Tödliche AstraZeneca-Thrombosen bekannt: Oxford impfte Kinder trotzdem weiter

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58 Todesfälle nach schweren Blutgerinnseln, Hunderte Verdachtsmeldungen und ausdrückliche Warnungen vor AstraZeneca für jüngere Menschen. Trotzdem setzte die Universität Oxford ihre Impfstoffstudie an Kindern ab sechs Jahren fort. Britische Behördenprotokolle zeigen, dass Experten selbst einen geringen Nutzen für Kinder, mögliche lebensgefährliche Komplikationen und den Druck auf die Eltern diskutierten.

58 Todesfälle unter 332 Verdachtsmeldungen schwerer Blutgerinnsel mit gleichzeitigem Blutplättchenmangel hatte die britische Arzneimittelbehörde MHRA bis zum 19. Mai 2021 nach AstraZeneca-Impfungen registriert. Die betroffenen Erwachsenen waren zwischen 18 und 93 Jahre alt. Das gefährliche Thrombose-Syndrom hatte die britischen Impfberater bereits dazu veranlasst, gesunden Menschen unter 40 Jahren möglichst einen anderen Impfstoff zu empfehlen. Doch während man bei Erwachsenen zunehmend auf die Bremse trat, sollte die Universität Oxford ihre Impfstoffversuche mit Kindern ab sechs Jahren fortsetzen. Wie die Verantwortlichen das rechtfertigten, lässt sich in einem inzwischen veröffentlichten Behördenprotokoll vom 21. Mai 2021 nachlesen.

Forschungsdaten wichtiger als Kindswohl

Bei dem Versuch handelte es sich um COV006, eine randomisierte Phase-II-Studie zur Sicherheit und Immunantwort auf den AstraZeneca-Impfstoff ChAdOx1 nCoV-19 (AZD1222) bei Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und 17 Jahren. Wegen der bekannt gewordenen Thrombosefälle war die Verabreichung weiterer Impfdosen vorübergehend gestoppt worden. Am 21. Mai beriet die Covid-19 Vaccine Benefit Risk Expert Working Group der britischen Arzneimittelaufsicht MHRA darüber, ob die jungen Studienteilnehmer ihre zweite Dosis erhalten sollten. Das Protokoll hält fest, dass bereits 74 Jugendliche ihre zweite Studienimpfung erhalten hatten, ohne dass Sicherheitsprobleme festgestellt worden seien. Nun ging es um die Fortsetzung bei den übrigen Teilnehmern. Trotz der bekannten Risiken fand dieser Vorschlag Unterstützung.

Dabei räumten die Experten ausdrücklich ein, dass Kinder nur einem extrem geringen Risiko ausgesetzt seien, mittelschwer oder schwer an Covid-19 zu erkranken. Gleichzeitig bestand bei dem AstraZeneca-Präparat das bekannte Risiko einer seltenen, aber potenziell lebensgefährlichen Gerinnungsstörung. Ob diese auch bei Kindern auftreten könnte und wie häufig, ließ sich mangels Daten überhaupt nicht zuverlässig einschätzen. Im Protokoll wurde sogar auf den medizinethischen Grundsatz verwiesen, dass der Schutz der Studienteilnehmer Vorrang vor dem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse haben müsse. Einer der Experten betonte allerdings auch, wie wichtig der Abschluss der Studie sei, um möglichst viele Forschungsdaten zu gewinnen. Der Widerspruch zwischen dem Schutz der Kinder und dem Wunsch nach weiteren Versuchsergebnissen war damit offenkundig.

Ignorierte Bedenken

Zusätzliche Blutuntersuchungen sollten die Sicherheit erhöhen. Doch selbst diese Maßnahme wurde von Mitgliedern des Expertengremiums kritisch hinterfragt. Im Protokoll findet sich der Einwand, solche Kontrollen könnten den Eltern eine falsche Sicherheit vermitteln. Schließlich habe es bei der gefürchteten Gerinnungsstörung VITT nach dem Auftreten auffälliger Blutwerte häufig keine erfolgreiche Behandlung gegeben. Man wollte die Blutwerte der Kinder also genauer überwachen, obwohl bei einer tatsächlich auftretenden schweren Komplikation keineswegs feststand, ob man ihnen helfen konnte. Ob dieser Umstand den Familien ausreichend erklärt würde, war ebenfalls Gegenstand der Beratungen.

