Frankreichs Präsident Emmanuel Macron will zusätzliche Atomsprengköpfe, Brüssel mobilisiert Hunderte Milliarden Euro für die Aufrüstung. Gleichzeitig spricht US-Präsident Donald Trump mit Wladimir Putin und Xi Jinping über eine mögliche nukleare Abrüstung. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Republikaner vorgeschlagen, die Militärbudgets der drei Großmächte zu halbieren. Ausgerechnet in einer Zeit, in der die Gefahr eines neuen atomaren Wettrüstens wächst, könnten neue Verhandlungen für die Sicherheit Europas entscheidend werden.
Anfang März verkündete Emmanuel Macron auf dem französischen Atom-U-Boot-Stützpunkt Île Longue seine Pläne für ein größeres Atomwaffenarsenal. Wie viele zusätzliche Sprengköpfe Frankreich anschaffen will, ließ er offen. Künftig soll die Öffentlichkeit nicht einmal mehr erfahren, wie viele dieser Vernichtungswaffen das Land insgesamt besitzt. Um frei zu sein, müsse man gefürchtet werden, erklärte der französische Präsident. Und um gefürchtet zu werden, müsse man mächtig sein. Abschreckung durch militärische Stärke lautet Macrons Rezept für Europas Zukunft.
Trump will nuklear abrüsten
Donald Trump beschäftigt sich derweil mit der Frage, wie sich die gewaltigen Atomwaffenarsenale der Großmächte verkleinern lassen. In einem Newsmax-Interview vom 15. Oktober erklärte der US-Präsident, dass Washington bereits mit Russland und China darüber spreche. Auf die Nachfrage, ob er persönlich mit Wladimir Putin und Xi Jinping über nukleare Abrüstung rede, bestätigte er dies ausdrücklich. Trump würde eine Denuklearisierung gerne erreichen, räumte jedoch ein, dass dies schwierig sei. Einen neuen Vertrag gibt es bislang nicht.
Schon im Februar 2025 hatte Trump einen ähnlichen Vorstoß unternommen. Damals regte er ein Treffen mit Putin und Xi an, um über eine Halbierung der Militärbudgets zu sprechen. Die drei Großmächte würden Unsummen für Waffen ausgeben, obwohl ihre vorhandenen Atomarsenale bereits ausreichten, um die Welt mehrfach zu zerstören. Das Geld ließe sich nach Trumps Vorstellung anderweitig verwenden. Report24 berichtete damals über diese Initiative. Ein interessanter Vorschlag von jenem US-Präsidenten, der gleichzeitig von seinen europäischen NATO-Partnern deutlich höhere Verteidigungsausgaben fordert.
New START lief aus
Der erneute Anlauf fällt in eine gefährliche Phase. Am 5. Februar 2026 lief mit New START der letzte große Vertrag zur Begrenzung der strategischen Atomwaffen der USA und Russlands aus. Er hatte beiden Seiten höchstens 1.550 stationierte strategische Sprengköpfe sowie 700 stationierte Trägersysteme erlaubt. Wladimir Putin hatte angeboten, die bisherigen Obergrenzen für ein weiteres Jahr freiwillig einzuhalten, sofern Washington ebenfalls mitzieht. Trump lehnte diese Übergangslösung am 5. Februar ab und forderte stattdessen einen neuen, verbesserten Vertrag. China soll nach seinen Vorstellungen möglichst ebenfalls daran teilnehmen. Peking verweist jedoch auf sein deutlich kleineres Arsenal und lehnt entsprechende Dreierverhandlungen bislang ab. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass Peking die Welt in Sachen seiner tatsächlichen nuklearen Fähigkeiten belügt.
Damit fehlen Washington und Moskau erstmals seit Jahrzehnten verbindliche bilaterale Obergrenzen für ihre strategischen Atomwaffen. Russland hatte die im Vertrag vorgesehenen Inspektionen bereits 2023 ausgesetzt. Nun wächst das Risiko, dass beide Seiten wieder verstärkt auf zusätzliche Waffen setzen. Russland und die USA besitzen zusammen schließlich den überwiegenden Teil aller Atomwaffen weltweit. Ein neuer Vertrag könnte diesen Rüstungswettlauf zumindest begrenzen.
Europa will aufrüsten
In den europäischen Hauptstädten stehen hingegen Milliardenprogramme zur militärischen Aufrüstung auf der Tagesordnung. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen treibt mit „ReArm Europe“ beziehungsweise „Readiness 2030“ einen Finanzierungsrahmen von bis zu 800 Milliarden Euro voran. Allein 150 Milliarden Euro sollen über gemeinsame EU-Kredite bereitstehen. Weitere Mittel wollen die Mitgliedstaaten durch größere Spielräume für ihre Verteidigungshaushalte mobilisieren. Geld für zusätzliche Waffen, militärische Infrastruktur und Rüstungsproduktion soll damit in gewaltigem Umfang verfügbar werden.
