Paracetamol in der Schwangerschaft: 40 Prozent kleinere Eierstöcke – auch Hoden betroffen

(C) Report24/KI

Paracetamol gilt als das Schmerz- und Fiebermittel, zu dem Schwangere greifen dürfen, wenn andere Präparate problematischer sind. Eine neue dänische Humanstudie stellt diese Routine nun infrage: Bei drei Monate alten Mädchen, deren Mütter das Mittel während der Schwangerschaft eingenommen hatten, fanden Forscher deutlich kleinere Eierstöcke und Gebärmütter sowie weniger Follikel. Daten desselben Forschungsprojekts zeigen auch bei Jungen Auffälligkeiten – und ältere Untersuchungen mit menschlichem fetalem Gewebe liefern seit Jahren Hinweise darauf, dass der Wirkstoff die Entwicklung der Fortpflanzungsorgane beeinflussen kann.

Eine Tablette gegen die Kopfschmerzen, beim nächsten Mal eine bei Fieber oder Gliederschmerzen: Über Paracetamol machen sich die meisten Menschen kaum Gedanken. In der Schwangerschaft bekommt der Wirkstoff sogar eine besondere Bedeutung, weil Ärzte von verschiedenen anderen Schmerzmitteln abraten. Am Kopenhagener Rigshospitalet wollten Forscher deshalb genauer wissen, was der Wirkstoff dieses Medikaments während jener Monate anrichtet oder eben nicht anrichtet, in denen sich Eierstöcke und Hoden des ungeborenen Kindes entwickeln. Das Ergebnis ihrer COPANA-Studie dürfte die bisherige Gelassenheit zumindest erschüttern.

Im Fachjournal Human Reproduction Open erschien nun die Studie „Fetal exposure to paracetamol is associated with altered markers of ovarian development and reduced uterine volume in girls: the COPANA study“. Die Forscher nahmen 685 gesunde Schwangere bereits im ersten Schwangerschaftsdrittel in ihre Untersuchung auf und fragten sie anschließend alle zwei Wochen nach der Einnahme von Paracetamol. Bei 299 Frauen suchten sie zusätzlich im Urin nach dem Wirkstoff. Nach der Geburt untersuchten sie 302 Töchter im Alter von rund drei Monaten per Ultraschall. Bei Mädchen, deren erste Paracetamol-Exposition vor der 17. Schwangerschaftswoche lag, waren die Eierstöcke im Durchschnitt 40 Prozent kleiner, die Gebärmutter war 13 Prozent kleiner. Hatte die Exposition erst ab der 17. Schwangerschaftswoche begonnen, fanden die Ärzte 23 Prozent weniger sichtbare Eierstockfollikel – jene Strukturen, in denen die unreifen Eizellen liegen. Bei den früh exponierten Mädchen fiel zudem das Anti-Müller-Hormon niedriger aus, das Hinweise auf die Entwicklung und Aktivität der Follikel liefert.

Ausgerechnet die eingenommenen Mengen machen den Befund interessant. Der Median der von den Frauen gemeldeten Gesamtmenge lag über die gesamte Schwangerschaft hinweg bei lediglich drei Gramm Paracetamol – rechnerisch gerade einmal sechs gewöhnliche 500-Milligramm-Tabletten. Die Autoren sprechen deshalb ausdrücklich von einer niedrigen bis mäßigen Exposition. Gleichzeitig fanden sie bei verschiedenen Messmethoden Hinweise auf eine Dosis-Wirkungs-Beziehung: Mit der steigenden selbst angegebenen Einnahme beziehungsweise höheren Paracetamolwerten im Urin sanken mehrere Messwerte der weiblichen Fortpflanzungsorgane. Der begleitende Kommentar von Christian De Geyter vom Universitätsspital Basel bezeichnet die Untersuchung angesichts der früheren Tier- und Laborbefunde als wichtigen Schritt und fordert eine Neubewertung der Empfehlungen für Paracetamol während der Schwangerschaft.

