milliarden Euro Ukraine-Hilfe vorgesehen. Jede zusätzliche iranische Drohne, jede neue russische Rakete und jeder weitere Kriegsschauplatz erhöhen den Bedarf an Abfangsystemen, Munition und finanzieller Unterstützung. Bezahlt wird das nicht in Washington und schon gar nicht in Kiew, sondern zu einem erheblichen Teil vom deutschen Steuerzahler.

Österreich liefert aufgrund seiner Neutralität keine Waffen, hängt aber über EU-Finanzierungen, Sanktionen, Hilfsprogramme und Garantien ebenfalls tief in der Ukrainepolitik. Für österreichische Unternehmen steht eine staatlich gestützte Ukraine-Fazilität (übrigens Geld, das die österreichischen Steuerzahler wohl nie mehr wiedersehen werden) von 500 Millionen Euro bereit. Gleichzeitig erklärt die Bundesregierung die Ukraine zunehmend zum Vorposten der österreichischen Sicherheit und die Neutralität zu einer bloßen „rechtlichen Richtschnur“, die das Land angeblich nicht schütze. Wenn Wien jede neue Eskalationsstufe politisch mitträgt, verspielt es jedoch eben jenen außenpolitischen Spielraum, den ein neutraler Staat für Vermittlung und Deeskalation nutzen sollte.

Die Bürger zahlen drauf

Der Iran-Krieg belastet Europa längst über Energiepreise, Transportkosten und Inflation. Schon in den ersten 44 Kriegstagen stieg die europäische Rechnung für fossile Energieimporte nach Angaben der EU-Kommission um mehr als 22 Milliarden Euro. Rund ein Viertel des weltweiten Seeölhandels und etwa ein Fünftel des globalen Flüssiggasgeschäfts liefen vor dem Krieg durch die Straße von Hormus. Die Folgen treffen nicht zuerst Minister, Rüstungskonzerne oder außenpolitische Denkfabriken, sondern Pendler, Familien, Landwirte und energieintensive Betriebe. Höhere Dieselpreise verteuern den Transport, teureres Gas belastet Industrie und Haushalte, steigende Düngerpreise landen schließlich ebenfalls an der Supermarktkasse.

Der Angriff im Kaspischen Meer blockiert die Straße von Hormus zwar nicht. Doch seine Gefahr liegt vielmehr darin, dass er die bisher getrennten Konflikte politisch und militärisch miteinander verklebt. Je stärker Russland und der Iran ihren Kampf als gemeinsame Abwehr westlicher Angriffe darstellen können, desto schwieriger werden getrennte Verhandlungen über die Ukraine, das iranische Atomprogramm, die Schifffahrt und die regionalen Kriege. Ein einzelner Drohnenschlag kann deshalb weit größere Folgen haben, als die bloße Beschädigung eines Frachters vermuten ließe. Er stärkt auf allen Seiten jene Kräfte, die von Eskalation leben.

Teherans Vergeltung muss auch nicht im Kaspischen Meer erfolgen. Cyberangriffe auf Infrastruktur, Geheimdienstoperationen gegen ukrainische Einrichtungen in Europa oder zusätzliche Waffenlieferungen an Russland wären für den Iran billiger und schwerer eindeutig zuzuordnen. Deutschland und Österreich beherbergen ukrainische diplomatische Einrichtungen, Unternehmen, Flüchtlinge und logistische Strukturen. Sobald fremde Staaten beginnen, ihre Rechnungen auf europäischem Boden zu begleichen, wird aus einer entfernten Auseinandersetzung ein unmittelbares Sicherheitsproblem. Auch dieses Risiko tragen nicht jene, die in Washington, Jerusalem oder Kiew die strategischen Vorteile berechnen, sondern die Bürger Deutschlands und Österreichs.

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