Macron will zudem die französische Atomstreitmacht stärker in die europäische Verteidigungsplanung einbinden. Seine neue Strategie der vorgeschobenen Abschreckung sieht gemeinsame Übungen mit Partnerstaaten und die mögliche zeitweise Verlegung von Elementen der strategischen Luftstreitkräfte auf deren Territorium vor. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hat sich auf eine engere Zusammenarbeit eingelassen. Paris und Berlin gründeten Anfang März eine gemeinsame Steuerungsgruppe für nukleare Fragen. Deutsche Streitkräfte sollen an französischen Atomwaffenübungen teilnehmen können. Über den tatsächlichen Einsatz der französischen Nuklearwaffen entscheidet allerdings weiterhin allein der französische Präsident. Deutschland wäre damit enger in die französische Abschreckungsstrategie eingebunden, ohne selbst über deren wichtigste Entscheidung mitbestimmen zu können.
Macron begründet diesen Kurs mit Russlands Krieg gegen die Ukraine, den nuklearen Drohungen aus Moskau und der Unsicherheit über die langfristige Verlässlichkeit des amerikanischen Schutzschirms. Er sieht in zusätzlichen Atomwaffen einen Beitrag zur Abschreckung und weist den Vorwurf zurück, ein neues Wettrüsten anzustoßen. Allerdings verschwindet die Gefahr einer nuklearen Eskalation dadurch nicht. Sobald sich die europäischen NATO-Staaten und Russland in einer direkten militärischen Konfrontation gegenüberstehen, könnte eine Fehleinschätzung katastrophale Folgen haben. Die gegenseitige atomare Vernichtungsfähigkeit lässt sich schließlich auch mit noch so vielen Milliarden für Rüstungsausgaben nicht beseitigen.
Mehr als 12.000 Atomsprengköpfe
Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI schätzte den weltweiten Bestand Anfang 2026 auf rund 12.187 Atomsprengköpfe. Etwa 4.012 davon waren bereits auf Raketen oder bei Flugzeugverbänden stationiert. Russland verfügte über geschätzte 5.420 Sprengköpfe, die Vereinigten Staaten über 5.042 und China über rund 620. Gleichzeitig modernisieren praktisch alle Atommächte ihre Arsenale. Auch die USA investieren weiter in neue Nuklearwaffen und Trägersysteme. SIPRI warnt vor steigenden Risiken durch Fehlkalkulationen, technische Entwicklungen und den Zerfall der internationalen Rüstungskontrolle.
Der Krieg in der Ukraine hat das Verhältnis zwischen Russland und dem Westen massiv belastet. Moskaus wiederholte nukleare Drohungen haben zusätzliches Misstrauen geschaffen. Doch selbst auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges gelang es Washington und Moskau, Vereinbarungen zur Begrenzung ihrer Atomwaffen auszuhandeln. Beide Seiten wussten um die Folgen eines direkten Krieges. Die Gefahr der gegenseitigen Vernichtung zwang sie, trotz aller Gegensätze miteinander zu sprechen.
Atomwaffen mögen vielleicht einen Gegner von einem Angriff abschrecken. Sie bieten jedoch keinen Schutz vor Fehlalarmen, Missverständnissen oder politischen Fehlentscheidungen. Ein direkter Atomkrieg zwischen Russland und den NATO-Staaten würde auch Europa verwüsten. Zusätzliche Sprengköpfe können weder die politischen Konflikte lösen noch die Risiken einer solchen Eskalation beseitigen. Deshalb verdient die Frage nach verbindlichen Grenzen für die Atommächte mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit wie die Debatte über immer neue Waffensysteme.
Trump setzt auf Diplomatie – Brüssel, Paris und Berlin auf Aufrüstung
Trump hat mit seinen jüngsten Aussagen zumindest die Möglichkeit neuer Abrüstungsverhandlungen ins Gespräch gebracht. Ob Putin und Xi tatsächlich zu weitreichenden Zugeständnissen bereit sind, muss sich erst zeigen. Auch Washington müsste eigene Verpflichtungen akzeptieren und die Einhaltung eines neuen Abkommens überprüfen lassen. Entscheidend sind am Ende Verträge mit verbindlichen Grenzen und Kontrollen. Gute Absichten reichen bei tausenden Atomsprengköpfen nicht aus.
In Europa haben Macron, Merz und von der Leyen unterdessen weitreichende Entscheidungen zur militärischen Aufrüstung getroffen. Für die Begrenzung der Atomwaffen fehlen dagegen weiterhin neue internationale Vereinbarungen. Dabei müsste gerade ein Kontinent, der im Ernstfall selbst zum nuklearen Schlachtfeld werden könnte, ein besonderes Interesse daran haben, dass Washington, Moskau und Peking wieder miteinander verhandeln. Macron kann Frankreichs Arsenal vergrößern und Brüssel weitere Milliarden für Waffen mobilisieren. Sollte die atomare Abschreckung eines Tages versagen, wären die Folgen für Millionen Europäer verheerend. Dann käme jede Friedensverhandlung zu spät.