Russland-Sanktionen: Bald auch Ammoniak-Importverbot? EU demontiert sich weiter selbst

(C) Report24/KI

Die EU will Russland mit Sanktionen wirtschaftlich schwächen und sich von dessen Erdgas verabschieden. Gleichzeitig importiert sie Hunderttausende Tonnen russisches Ammoniak. Das wird gebraucht, denn Europas eigene Düngerindustrie leidet massiv unter den (nicht zuletzt sanktionsbedingt) hohen Energiekosten. Nun sollen aber die verbliebenen Ammoniak-Lieferungen ins Visier genommen werden. Wie sehr will die EU sich selbst noch schaden?

„Dünger ist das neue Gas“, warnte Yara-Chef Svein Tore Holsether bereits im Frühjahr 2024. Report24 berichtete damals darüber, wie Europa nach dem Verlust günstiger russischer Gaslieferungen geradewegs in die nächste Abhängigkeit schlittert. Statt Erdgas aus Russland zu beziehen und daraus selbst Düngemittel herzustellen, könnte man künftig immer stärker auf russischen Dünger angewiesen sein. Zwei Jahre später sieht es ganz danach aus, als hätte der Chef des europäischen Düngemittelriesen mit seiner Warnung den Nagel auf den Kopf getroffen.

Brüssel erlaubt bis zu 688.000 Tonnen

Am 5. Oktober erreichte der Tanker „Eco Sorcerer“ mit mehr als 20.000 Tonnen russischem Ammoniak den Hafen von Antwerpen. Beladen wurde das Schiff zehn Tage zuvor im russischen Ust-Luga, am Terminal des Düngemittelkonzerns EuroChem. Im April beschloss die Europäische Union ein Sonderkontingent für russisches Ammoniak. Bis zu 688.000 Tonnen dürfen innerhalb eines jeweils am 24. April beginnenden Jahreszeitraums importiert werden. Und das, obwohl die EU gleichzeitig russische Energieimporte zurückdrängt und mit zusätzlichen Zöllen auf bestimmte russische Düngemittel deren Einfuhren erschwert. Bei Ammoniak macht Brüssel eine Ausnahme. Die europäische Industrie braucht den Rohstoff schließlich weiterhin.

Nach von Telepolis ausgewerteten Daten der EU-Kommission kamen allein zwischen Januar und September dieses Jahres 340.890 Tonnen Ammoniak aus Russland in die Europäische Union. Damit deckt Russland einen erheblichen Teil des europäischen Importbedarfs ab. Die Lieferungen sind wirtschaftlich attraktiv, weil russische Hersteller über vergleichsweise günstiges Erdgas verfügen. Ein interessanter Widerspruch: Europa verzichtet zunehmend auf das günstige russische Gas als direkten Energieträger, kauft aber weiterhin ein Industrieprodukt ein, dessen Herstellung große Mengen davon verschlingt. Warum nicht endlich den ganzen Sanktionsirrsinn überdenken?

Europas Chemieindustrie verliert Produktionskapazitäten

Für die europäische Düngemittelindustrie ist das jedenfalls eine denkbar schlechte Entwicklung. Bei der Herstellung von Ammoniak entscheidet vor allem der Erdgaspreis über die Kosten. Nach Angaben der EU-Kommission entfallen rund 70 bis 80 Prozent der Produktionskosten von Stickstoffdüngern auf Erdgas. Russland kann den Rohstoff im eigenen Land günstig einsetzen, während die europäischen Hersteller mit deutlich höheren und schwankenden Gaspreisen zurechtkommen müssen.

Die wirtschaftlichen Schäden sind inzwischen beträchtlich. Seit 2023 wurden in der EU Ammoniakanlagen mit zusammen neun Prozent der gesamten Produktionskapazität dauerhaft geschlossen. Weitere Werke haben ihre Produktion eingeschränkt oder zeitweise eingestellt. Das räumt ausgerechnet die EU-Kommission in ihrem Düngemittel-Aktionsplan vom Mai 2026 ein. Sie warnt darin sogar selbst vor einer weiteren Deindustrialisierung der Branche.

Russland verarbeitet unterdessen sein Erdgas zu Ammoniak und verkauft dieses nach Europa. Die industrielle Wertschöpfung, die Arbeitsplätze und ein Teil der Gewinne bleiben damit in Russland, während europäische Chemiewerke mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit kämpfen. Man muss schon einen ausgeprägten Sinn für politische Ironie besitzen, um darin einen Erfolg der europäischen Wirtschaftspolitik zu erkennen.

Die Amerikaner kaufen, die Europäer zahlen drauf

Report24 hatte bereits im September über die völlig unterschiedliche Entwicklung der russischen Düngemittelexporte in die USA und die EU berichtet. Während die Amerikaner von Januar bis Mai 2026 russische Düngemittel im Wert von 1,04 Milliarden Dollar importierten – ein neuer Rekord für diesen Zeitraum –, brachen die entsprechenden Einfuhren in die EU massiv ein. Washington verschafft seinen Landwirten weiterhin Zugang zu russischem Dünger. Brüssel setzt auf zusätzliche Handelsbeschränkungen und die Suche nach Ersatzlieferanten.