Der Verdacht auf Auswirkungen an den Eierstöcken stammt dabei nicht erst aus dem Jahr 2026. Im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism untersuchten französische Wissenschaftler für die 2022 veröffentlichte Studie „Acetaminophen (APAP, Paracetamol) Interferes With the First Trimester Human Fetal Ovary Development in an Ex Vivo Model“ Eierstockgewebe von 284 menschlichen Föten aus der siebten bis zwölften Entwicklungswoche. Paracetamol verringerte in dem Gewebe aus der besonders empfindlichen Phase zwischen der zehnten und zwölften Woche die Zellzahl, förderte den Zelltod und störte die Bildung von Steroidhormonen. Die Forscher kamen damals zu einer sehr klaren Einschätzung: In ihrem Versuchsmodell verhielt sich Paracetamol wie ein endokriner Disruptor im menschlichen fetalen Eierstock.

Noch deutlicher wurde die Sache bereits 2018, als Forscher beide Geschlechter gleichzeitig untersuchten. In Environmental Health Perspectives erschien die Arbeit „Effects of Exposure to Acetaminophen and Ibuprofen on Fetal Germ Cell Development in Both Sexes in Rodent and Human Using Multiple Experimental Systems“. Die Wissenschaftler setzten menschliches fetales Hoden- und Eierstockgewebe aus dem ersten Schwangerschaftsdrittel sieben Tage lang therapeutisch relevanten Paracetamolkonzentrationen aus. Im Hodengewebe sank die Zahl einer Gruppe unreifer Keimzellen um 28 Prozent, im Eierstockgewebe sogar um 43 Prozent. Aus diesen Zellen entstehen später die Keimzellen des Erwachsenen. Acht Jahre vor der neuen COPANA-Veröffentlichung tauchte damit im menschlichen Gewebe bereits ein Signal auf, das beide Geschlechter betraf.

Auch bei Jungen fanden die Forscher Veränderungen

Die Schlagzeilen über die neue COPANA-Arbeit konzentrieren sich derzeit fast ausschließlich auf die Mädchen. Doch dasselbe Forschungsprojekt nahm auch 287 Jungen unter die Lupe. Die Wissenschaftler stellten diesen Teil bereits 2024 auf dem Kongress der European Society for Paediatric Endocrinology unter dem Titel „Prenatal exposure to paracetamol is associated with smaller testis volume and decreased levels of steroid metabolites during infancy in healthy males: A COPANA cohort study of 287 boys“ vor. Bei 78 Jungen, deren Mütter bis einschließlich der 14. Schwangerschaftswoche Paracetamol genommen hatten, waren die Hoden im Alter von rund drei Monaten im Durchschnitt knapp acht Prozent kleiner als bei den 147 nicht exponierten Jungen. Außerdem lagen mehrere Vorstufen von Steroidhormonen niedriger. Bei der Penisgröße und der anogenitalen Distanz fanden die Forscher dagegen keinen auffälligen Unterschied. Dieser Teil der COPANA-Forschung liegt bislang als wissenschaftlicher Kongressbeitrag vor; eine vollständige eigenständige Fachpublikation steht noch aus.

Schon neun Jahre zuvor hatten Wissenschaftler einen möglichen Mechanismus direkt am menschlichen Hoden untersucht. Im Fachjournal Science Translational Medicine erschien 2015 die Studie „Prolonged exposure to acetaminophen reduces testosterone production by the human fetal testis in a xenograft model“. Die Forscher transplantierten menschliches fetales Hodengewebe in Mäuse und verabreichten den Tieren ein Paracetamol-Schema, das sich an einer therapeutischen Anwendung beim Menschen orientierte. Nach einem Tag änderte sich die Testosteronproduktion nicht. Nach sieben Tagen produzierte das menschliche Gewebe jedoch 45 Prozent weniger Testosteron; auch ein weiterer Messwert für die Androgenwirkung sank um 18 Prozent. Die Autoren warnten schon damals vor möglichen Folgen einer länger andauernden Einnahme während einer empfindlichen Phase der männlichen Entwicklung.

Damit wäre die Geschichte eigentlich schon unangenehm genug. Allerdings gibt es inzwischen auch Daten darüber, was Jahrzehnte später aus den betroffenen Jungen wird. Eine dänische Langzeitstudie beobachtete 1.058 junge Männer im Alter von 18 bis 21 Jahren, deren Mütter während der Schwangerschaft an der Danish National Birth Cohort teilgenommen hatten. Die 2024 in Reproductive Toxicology veröffentlichte Arbeit „Maternal intake of paracetamol during pregnancy and biomarkers of male fecundity in young adult sons“ fand insgesamt keinen klaren Zusammenhang zwischen der Paracetamol-Einnahme der Mutter und der späteren Spermienqualität, dem Hodenvolumen oder den Fortpflanzungshormonen der Söhne. Bei einer längeren Einnahme zeichneten sich zwar ungünstigere Werte bei einigen Samenparametern ab, die statistische Absicherung reichte dafür jedoch nicht aus. Dieser Befund setzt eine wichtige Grenze: Die bisherigen Daten belegen nicht, dass die beobachteten Veränderungen bei Säuglingen später zwangsläufig zu einer eingeschränkten Fruchtbarkeit führen.