Auch bei der Einwilligung der Eltern gab es erhebliche Bedenken. In nachgereichten Fragen bezweifelten einzelne Experten, ob Familien unter solchen Umständen überhaupt frei entscheiden könnten. Schließlich sollten sie einer weltbekannten Universität während einer Pandemie die Fortsetzung einer vermeintlich lebensrettenden Impfstoffstudie verweigern. Hinzu kam, dass die Forscher keine neuen Teilnehmer mehr gewinnen konnten und eine Ablehnung den Abschluss der Untersuchung erschwert hätte. Ein Mitglied stellte deshalb sogar grundsätzlich infrage, ob eine erneute Einwilligung unter diesem Druck ethisch vertretbar sei. Die eigenen Arzneimittelexperten diskutierten also darüber, ob die Eltern überhaupt noch unbefangen Ja sagen konnten. An der Unterstützung für die Fortsetzung änderte diese Kritik nichts.

Mehr Schaden als Nutzen

Die Ergebnisse der COV006-Studie wurden am 11. Juni 2022 im renommierten Fachjournal The Lancet veröffentlicht. Insgesamt waren 262 Kinder und Jugendliche den Studiengruppen zugeteilt worden, davon 211 der AstraZeneca-Gruppe und 51 einer Kontrollgruppe, die einen Meningokokken-B-Impfstoff erhielt. Tatsächlich bekamen 210 Kinder und Jugendliche mindestens eine AstraZeneca-Dosis, 193 auch eine zweite. Nach der Unterbrechung erfolgte die zweite Impfung bei den meisten noch wartenden Teilnehmern mit einem Abstand von 112 Tagen. Die Autoren um Grace Li berichteten in ihrer Studie zur Sicherheit und Immunantwort des Impfstoffs von keiner schwerwiegenden Nebenwirkung, die sie AstraZeneca zuschrieben.

Am 30. August 2025 erschien im Fachjournal Vaccine schließlich die Abschlussauswertung unter dem Titel „Safety and immunogenicity of the ChAdOx1 nCoV-19 (AZD1222) vaccine in children aged 6–17 years: Final results of a phase 2, single-blind, randomised controlled trial (COV006)“. Darin wurden hingegen fünf schwere unerwünschte Ereignisse und vier Ereignisse von besonderem medizinischem Interesse verzeichnet. Keines davon wurde von den Studienautoren auf die Impfungen zurückgeführt – Einordnungen, die hinterfragt gehören. Finanziert wurde die Untersuchung unter anderem vom britischen Gesundheitsministerium über das National Institute for Health Research und von AstraZeneca. Todesfälle gab es unter den Teilnehmern glücklicherweise nicht.

Die Entscheidung, die Kinder trotz der bekannten gesundheitlichen Risiken weiter zu impfen, wirft erhebliche ethische Fragen auf. Die britischen Experten hatten selbst eingeräumt, dass der behauptete Nutzen, sofern man eine Wirksamkeit der Impfung postuliert, für die jungen Teilnehmer gering sei und AstraZeneca bei britischen Kindern voraussichtlich gar nicht eingesetzt werde. Als möglicher Nutzen der zusätzlichen Daten standen spätere Impfkampagnen in anderen Ländern im Raum. Sogar die Notwendigkeit einer zweiten Dosis bei Kindern wurde ausdrücklich hinterfragt. Man kannte das potenziell tödliche Risiko, bezweifelte den persönlichen Nutzen und wusste nicht einmal, ob die zusätzliche Spritze überhaupt notwendig war. Für die Fortsetzung der Studie reichte es trotzdem.

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