Ausgerechnet die von der Terrororganisation Hamas kontrollierte Gesundheitsbehörde im Gazastreifen liefert Zahlen, die eine der zentralen Erzählungen über den Krieg erheblich infrage stellen. Ein neuer Sterbebericht für das Jahr 2025 zeigt eine massive Überrepräsentation von Männern im kampffähigen Alter unter den Todesopfern. Der US-Kommentator C. Douglas Golden spricht deshalb von einem regelrechten „narrative suicide“: Die eigenen Daten passten wesentlich besser zu einem Krieg als zur Propagandabehauptung der wahllosen Vernichtung der Bevölkerung.
Am 20. September veröffentlichte das palästinensische Gesundheitsministerium seinen Jahresbericht zur Sterblichkeit im Gazastreifen im Jahr 2025. Dokumentiert wurden insgesamt 24.650 Todesfälle. 17.286 davon, also 70,1 Prozent, ordnet die Behörde selbst unmittelbaren Kriegshandlungen beziehungsweise Angriffen zu. Weitere Todesfälle werden nun ausdrücklich anderen Ursachen wie Krankheiten und Unfällen zugerechnet. Gerade diese Trennung ist entscheidend: Frühere öffentlich verbreitete Opferzahlen wurden häufig als Gesamtzahl der Kriegstoten wahrgenommen, obwohl die Listen nicht in vergleichbarer Weise zwischen unterschiedlichen Todesursachen unterschieden.
Erstmals werden Todesursachen getrennt ausgewiesen
Für Golden liegt darin das politische Eigentor. Denn der Bericht zeigt keine annähernd gleichmäßige Verteilung der Todesfälle über Bevölkerung, Geschlechter und Altersgruppen. 73,4 Prozent der registrierten Toten sind Männer. Besonders stark betroffen ist die Altersgruppe zwischen 20 und 59 Jahren. Dort liegt das Verhältnis zwischen männlichen und weiblichen Todesfällen bei etwa 4,9 zu eins. Die Gruppe der 20- bis 34-Jährigen allein macht 28,8 Prozent sämtlicher registrierten Todesfälle aus. Unter 20-Jährige stellen 28 Prozent. Das Gesundheitsministerium selbst beschreibt die hohe Sterblichkeit erwachsener Männer als wesentlichen Faktor für die außergewöhnliche Alters- und Geschlechterverteilung.
Golden: Das Muster sieht nach Krieg aus
Goldens Schlussfolgerung fällt entsprechend deutlich aus. Wenn Israel tatsächlich eine Bevölkerung unterschiedslos vernichten wolle, so seine Argumentation, wäre eine derart extreme Konzentration der Todesfälle auf erwachsene Männer schwer zu erklären. Das demographische Muster passe vielmehr zu einem Krieg, bei dem ein erheblicher Teil der Opfer aus einer Bevölkerungsgruppe stammt, in der sich zugleich die große Mehrheit der Kämpfer befindet. Für Golden untergraben damit ausgerechnet die Daten der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörden jene Darstellung, wonach die Opferstruktur vor allem von einem wahllosen Töten der Zivilbevölkerung geprägt sei.
Auch ein weiterer Vergleich ist bemerkenswert. Vor dem Krieg lag die rohe Sterberate im Gazastreifen wesentlich niedriger. Der enorme Ausschlag des Jahres 2025 entsteht nach den Daten des Ministeriums in erster Linie durch jene Todesfälle, die es selbst direkt dem Krieg zurechnet. Damit liefert der Bericht zumindest keinen Hinweis darauf, dass sämtliche übrigen Todesursachen in einem ähnlichen Ausmaß explodiert wären. Das bedeutet nicht, dass die Lebensbedingungen im Gazastreifen ungefährlich gewesen wären. Das Ministerium dokumentiert beispielsweise erhöhte Säuglings- und Kindersterblichkeit und führt diese auf den Zusammenbruch medizinischer Versorgung und andere Kriegsfolgen zurück. Der entscheidende Befund bleibt jedoch: Die außergewöhnlich hohe Gesamtsterblichkeit wird vor allem von den unmittelbar als kriegsbedingt registrierten Todesfällen getragen.
Auch die Hungersnot-Erzählung gerät unter Erklärungsdruck
Golden nimmt darüber hinaus die Behauptung einer Hungersnot ins Visier. Auch hier argumentiert er mit dem Sterbemuster: Bei einer flächendeckenden Hungerkatastrophe wäre nach seiner Einschätzung eine wesentlich breitere Verteilung schwerer Folgen innerhalb der Bevölkerung zu erwarten. Tatsächlich hatte die internationale IPC-Initiative im August 2025 für das Gouvernement Gaza eine Hungersnot der höchsten Stufe behauptet und mehr als eine halbe Million Menschen im gesamten Gazastreifen katastrophalen Bedingungen zugerechnet. Diese Einstufung beruhte allerdings nicht allein auf registrierten Todesfällen, sondern ebenso auf Lebensmittelversorgung und akuter Mangelernährung. Das Mortalitätsprofil des gesamten Jahres zeichnet nicht das Bild einer Bevölkerung, deren Sterblichkeit gleichmäßig durch Hunger bestimmt worden wäre.
Die eigenen Zahlen passen nicht zur einfachen Erzählung
Goldens argumentiert, dass die öffentliche Erzählung von einem weitgehend unterschiedslosen Massensterben der Bevölkerung nicht haltbar ist. An diesem Punkt besitzt der neue Bericht erhebliche Sprengkraft: Fast drei Viertel der registrierten Toten sind männlich, Männer im Erwachsenenalter sind extrem überrepräsentiert und die Gesundheitsbehörde selbst führt den überwiegenden Teil der Todesfälle unmittelbar auf Kriegshandlungen zurück.
Was in der Betrachtung von Gaza-Toten auch häufig fehlinterpretiert wird, ist die Erzählung der vielen „Kinder“, die getötet wurden. Nach Definition der UN ist man bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres ein „Kind“. Wer die Strukturen des Gazastreifens und der Hamas kennt, weiß, dass zahlreiche junge Menschen spätestens mit 16 Jahren, häufiger auch früher, in den Kriegsdienst gepresst werden. Wenn also bewaffnete Kämpfer von israelischen Soldaten bei regulären Kriegshandlungen getötet werden, verbucht man das als „getötete Kinder“.
Golden nennt die Veröffentlichung deshalb „narrative suicide“ – Selbstmord des Narrativs von einem Genozid im Gazastreifen. So zugespitzt diese Formulierung auch ist: Die Daten stammen nicht aus Israel und nicht von einem israelischen Institut, sondern vom palästinensischen Gesundheitsministerium selbst. Wer bislang allein von den bisher gemeldeten Gesamtzahlen einen Beweis für ein unterschiedsloses Töten der Bevölkerung ableiten wollte, muss sich nun mit deren Altersstruktur, Geschlechterverteilung und tatsächlichen Todesursachen auseinandersetzen.
Wer allerdings der antisemitischen Erzählung verfangen ist, die von linken Medien und verschiedenen Untergangspropheten verbreitet wird, dürfte auch durch Fakten nicht zu überzeugen sein. Abschließend sollte erwähnt werden, dass Daten und Zahlen aus dem Gazastreifen nicht neutral und objektiv überprüfbar sind. Alleine deshalb ist diese Veröffentlichung durch die Terrororganisation Hamas selbst bemerkenswert.
