Tausende Greifvögel geschreddert: Das verdrängte Vogelsterben durch Windkraft

(C) Report24/KI

Deutschlands Windräder töten Jahr für Jahr unzählige Vögel – darunter Tausende Greifvögel. Eine der größten deutschen Feldstudien errechnete allein für vier Bundesländer rund 7.800 tote Mäusebussarde jährlich. Für Brandenburg kamen Forscher auf mehr als 300 getötete Rotmilane pro Jahr. Trotzdem weiß bis heute niemand, wie viele Vögel bundesweit tatsächlich durch Windkraftanlagen sterben. Der Ausbau läuft seit Jahrzehnten, eine bundesweite Opferbilanz fehlt bis heute.

Seit 2002 sammelt die Staatliche Vogelschutzwarte Brandenburg bundesweit Meldungen über Vögel und Fledermäuse, die durch Windenergieanlagen getötet wurden. Doch die Behörde räumt selbst ein, wie löchrig diese Statistik ist: Die meisten Windkraftanlagen in Deutschland wurden bislang überhaupt noch nie systematisch untersucht. Die Datenbank erfasse deshalb nur einen Bruchteil der tatsächlich verunglückten Tiere und lasse keine Hochrechnung der Gesamtverluste zu. Deutschland baut seit Jahrzehnten Windräder – und weiß bis heute nicht einmal, wie viele Vögel dadurch jährlich sterben.

Wie groß die Verluste ausfallen können, zeigte die vom Bund geförderte PROGRESS-Studie. Forscher untersuchten Windparks in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg systematisch auf Kollisionsopfer. Ihre Hochrechnung kam für das damalige Projektgebiet auf rund 7.800 getötete Mäusebussarde pro Jahr, dazu rund 10.000 Ringeltauben und etwa 11.800 Stockenten. Greifvögel kollidierten gemessen an ihrer Bestandsgröße überproportional häufig mit Windenergieanlagen. Beim Mäusebussard hielten die Forscher negative Auswirkungen auf regionale Bestände bereits beim damaligen Ausbaustand für möglich.

Große Erfassungslücken bestehen

Beim Rotmilan zeigt sich die Erfassungslücke besonders deutlich. Jochen Bellebaum, Fränzi Korner-Nievergelt, Tobias Dürr und Uwe Mammen untersuchten 617 Windenergieanlagen in Brandenburg. Ihre 2013 im Journal for Nature Conservation veröffentlichte Studie errechnete für die damals 3.044 betriebenen Anlagen 308 getötete Rotmilane innerhalb eines Jahres. Die mittlere Schätzung entsprach 3,1 Prozent der angenommenen Population nach der Brutzeit.

Auch der Vergleich mit der offiziellen Fundkartei zeigt die Dimension der Dunkelziffer. Erst am 17. September 2020 registrierte die bundesweite Datenbank das 600. Rotmilanopfer für ganz Deutschland. Die wissenschaftliche Analyse hatte schon Jahre zuvor allein für Brandenburg mehr als 300 tote Rotmilane pro Jahr errechnet. Offiziell gezählte Kadaver über viele Jahre stehen damit einer Modellierung gegenüber, die für nur ein Bundesland dieselbe Größenordnung innerhalb eines einzigen Jahres ergab.

ScienceFiles hat die vorhandenen Untersuchungen nun auf den heutigen Anlagenbestand übertragen. Das Portal kommt bei zwölf ausgewählten Vogelarten in seinem mittleren Szenario auf rund 77.000 tote Tiere jährlich. Über alle Vogelarten hinweg schätzt ScienceFiles rund 110.000 Opfer pro Jahr, mit einer Spanne von 80.000 bis 150.000. Doch eine amtliche Zahl gibt es bis heute nicht. Für Windkraft existieren Ausbauziele, Flächenvorgaben, Genehmigungsverfahren und detaillierte Leistungsdaten. Bei der Frage, wie viele Vögel die Anlagen jährlich töten, fehlt dagegen noch immer eine Gesamtbilanz.

Antikollisionssysteme werden kaum eingesetzt

Dass die Gefahr bekannt ist, zeigt auch das Bundesamt für Naturschutz. Es veröffentlichte Anfang 2026 eine eigene Schrift über Antikollisionssysteme. Kameras und Erkennungstechnik sollen gefährdete Vögel erfassen und Windenergieanlagen bei drohenden Kollisionen abschalten. Das BfN bezeichnet solche Systeme als „sehr wirksame Schutzmaßnahme“, stellte zugleich aber fest, dass sie bislang nur in sehr begrenztem Umfang praktisch eingesetzt werden.

Zwar entwickeln die Behörden technische Systeme, um Vogelkollisionen zu verhindern, während das bundesweite Ausmaß der Verluste selbst immer noch nicht systematisch erfasst wird. Die Vogelschutzwarte sagt offen, dass die meisten Anlagen nie untersucht wurden. Gleichzeitig entstehen weitere Windkraftanlagen, ohne dass für die bestehenden Anlagen eine vollständige Opferbilanz vorliegt. Nach mehr als drei Jahrzehnten Windkraftausbau kann Deutschland eine simple Frage noch immer nicht beantworten: Wie viele Vögel sterben jedes Jahr tatsächlich durch Deutschlands Windenergieanlagen?

Mehr zum Thema negative Auswirkungen des Windkraft-Ausbaus finden Sie übrigens unter anderem auch in meinem neuen Buch „Der Windkraft-Wahn„.

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