Erst feiert Deutschland einen neuen Ökostrom-Rekord, wenige Tage später explodieren die Börsenpreise. Innerhalb von vier Tagen verteuerte sich Strom auf nahezu das 24-Fache. Die Windstromproduktion brach um rund 90 Prozent ein, während teure Gaskraftwerke einspringen mussten. Für die ohnehin angeschlagene deutsche Industrie ist diese Strompreis-Achterbahn eine weitere Belastung – und der Winter hat gerade erst begonnen.
Von 13,12 auf 314,85 Euro je Megawattstunde. Diesen gewaltigen Preissprung erlebte Deutschland zwischen dem 25. und 29. Oktober. Am Abend des 29. Oktober wurden in einer Viertelstunde sogar 574,28 Euro erreicht. Während die Bundesregierung den Ausbau von Wind- und Solaranlagen vorantreibt, zeigt die erste längere Dunkelflaute der Heizsaison, wie abhängig die Stromversorgung weiterhin von konventionellen Kraftwerken ist. Bei reichlich Wind gibt es Billigstrom, bei Windstille schießen die Preise nach oben. Und für die Absicherung des Systems muss ebenfalls bezahlt werden.
Vom gefeierten Ökostrom-Rekord zum Preisschock
Wie heftig die Strompreise auf das schwankende Angebot reagieren, verdeutlicht eine Auswertung des dänischen Energieexperten Bjørn Lomborg. Er hat die Stromerzeugung und die Börsenpreise anhand von Daten des Fraunhofer-Instituts und der Bundesnetzagentur gegenübergestellt. Das Ergebnis stellt die Erfolgsmeldungen über immer neue Ökostrom-Rekorde in ein wenig schmeichelhaftes Licht.
Am 24. Oktober lieferten die erneuerbaren Energien rechnerisch 114,8 Prozent der deutschen Netzlast. Strom kostete an der Börse durchschnittlich gerade einmal 30 Euro je Megawattstunde. Zwischen dem 29. Oktober und dem 1. November sank der Anteil der Erneuerbaren an der Netzlast dagegen auf durchschnittlich 29,7 Prozent. Gleichzeitig stieg der Börsenpreis auf knapp 273 Euro je Megawattstunde – etwa das Neunfache. Lomborg vergleicht dabei einen besonders windreichen Tag mit einem viertägigen Zeitraum. Auch die 115 Prozent sind ein Tagesmittel und bedeuten keine durchgehende Selbstversorgung. An der gewaltigen Schwankung ändert das nichts.
Ten days ago, renewable campaigners celebrated: Germany's renewables hit a record 115% of electricity, and power cost €30/MWh
— Bjorn Lomborg (@BjornLomborg) November 2, 2026
Then the wind stopped
For the last four days, renewables gave just 30%, and power cost €273/MWh, 9 times more https://t.co/T7Frl7E4TV pic.twitter.com/8FTArFFYv8
Fast 90 Prozent weniger Windstrom
Noch drastischer fällt der Blick auf die Windkraftproduktion aus. Am 25. Oktober speisten deutsche Windkraftanlagen rund 1,11 Terawattstunden Strom ins Netz ein. Vier Tage später waren es gerade einmal 109 Gigawattstunden. Ein Einbruch um rund 90 Prozent. Kraftwerke mit enormer installierter Leistung lieferten plötzlich nur noch einen Bruchteil der Strommenge. Natürlich beeinflussen neben dem Wind auch die Nachfrage, die Gaspreise und die Verfügbarkeit anderer Kraftwerke den Börsenpreis. Zudem lag der Ausgangswert auf einem Sonntag mit vergleichsweise geringem Verbrauch. Trotzdem bleibt das Problem bestehen: Eine wetterabhängige Stromversorgung benötigt Ersatz, sobald Wind und Sonne nicht genügend liefern.
Dann springen Kohle- und Gaskraftwerke ein. Gerade die teuren Gaskraftwerke können an der Strombörse den Preis für alle in derselben Auktion gehandelten Mengen nach oben treiben. Der Strom wird dadurch auch für Abnehmer teurer, deren Energie rechnerisch aus wesentlich günstigeren Quellen stammt. Die milliardenschweren Wind- und Solarparks haben die konventionellen Kraftwerke also keineswegs überflüssig gemacht. Deutschland benötigt weiterhin Anlagen, die jederzeit liefern können. Und deren Bau, Wartung und Vorhaltung kosten Geld – auch wenn sie bei kräftigem Wind kaum gebraucht werden.
Selbst ein milder Winter könnte teuer werden
Für Januar 2027 warnen Energieanalysten bereits vor der nächsten Preiswelle. Wie der Branchendienst Montel am 21. Oktober berichtete, könnten sich die deutschen Großhandelspreise gegenüber dem Vorjahr selbst bei einem milden Winter mehr als verdoppeln. Bei extremer Kälte und wenig Wind halten die Experten einen durchschnittlichen Januarpreis von bis zu 260 Euro je Megawattstunde für möglich. Das ist eine Prognose, keine Gewissheit. Die jüngsten Preissprünge zeigen allerdings, welche Größenordnungen bei einer längeren Dunkelflaute möglich sind. Verschärft wird die Situation durch die hohen Gaspreise, die ausgerechnet jene Kraftwerke verteuern, auf die Deutschland bei fehlendem Windstrom angewiesen ist.
Ein großer Vorteil der Energiewende ist, dass PV und Windkraft sich perfekt ergänzen. Wenn gerade Herbst oder Winter ist, und die PV nicht viel liefert, wird der Strombedarf verlässlich durch Windkraft gedeckt. Außerdem kann man die Überschüsse zur Mitttagszeit gut speichern. pic.twitter.com/d9h4DW8iho
— Christoph Terasa (@Kohlrabi82) November 2, 2026
Für Haushalte mit festen Stromtarifen schlägt ein solcher Preissprung nicht unmittelbar auf die Rechnung durch. Unternehmen mit kurzfristigem Strombedarf und Verbraucher mit dynamischen Tarifen trifft er dagegen wesentlich direkter. Bleiben die Beschaffungskosten über längere Zeit hoch, geraten auch andere Stromtarife sukzessive unter Druck. Bereits im September registrierte die Bundesnetzagentur steigende Preise. Der modellierte Industriestrompreis einschließlich möglicher Vergünstigungen kletterte von 10,70 auf 12,45 Cent je Kilowattstunde. Bei Haushalts-Neukunden ging es von 37,63 auf 38,62 Cent nach oben. Dieser Anstieg hat mehrere Ursachen. Für energieintensive Betriebe zählt am Ende allerdings die Rechnung, nicht die politische Begründung.
Immer mehr Windräder – und neue Kraftwerke obendrauf
Die eigentliche Kostenfalle liegt im Umbau der Stromversorgung. Deutschland hat seine letzten Kernkraftwerke abgeschaltet und will auch aus der Kohleverstromung aussteigen. Gleichzeitig muss die Bundesregierung neue regelbare Kraftwerke organisieren, damit bei Dunkelflauten nicht die Lichter ausgehen. Die Bundesnetzagentur beziffert den bis 2035 erforderlichen Bruttozubau an steuerbarer Kraftwerksleistung im Zielszenario auf bis zu 22,4 Gigawatt. Bei verzögertem Ausbau und geringerer Flexibilität der Stromnachfrage könnten sogar bis zu 35,5 Gigawatt notwendig werden. Das steht im Versorgungssicherheitsbericht der Behörde vom September 2025.
Neue Kraftwerke müssen finanziert werden. Weil sie vor allem bei Windflauten und Stromknappheit gebraucht werden, sind zusätzliche Vergütungen für das Bereithalten von Leistung vorgesehen. Report24 berichtete bereits über die entsprechenden Pläne und die möglichen Belastungen für Stromkunden.
Damit bekommt Deutschland beides: immer mehr wetterabhängige Stromerzeugung und zusätzliche Kraftwerke, die deren Ausfälle absichern müssen. Bei Sturm wird der billige Börsenstrom gefeiert, bei Windstille müssen teure Ersatzkapazitäten ran. Die Fabriken produzieren nach Auftragslage, Windräder nach Wetterlage. Die Rechnung für den Unterschied verschwindet nicht im nächsten Ökostrom-Rekord.