Wenige Tage vor den geplanten Friedensgesprächen in Abu Dhabi gehen die Angriffe auf die ukrainische Energieversorgung weiter. Moskau meldet Treffer auf zwei Kraftwerke und einen Angriff auf ein Frachtschiff bei Odessa. Bereits am Dienstag hatten massive russische Luftangriffe in mehreren Regionen Stromausfälle ausgelöst.
Das russische Verteidigungsministerium hat am Mittwoch neue Angriffe auf Kraftwerke in den ukrainischen Regionen Kiew und Schytomyr gemeldet. Nach Angaben aus Moskau wurde außerdem ein Frachtschiff auf dem Schwarzen Meer nahe der Hafenstadt Odessa angegriffen. Ukrainische Behörden berichteten unterdessen von weiteren russischen Attacken in den Regionen Poltawa, Dnipropetrowsk, Kirowohrad und Riwne sowie im Großraum Kiew. Über das genaue Ausmaß der Schäden an den beiden Kraftwerken liegen bislang keine Angaben vor.
Die Angriffe folgen auf eine großangelegte russische Luftoffensive vom Dienstag. Nach Angaben des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj setzte Russland dabei 289 Drohnen, 17 ballistische Raketen und 59 Marschflugkörper ein. Getroffen wurden unter anderem Kraftwerke und Umspannstationen. Der ukrainische Energiekonzern DTEK teilte mit, dass drei seiner fünf Wärmekraftwerke nach den Angriffen keinen Strom mehr produzieren konnten. Die Schäden an den Anlagen seien erheblich, Reparaturen könnten erst beginnen, sobald die Sicherheitslage dies zulasse.
In der Region Schytomyr waren am Dienstag nach Behördenangaben mehr als 180.000 Stromkunden von Ausfällen betroffen. Rund 130 Ortschaften hatten zeitweise keinen Strom. Auch in der Region Odessa wurde eine Anlage des Stromnetzbetreibers DTEK schwer beschädigt, deren Wiederherstellung nach Unternehmensangaben längere Zeit beanspruchen dürfte. In der Hauptstadt Kiew mussten ebenfalls Notabschaltungen vorgenommen werden. Bürgermeister Vitali Klitschko bezeichnete die Versorgungslage als äußerst schwierig.
Energieversorgung wird zum Thema der Friedensgespräche
Die erneute Eskalation trifft auf diplomatische Bemühungen Washingtons, den seit Februar 2022 andauernden Krieg zu beenden. Für den 10. und 11. November sind in Abu Dhabi neue Verhandlungen zwischen Vertretern Russlands, der Ukraine und der Vereinigten Staaten geplant. US-Sondergesandter Steve Witkoff hatte die Gespräche angekündigt. Neben einer möglichen Beendigung der Kampfhandlungen sollen Sicherheitsvereinbarungen, humanitäre Maßnahmen und Schritte zur Deeskalation auf der Tagesordnung stehen.
Moskau begründet seine Angriffe auf ukrainische Energieanlagen damit, dass diese auch Rüstungsbetriebe und militärische Einrichtungen versorgten. Gleichzeitig setzt die Ukraine ihre Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur fort. Russische Behörden meldeten am Dienstag einen ukrainischen Drohnenangriff auf eine große Ölraffinerie in Jaroslawl, bei dem ein Brand ausgebrochen sei. Die gegenseitigen Attacken treffen damit weiterhin Einrichtungen, die für die Energieversorgung beziehungsweise die Treibstoffproduktion von Bedeutung sind.
Bei einem Treffen mit Selenskyj in Berlin forderte Bundeskanzler Friedrich Merz Russland am Dienstag auf, sich ernsthaft auf Verhandlungen über eine Waffenruhe und einen anschließenden Friedensvertrag einzulassen. Der ukrainische Präsident wiederum will bei den Gesprächen in Abu Dhabi auch über eine Einstellung der Angriffe auf Energieanlagen verhandeln. Für die Bevölkerung drängt die Zeit: Die Temperaturen sinken, während beschädigte Kraftwerke, Umspannstationen und Stromleitungen die Versorgung zunehmend erschweren.