Dabei kämpfen Europas Bauern ohnehin schon mit steigenden Produktionskosten. Im April 2026 lagen die Preise für Stickstoffdünger laut EU-Kommission um 71 Prozent über dem Durchschnitt von 2024. Dazu trugen auch die Lieferprobleme infolge des Nahostkonflikts bei. Gerade bei Ackerbaubetrieben schlagen solche Verteuerungen kräftig zu Buche. Weniger Dünger bedeutet unter Umständen geringere Erträge, mehr Dünger belastet die ohnehin knappen Gewinne. Weil die Preise der Lebensmittel nicht automatisch im gleichen Umfang mitsteigen, bleiben viele Landwirte auf den zusätzlichen Kosten sitzen. Die EU-Kommission beschreibt dieses Problem sogar ausdrücklich auf ihrer eigenen Webseite. Europas Bauern dürfen also höhere Rechnungen bezahlen, während ihre Wettbewerber in anderen Ländern zum Teil günstiger produzieren können.

Wie widersprüchlich die Handelspolitik mittlerweile geworden ist, zeigt auch eine Entscheidung vom Mai. Damals setzte der EU-Rat für bestimmte Stickstoffdünger und Vorprodukte die regulären Einfuhrzölle innerhalb festgelegter Kontingente für ein Jahr aus. Dadurch sollen Landwirte und Industrie rund 60 Millionen Euro an Importabgaben sparen. Russland und Belarus wurden von der Erleichterung ausdrücklich ausgeschlossen. Die EU versucht also, russische Lieferungen zurückzudrängen und gleichzeitig den Bezug von Dünger aus anderen Ländern zu verbilligen. Auch das ist eine Möglichkeit, Handelspolitik zu betreiben. Nur ändern solche Zollbeschlüsse nichts daran, dass die europäischen Hersteller ihre hohen Energiekosten weiterhin schultern müssen.

Jetzt droht auch dem Ammoniakhandel das Aus

Die jüngsten Recherchen des SWR könnten den Druck auf die verbliebenen russischen Lieferungen weiter erhöhen. Im Mittelpunkt steht der Konzern EuroChem, dessen Gründer Andrey Melnichenko bereits seit 2022 auf der EU-Sanktionsliste steht. Das Unternehmen selbst wurde bislang nicht entsprechend sanktioniert. Nach Erkenntnissen des SWR beliefert EuroChem allerdings auch russische Munitionshersteller mit Salpetersäure, die zur Sprengstoffproduktion verwendet werden kann. Der Sender beruft sich dabei auf Unternehmensunterlagen und Erkenntnisse des estnischen Auslandsnachrichtendienstes. Die luxemburgische EU-Abgeordnete Isabel Wiseler-Lima (CSV) fordert deshalb eine vollständige wirtschaftliche Abkapselung von Russland. Auch der Sanktionsexperte Benjamin Hilgenstock von der Kyiv School of Economics verlangt schärfere Maßnahmen gegen Unternehmen, die zur russischen Kriegswirtschaft beitragen.

Mit noch einem zusätzlichen Importverbot wäre das europäische Düngerproblem aber gewiss nicht gelöst. Die fehlenden Mengen müssten aus Algerien, Trinidad und Tobago oder anderen Ländern kommen. Ob diese Lieferanten kurzfristig einspringen und vergleichbar günstige Preise anbieten könnten, ist unklar.

Für Europas Landwirtschaft steht damit einiges auf dem Spiel. Die heimische Düngerproduktion hat bereits Kapazitäten verloren, die Importpreise sind hoch und weitere Handelsbeschränkungen könnten die Versorgung zusätzlich verteuern. Russland verfügt weiterhin über sein Erdgas und kann daraus Ammoniak für andere Märkte herstellen. Die europäischen Bauern müssen dagegen mit den Bedingungen zurechtkommen, die ihnen die Politik vorgibt.

Ausgerechnet die EU-Kommission, die mit ihrer Sanktions- und Energiepolitik den russischen Einfluss zurückdrängen will, muss mittlerweile Sonderkontingente für russisches Ammoniak schaffen. Und ihre eigenen Unterlagen dokumentieren gleichzeitig, wie Europas Düngemittelindustrie infolge der Sanktionspolitik und horrenden Energiepreisen Produktionskapazitäten verliert. Die Rechnung bekommen die Bauern präsentiert – und damit auch die Bürger.

Wenn Sie mit dafür sorgen möchten, dass unser unabhängiger Journalismus weiterhin eine Gegenstimme zu regierungstreuen und staatlich geförderten Medien bildet, unterstützen Sie uns bitte mit einer Spende!

Informationen abseits des Mainstreams werden online mehr denn je bekämpft. Um schnell und zensursicher informiert zu bleiben, folgen Sie uns auf Telegram oder abonnieren Sie unseren Newsletter! Wenn Sie mit dafür sorgen möchten, dass unser unabhängiger Journalismus weiterhin eine Gegenstimme zu regierungstreuen und staatlich geförderten Medien bildet, freuen wir uns außerdem sehr über Ihre Unterstützung.

Unterstützen Sie Report24 via Paypal: