Nachdem in mehreren Hausbrunnen der Ortschaft Mannswörth bereits erhöhte Belastungen mit sogenannten PFAS festgestellt worden waren, wurde inzwischen auch erstmals eine Verunreinigung des Leitungswassers eines Bewohners nachgewiesen. Der Tiroler Mediziner Univ.-Doz. Dr. Hannes Strasser rät dazu, die Situation nicht isoliert zu betrachten. Im Gespräch mit Kontrafunk verweist er auf zahlreiche mögliche Ursachen, unter anderem nahe Raffinerien, Löschschaum und Windkraft-Anlagen, und fordert deutlich umfangreichere Untersuchungen von Wasser und Böden.
PFAS – per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen – werden aufgrund ihrer außergewöhnlichen Beständigkeit häufig als „Ewigkeitschemikalien“ bezeichnet. Sie kommen seit Jahrzehnten in zahlreichen Industrieprodukten zum Einsatz und bauen sich in der Umwelt nur äußerst langsam ab. Gelangen sie in Böden oder Gewässer, können sie sich über lange Zeiträume in der Nahrungskette anreichern. Nach Angaben Strassers werden sie zudem im menschlichen Körper nur langsam ausgeschieden und lassen sich unter anderem im Blut, in Leber, Nieren, Knochenmark, der Plazenta sowie in der Muttermilch nachweisen.
Als mögliche Ursachen für die Belastung rund um Mannswörth nennt Strasser eine Vielzahl potenzieller Quellen. Aufgrund der unmittelbaren Umgebung mit OMV-Raffinerie, petrochemischen Anlagen, Flughafen Wien-Schwechat, Müllverbrennungsanlagen sowie zahlreichen Windkraftanlagen lasse sich derzeit keine einzelne Ursache identifizieren. Auch historische Altlasten oder frühere Deponien müssten berücksichtigt werden. Gerade die Nähe zum Nationalpark Donau-Auen mache eine umfassende Untersuchung notwendig, da PFAS nicht nur das Trinkwasser, sondern auch Gewässer, Sedimente und die Nahrungskette beeinflussen könnten.
PFAS in Löschschaum der Flughäfen
Im Interview verweist Strasser außerdem auf den Einsatz PFAS-haltiger Löschschäume auf Flughäfen und Feuerwehrausbildungsplätzen. Darüber hinaus nennt er Windkraftanlagen als einen möglichen zusätzlichen Eintragspfad. Er verweist dabei auf Abrieb der Rotorblätter sowie auf PFAS-haltige Bestandteile in Beschichtungen, Dichtungen, Kabelsystemen und Hydraulikflüssigkeiten. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass Windkraftanlagen von offizieller Seite bislang als vergleichsweise geringe Quelle eingestuft würden.
Gesundheitlich seien PFAS nach heutiger Studienlage mit einer Reihe möglicher Risiken verbunden. Strasser verweist unter anderem auf erhöhte Cholesterinwerte, Beeinträchtigungen des Immunsystems, Leberschäden, hormonelle Veränderungen, Entwicklungsstörungen während der Schwangerschaft sowie ein erhöhtes Risiko für verschiedene Krebserkrankungen. Auch Zusammenhänge mit Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Alzheimer würden wissenschaftlich untersucht. Eine erhöhte PFAS-Konzentration bedeute jedoch nicht automatisch, dass ein Betroffener erkranke, sondern erhöhe nach seiner Darstellung das Erkrankungsrisiko.
Kritisch sieht Strasser auch die unterschiedlichen Grenzwerte innerhalb Europas. Während die Europäische Union für bestimmte PFAS-Kombinationen deutlich höhere Grenzwerte vorsieht, hätten etwa Dänemark und Schweden wesentlich strengere nationale Vorgaben eingeführt (ein Fünfzigstel). Dies werde von zahlreichen Medizinern und Umweltfachleuten damit begründet, dass gesundheitliche Auswirkungen möglicherweise bereits bei deutlich niedrigeren Konzentrationen beginnen könnten.
Was können Betroffene tun?
Aus seiner Sicht sollten nun nicht nur Trinkwasserproben untersucht werden. Er fordert flächendeckende Messungen von Grundwasser, Oberflächengewässern und Böden in der gesamten Region rund um Wien, Niederösterreich und das Burgenland. Betroffene Anwohner könnten zudem eine Blutuntersuchung durchführen lassen, um ihre individuelle Belastung feststellen zu lassen. Solche Untersuchungen erlaubten zwar keine Aussage darüber, ob bereits Erkrankungen vorliegen, könnten jedoch Hinweise auf ein erhöhtes gesundheitliches Risiko liefern.
Auch technische Lösungen wie Umkehrosmoseanlagen bewertet Strasser nur eingeschränkt positiv. Zwar könnten sie PFAS aus dem Trinkwasser entfernen, gleichzeitig entstünden jedoch erhebliche Mengen belasteten Abwassers und dem Wasser würden auch wertvolle Mineralstoffe entzogen. Entscheidend sei deshalb aus seiner Sicht, den weiteren Eintrag der langlebigen Chemikalien in die Umwelt möglichst vollständig zu verhindern.
- Sie können das vollständige Interview im Kontrafunk-Österreich-Magazin hier nachhören.
- Hier finden Sie alle Sendungen des Österreich-Magazin.