Auch eine große Meta-Analyse aus diesem Jahr liefert einen Gegenpol. Im Fachjournal Human Reproduction wertete die Studie „Association between in utero exposure to acetaminophen and external genital tract malformations in boys and girls: a systematic review and meta-analysis“ zehn Beobachtungsstudien aus. Für den Hodenhochstand, die Hypospadie und eine verkürzte anogenitale Distanz bei Jungen fanden die Autoren im Gesamtergebnis keinen gesicherten Zusammenhang mit Paracetamol. Gleichzeitig stuften sie die Aussagekraft der vorhandenen Daten als niedrig bis sehr niedrig ein. Vor allem untersuchten diese Arbeiten andere Fragen als COPANA: Ein Junge kann äußerlich normal entwickelte Genitalien haben, während sich das Volumen der Hoden oder die hormonelle Aktivität unterscheidet.

Warnungen gibt es schon seit längerer Zeit

Die Diskussion läuft ohnehin schon länger. Bereits 2021 veröffentlichten 13 Autoren in Nature Reviews Endocrinology die Konsenserklärung „Paracetamol use during pregnancy — a call for precautionary action“, die damals 91 Wissenschaftler, Ärzte und Gesundheitsexperten unterstützten. Sie verwiesen auf die wachsende Forschung zu möglichen neurologischen, urogenitalen und reproduktiven Folgen und empfahlen Schwangeren, Paracetamol nur bei einer medizinischen Notwendigkeit, in der niedrigsten wirksamen Dosis und für möglichst kurze Zeit einzunehmen. Andere Fachleute widersprachen der weitergehenden Interpretation und hielten die Belege für eine ursächliche Schädigung für unzureichend. Der wissenschaftliche Streit begann also lange vor den aktuellen Schlagzeilen aus Dänemark.

Die Europäische Arzneimittelagentur hält bislang an ihrer Linie fest. In ihrer letzten Aktualisierung vom Januar 2026 erklärte die EMA, Paracetamol könne während der Schwangerschaft bei einem medizinischen Bedarf weiterhin gegen Schmerzen oder Fieber eingesetzt werden – in der niedrigsten wirksamen Dosis, so kurz und so selten wie möglich. Die Behörde reagierte damals vor allem auf die Debatte über Autismus, ADHS und andere neurologische Entwicklungsstörungen. Für diese Erkrankungen sah sie keinen Beleg für ein erhöhtes Risiko bei der empfohlenen Anwendung. Die nun veröffentlichte COPANA-Studie über die Eierstöcke und die Gebärmutter der Mädchen lag bei dieser Bewertung noch nicht vor.

Report24 hatte bereits im September 2025 über die wachsende Debatte um Paracetamol während der Schwangerschaft berichtet. Damals standen vor allem mögliche neurologische Folgen im Mittelpunkt. Mit den neuen dänischen Daten verschiebt sich der Blick nun auf die Fortpflanzungsorgane selbst – und dort treffen die Untersuchungen an Säuglingen auf ältere Befunde aus menschlichem Eierstock- und Hodengewebe.

Ob die kleineren Eierstöcke später tatsächlich die Fruchtbarkeit einer Frau verringern, ob eine frühere Menopause droht oder ob die kleineren Hoden bei den Jungen Jahrzehnte später die Spermienproduktion beeinträchtigen, kann derzeit niemand seriös beantworten. Dafür müssen die Forscher diese Kinder bis ins Erwachsenenalter begleiten. Auf dem Tisch liegen inzwischen jedoch Befunde an den Eierstöcken, den Follikeln, den Hoden, den Keimzellen und der Hormonproduktion – gewonnen mit unterschiedlichen Methoden und über viele Jahre hinweg. Für ein Medikament, das Schwangere bei alltäglichen Beschwerden oft als beinahe selbstverständliche Lösung betrachten, ist das genügend Anlass, den sorglosen Griff zur Tablette neu zu überdenken.

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