Raffineriekapazitäten zu gering: Der wahre Energieschock betrifft Diesel und Kerosin

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Mit den Krisen in der Ukraine und am Persischen Golf gerät nicht nur die globale Versorgung mit Rohöl unter Druck. Das größere Problem sind die Raffineriekapazitäten und die Versorgung mit Diesel und Kerosin. Die Reserven schrumpfen zu schnell.

Nach den Ölpreis-Schocks der 1970er-Jahre begannen die meisten Länder damit, sich Rohölreserven zuzulegen. Doch ohne ausreichende Raffineriekapazitäten bringen diese Reserven auch nur bedingt etwas. Denn was die Wirtschaft braucht, sind ausreichend Diesel/Heizöl, Benzin und Kerosin. Brot bäckt man ja auch nicht mit Weizenkörnern, sondern mit dem daraus gewonnenen Mehl. Und wenn es nicht genügend Mühlen gibt, können die Bäckereien auch nicht ausreichend Brot für die Bevölkerung backen.

Die globale Raffineriekapazität liegt derzeit nominell bei etwas mehr als 103 Millionen Barrel pro Tag. Diese Zahl klingt zunächst beruhigend, hat allerdings mit der Realität nur bedingt etwas zu tun. Tatsächlich wird ein erheblicher Teil dieser Kapazitäten gar nicht genutzt oder steht wegen Wartungen, technischer Probleme, Stromausfällen, Sanktionen oder Kriegsauswirkungen still. Der reale Durchsatz lag zuletzt nur noch bei rund 82 bis 84 Millionen Barrel täglich. Besonders problematisch ist dabei, dass die Reservekapazitäten immer weiter schrumpfen. Früher konnten regionale Ausfälle vergleichsweise problemlos kompensiert werden. Heute genügt oft schon ein größerer Zwischenfall, um die Märkte nervös werden zu lassen.

Seit 2020 wurden weltweit Raffineriekapazitäten von rund 3,5 Millionen Barrel pro Tag dauerhaft stillgelegt. Vor allem Europa vollzieht dabei ein energiepolitisches Harakiri. Zahlreiche Anlagen wurden aus Kostengründen, wegen regulatorischer Auflagen oder im Zuge der „Dekarbonisierung“ geschlossen. Man glaubte offenbar ernsthaft, man könne eine hochindustrialisierte Wirtschaft parallel mit Flatterstrom elektrifizieren und gleichzeitig die klassische Energieinfrastruktur abbauen. Das Ergebnis zeigt sich nun immer deutlicher: Europa wird bei Diesel und anderen Raffinerieprodukten zunehmend importabhängig. Die einstigen Energie-Großmächte des Kontinents avancieren schrittweise zu Bittstellern auf einem immer enger werdenden Weltmarkt.

Besonders dramatisch wirkt sich der Ukraine-Krieg auf die globale Raffinerielandschaft aus. Russische Raffinerien (die Dank des schweren russischen Öls auch viel Diesel produzieren) wurden in den vergangenen Monaten von ukrainischen Drohnenangriffe getroffen. Mindestens 17 große Anlagen gerieten zeitweise außer Betrieb oder mussten ihre Produktion deutlich reduzieren. Russland verfügt insgesamt über Raffineriekapazitäten von rund 6,6 Millionen Barrel täglich – ein gewaltiger Faktor für den Weltmarkt. Zeitweise galten zwischen einer und fast zwei Millionen Barrel täglicher Verarbeitungskapazität als beeinträchtigt. Selbst wenn Moskau beschädigte Anlagen notdürftig reparieren konnte, zeigt sich ein entscheidender Punkt: Die globale Raffinerie-Infrastruktur ist plötzlich selbst zum Kriegsziel geworden.

Das allein wäre schon brisant genug. Doch nun kommt zusätzlich der Iran-Konflikt hinzu, der eine weitere empfindliche Schwachstelle offenlegt. Der Iran selbst verfügt über Raffineriekapazitäten von mehr als zwei Millionen Barrel pro Tag, doch noch wichtiger ist die strategische Lage der Region. Durch die Straße von Hormus läuft ein erheblicher Teil des weltweiten Öl- und Treibstoffhandels. Bereits die Gefahr einer Eskalation genügt, um Versicherungen, Reedereien und Händler nervös werden zu lassen. Tankerrouten verlängern sich, Transportkosten steigen und Lieferzeiten geraten durcheinander. Das globale Energiesystem funktioniert heute nämlich nach dem Prinzip „just in time“ – große Puffer existieren kaum noch. Genau deshalb reagieren die Märkte inzwischen derart empfindlich auf jede militärische Eskalation.

Besonders heikel wird die Situation beim Diesel. Während Politiker in Europa den Individualverkehr dämonisieren, hängt die gesamte wirtschaftliche Realität weiterhin am Dieselkraftstoff. Lastwagen transportieren Waren, Landmaschinen sichern die Lebensmittelproduktion, Baumaschinen halten Infrastrukturprojekte am Leben und Notstromaggregate springen dort ein, wo die Stromversorgung versagt. Selbst viele Militärfahrzeuge und Versorgungssysteme basieren nach wie vor auf Dieseltechnologie. Kommt es hier zu längeren Engpässen oder massiven Preissprüngen, geraten ganze Lieferketten unter Druck. Genau deshalb sind Dieselpreise oft ein wesentlich besserer Frühindikator für wirtschaftliche Spannungen als der reine Rohölpreis.

Noch absurder wird die Lage durch die politische Parallelwelt vieler westlicher Regierungen. Während Raffinerien schließen und die Versorgungslage fragiler wird, konzentriert sich die öffentliche Debatte weiterhin auf CO₂-Zertifikate, Verbrennerverbote und ideologische Klimaziele. Der Aufbau neuer Raffineriekapazitäten gilt in Teilen Europas inzwischen beinahe als moralisches Verbrechen. Gleichzeitig importiert man dann Diesel aus Indien oder dem Nahen Osten – häufig hergestellt aus russischem Rohöl. Der angebliche „Klimaschutz“ endet somit in einer grotesken Mischung aus Heuchelei, Selbstschwächung und wachsender geopolitischer Abhängigkeit.

Die Welt könnte vor einer Phase stehen, in der nicht mehr der Zugang zu Rohöl selbst das zentrale Problem darstellt, sondern die Fähigkeit, daraus überhaupt noch ausreichend Treibstoffe herzustellen und diese sicher zu transportieren. Genau hier wird das moderne globale Wirtschaftssystem verwundbar. Jahrzehntelang galt eine sichere Energieversorgung als selbstverständlich. Nun zeigt sich, wie schnell diese Selbstverständlichkeit zerbricht, wenn Kriege, Sanktionen, ideologische Politik und der Rückbau der Energieinfrastruktur gleichzeitig aufeinandertreffen.

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