„Russisches Waffendepot“ bei Berlin: Zwei Pistolen und ganz viel Konjunktiv

(C) Report24/KI

Zwei Pistolen, seit fast einem Jahr unter Beobachtung, kein Abholer und kein bekanntes Anschlagsziel. Daraus wird in deutschen Medien ein „geheimes Waffendepot“ russischer Agenten. Je dünner die öffentlich bekannten Fakten sind, desto größer fällt offenbar der mediale Russland-Alarm aus.

Die Tagesschau beginnt ihren Bericht über den Fund in einem Waldgebiet zwischen Berlin und Brandenburg gleich mit der passenden Kulisse eines „Spionagethrillers“. Was die deutschen Sicherheitsbehörden dort bereits im Spätsommer 2025 entdeckt hatten, klingt zunächst tatsächlich nach einer Story aus dem Kalten Krieg: ein professionell angelegtes Versteck, möglicherweise ein sogenannter toter Briefkasten eines ausländischen Geheimdienstes. Der Inhalt fällt dann etwas bescheidener aus. Gefunden wurden zwei scharfe Kurzwaffen samt Munition. Zwei Pistolen also.

Für entsprechend große Schlagzeilen genügte das trotzdem. Die Tagesschau machte daraus ein „geheimes Waffendepot“, das Springer-Blatt Bild gleich ein „geheimes Waffenlager“. Im Text selbst erfährt der Leser wiederum, worum es bei diesem ominösen Depot tatsächlich geht: zwei Handfeuerwaffen. Hurra. jeder Ausländerclan in Deutschland verfügt schon über das Mehrfache der Feuerkraft. Der Generalbundesanwalt ermittelt nun wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, ein Tatverdächtiger sitzt in Rumänien in Haft.

Und da wird es sprachlich interessant. Der Verdächtige könnte das Depot angelegt haben. Eventuell, vielleicht, man weiß es nicht. Die Waffen sollen im Auftrag russischer Geheimdienste hinterlegt worden sein. „Eingeweihte“ seien überzeugt, dass sie wohl für Agenten bestimmt gewesen seien, die im Auftrag Moskaus sogenannte „kinetische Operationen“ durchführen sollten. Die Täter hätten möglicherweise bemerkt, dass das Versteck entdeckt worden war. Aus zwei Pistolen in einem Erdloch entsteht auf diese Weise Stück für Stück ein mögliches russisches Attentatsprogramm in Deutschland. Die CIA und das Pentagon dürften sich nun wohl fragen, wie stümperhaft der FSB wohl vorgeht – die „Operation Timber Sycamore“ in Syrien lässt grüßen.

Öffentlich bestätigt ist davon bislang erstaunlich wenig. Das Bundesamt für Verfassungsschutz erklärte auf Anfrage lediglich, zu möglichen konkreten nachrichtendienstlichen Erkenntnissen grundsätzlich nicht Stellung zu nehmen. Die Behörde fügte ausdrücklich hinzu, damit werde weder bestätigt noch dementiert, dass der berichtete Sachverhalt überhaupt zutreffe. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt formulierte am Freitag ebenfalls deutlich vorsichtiger als so manche Schlagzeile: Eine Beteiligung „fremder Mächte“ sei „nicht auszuschließen“. Über ein mögliches Anschlagsziel gebe es keine Erkenntnisse. Dobrindt erklärte zwar, Waffen und Munition seien nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden für eine Anschlagsplanung vorgesehen gewesen. Wer diesen Anschlag hätte ausführen sollen, gegen wen er sich richten sollte und welche „fremde Macht“ tatsächlich dahinterstand, bleibt jedoch offen. Zwischen „fremde Mächte nicht auszuschließen“ und dem russischen Geheimdienstdepot der Überschriften liegen also noch einige unbeantwortete Fragen.

Fast schon unfreiwillig komisch wird es beim weiteren Verlauf der Operation. Die Ermittler machten die Waffen unbrauchbar, versahen sie laut Tagesschau mit GPS-Trackern und ließen das Versteck bestehen. Danach wurde observiert. Nur kam niemand. Kein Agent, kein Auftragskiller, kein Saboteur und auch sonst niemand, der die beiden Pistolen haben wollte. Dobrindt formulierte es wesentlich unspektakulärer als die Medien: „Es gab keinen Abholer.“ Auch dafür gibt es eine mögliche Erklärung. Vielleicht hätten die Hintermänner den Polizeieinsatz am Versteck bemerkt, heißt es. Vielleicht habe auch die Festnahme des Verdächtigen in Rumänien die Pläne durchkreuzt. Das Depot gilt inzwischen jedenfalls als „tot“. Die angeblich für einen Anschlag hinterlegten Waffen wurden also nie abgeholt.

Ob hinter dem Versteck tatsächlich ein russischer Geheimdienst steckt, müssen die Ermittlungen erst noch zeigen. In den bislang veröffentlichten Informationen findet sich dafür vor allem eine Kette von Einschätzungen, Annahmen und Möglichkeiten. In den Schlagzeilen ist man da teilweise schon erheblich weiter. Das fügt sich in die seit Monaten laufende Berichterstattung über russische Sabotage-, Spionage- und Mordpläne in Deutschland ein. Erst wenige Tage zuvor berichteten mehrere Medien über den Donaustahl-Gründer Stefan Thumann. Der Hersteller liefert Kampfdrohnen an die Ukraine und wurde nach eigenen Angaben von deutschen Sicherheitsbehörden vor einer russischen Operation gegen ihn gewarnt. Thumann lebt inzwischen weitgehend abgeschirmt und erklärte: „Ich liefere mir mit dem russischen Militärgeheimdienst ein Duell um mein Leben.“ Auch hier stammen wesentliche öffentlich bekannte Angaben über die angeblichen Mordpläne aus Sicherheitskreisen.

So funktioniert inzwischen ein beträchtlicher Teil der deutschen Russland-Berichterstattung: Die Sicherheitsbehörden liefern aus welchen Gründen auch immer irgenwelche Verdachtsmomente, die Medien bauen daraus Szenarien und die Überschrift steht häufig schon dort, wo die Beweislage noch im Konjunktiv steckt. Beim Leser bleibt am Ende ein „russisches Waffendepot“ hängen. Was tatsächlich gefunden wurde, ist weniger spektakulär: zwei Pistolen in einem Versteck, seit rund einem Jahr unter Beobachtung, ohne bekanntes Anschlagsziel und ohne jemanden, der sie abholen wollte. Für einen geheimdienstlichen Sensationsfund ist das bislang ziemlich wenig. Für die nächste Runde Russland-Panik reichte es offenbar trotzdem.

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