Ein ukrainischer Profitaucher wird von Deutschland wegen der Nord-Stream-Sprengung gesucht. Trotzdem reist er durch Europa – und arbeitet schließlich als Berater an einem Hollywood-Film über eine ukrainische Tauchergruppe, die eine Pipeline in der Ostsee sabotiert. Im kroatischen Pula klickten die Handschellen. Und die Bundesregierung? „Die Bundesregierung bewertet das gar nicht.“
Für den Polit-Thriller „Snake Island“ dreht Regisseur Doug Liman in Kroatien mit Sean Penn und Adrien Brody. Im Mittelpunkt steht eine ukrainische Tauchergruppe auf einer geheimen Unterwassermission – mit deutlichen Parallelen zur Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im September 2022. Mit am Set: der ukrainische Profitaucher Wolodymyr S. Ausgerechnet er soll die Filmproduktion technisch beraten haben. Gegen S. lag zu diesem Zeitpunkt bereits ein Europäischer Haftbefehl aus Deutschland vor. Die Bundesanwaltschaft verdächtigt ihn, zu jener Gruppe gehört zu haben, die Sprengsätze an Nord Stream 1 und 2 angebracht haben soll. Am 19. August nahm ihn die kroatische Polizei in Pula fest.
Die Täter sollen die Sprengladungen in rund 70 bis 80 Metern Tiefe an den Pipelines angebracht haben. Für eine solche Operation brauchte es ausgebildete Taucher, Logistik, Spezialausrüstung und entsprechende Vorbereitung. S. ist ausgebildeter Berufstaucher. Ob er tatsächlich an den Anschlägen beteiligt war, muss nun die Justiz klären. Sein Name war deutschen Ermittlern jedoch bekannt. Bereits 2024 wurde ein Europäischer Haftbefehl ausgestellt. S. hielt sich damals in Polen auf – und verschwand dennoch Richtung Ukraine. Die polnische Staatsanwaltschaft erklärte später gegenüber Reuters, Deutschland habe seinen Namen nicht rechtzeitig in die Fahndungsdatenbank eingetragen. Dadurch habe er das Land verlassen können.
Rückendeckung aus Kiew?
Noch interessanter waren Berichte über die Art seiner Ausreise. Demnach soll S. in einem Fahrzeug des ukrainischen Militärattachés über die Grenze gebracht worden sein. Damit stand schon damals die Frage im Raum, ob ukrainische staatliche Stellen einem von Deutschland gesuchten Nord-Stream-Verdächtigen geholfen haben könnten. Kiew bestreitet eine staatliche Beteiligung an der Pipeline-Sprengung. Später tauchte S. erneut in Polen auf und wurde dort festgenommen. Ein polnisches Gericht verweigerte jedoch seine Auslieferung nach Deutschland. Er kam erneut frei. Dann landete der gesuchte Profitaucher mitten in einer Filmproduktion über genau jene Tat, wegen der Deutschland nach ihm fahndete. Ein Nord-Stream-Verdächtiger als Berater für einen Nord-Stream-Thriller – und das mitten in der EU.
In Berlin sorgte der Fall bei der Bundesregierung für demonstrative Zurückhaltung. In der Bundespressekonferenz vom 24. August fragte Journalist Florian Warweg, wie die Bundesregierung es bewerte, dass ein wegen der Sprengung von Nord Stream gesuchter Mann quer durch Europa reisen und sogar als Berater an einem Film über den Anschlag arbeiten könne. Regierungssprecher Stefan Kornelius antwortete: „Die Bundesregierung bewertet das gar nicht.“ Man warte die Ermittlungen des Generalbundesanwalts und das laufende Verfahren ab. Alles andere sei „nicht Sache der Bundesregierung“.
Warweg legte nach. Er verwies auf die früheren Fluchten des Verdächtigen und auf Berichte über die angebliche Hilfe des ukrainischen Militärattachés. Seine Frage an das Auswärtige Amt: Welche Konsequenzen zieht Berlin aus einer möglichen Behinderung der deutschen Ermittlungen durch ukrainische Stellen? Auch dort kam keine politische Antwort. Sprecherin Kathrin Deschauer erklärte lediglich, sie teile die Prämisse der Frage nicht und werde das laufende Strafverfahren ebenfalls nicht bewerten.
Nun, im heutigen Deutschland scheint man offensichtlich mehr Wert darauf zu legen, die Führung in Kiew nicht bloßzustellen, anstatt einen terroristischen Anschlag auf die deutsche Energie-Infrastruktur (Nord Stream) offen als das zu benennen, was er war: ein gezielter Sabotageakt durch ein angeblich befreundetes Land. Und dazu noch durch einen Staat, der in Sachen finanzieller und militärischer Unterstützung auch noch stark von deutschem Steuergeld abhängig ist.
