Das Konzept des Ethnopluralismus war für die Rechte ein Paradigmenwechsel und Fortschritt zugleich. Übertreibung und linke Narrative führen Teile von ihr zu Kulturrelativismus gegenüber dem Islam und Kumpanei mit arabischen Terroristen. Teil 2 zeigt auf, dass die deutschsprachige Neue Rechte weniger geschlossen auf der Seite Israels steht als ihre internationalen Partner.
Teil 1 erläuterte das Konzept des Ethnopluralismus, beschrieb die wesentlichen Inhalte des proisraelischen Kurswechsels und erläuterte seine Umsetzung durch den Trumpismus in den USA, durch Reform UK und Tommy Robinson in Britannien, durch Marine Le Pen und Eric Zemmour in Frankreich, durch VOX in Spanien, durch Giorgia Meloni und Matteo Salvini in Italien, durch Viktor Orban in Ungarn und Geert Wilders in den Niederlanden.
Im deutschsprachigen Raum hat sich die neurechte Wende in Bezug auf Israel – mit Ausnahme der Schweiz – weniger eindeutig durchgesetzt. Die AfD ist in der Frage uneinheitlich, die FPÖ war lange zurückhaltend und hat sich erst zuletzt klar proisraelisch positioniert. Im politischen Vorfeld, also in den Bereichen Theorie, Aktivismus und neurechte Medien, gibt es sehr unterschiedliche Haltungen.
Die Schweizerische Volkspartei (SVP) nimmt eine klar islamkritische und proisraelische Haltung ein. Nationalrat David Zuberbühler etwa tat sich gegen die von der Hamas unterwanderte UNRWA hervor und erklärte: „Wenn Israel fällt, fällt der Westen.“ Die SVP verlangte die Auflösung der propalästinensischen Kundgebungen an den Schweizer Hochschulen. Und die Jugendorganisation JSVP setzte nach der Kopf-ab-Geste eines Islamisten in Basel eine Belohnung in der Höhe von 5000 Franken für sachdienliche Hinweise auf den Israelhasser aus.
Proisraelische AfDler
Die AfD wurde erst 2013 als souveränistische und wirtschaftsliberale Partei gegründet und hat sich später gleich auf neurechter Grundlage etabliert, wobei die Spannweite an Ausrichtungen lange ziemlich groß war. In der Außenpolitik hat sich die AfD deutlich von der Russenfeindlichkeit der alten Rechten unterschieden – und sich in den letzten Jahren gegen die antirussische Kriegspolitik des globalistischen Establishments gestellt.
Die AfD betonte auch seit Jahren ihre Verbundenheit mit dem Staat Israel und ihre Sorge um die Sicherheit der Jüdischen Gemeinschaft in Deutschland und prangert den Antisemitismus muslimischer Einwanderer an. Das Abstimmungsverhalten der AfD im Bundestag war lange klar pro-israelisch.
2018 wurde schließlich die parteinahe Vereinigung „Juden in der AfD“ gegründet, in der Vera Kosova, Wolfgang Fuhl, Emanuel Krauskopf, Artur Abramovych, Marcel Hirsch und Marcel Goldhammer eine wesentliche Rolle spielten. Die politischen Gegner der AfD tun diese Dinge in der Regel als Show ab, was sicherlich zu kurz greift. Ein Element des „virtue signalling“ ist aber wohl dabei.
Seit dem Gaza-Krieg haben sich in der AfD aber auch einige Unterschiede aufgetan. Eine klare Haltung nahm AfD-Urgestein Alexander Gauland ein: In einer Rede im Bundestag am 7. Juni 2024 argumentierte er den israelischen Standpunkt der notwendigen Verteidigung gegen die Hamas, kritisierte die deutsche Hilfe für palästinensische Strukturen und postulierte: Mit Terroristen verhandle man nicht, man müsse sie bekämpfen.
Auch klar proisraelisch äußerte sich Beatrix von Storch. Ebenfalls im Bundestag, am 6. Juni 2024, verteidigte sie Israel gegen Genozid-Vorwürfe, Israel müsse sich verteidigen und für zivile Opfer trage die Hamas die Verantwortung, weil sie sich systematisch hinter der Bevölkerung verschanze. Die Herrschaft der Hamas müsse beendet werden. Und AfD-Außenpolitiker Joachim Wundrak hatte im Oktober 2024 im Bundestag gesagt: „Wir befürworten Deutschlands Waffenlieferungen an Israel zur Ausübung seines Selbstverteidigungsrechts.“
Antiisraelische AfDler
Weniger eindeutig sind die Statements von Alice Weidel. Bereits im August 2024 sagte sie in einem Interview mit WaS, dass sie das Existenzrecht Israels verteidige, aber: „Man kann über Waffen zu Verteidigungszwecken nachdenken. Waffen für weitere Offensiven sind aber nicht zielführend. Man provoziert sonst nur Gegenschläge. Das ist kein guter Weg. Der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu arbeitet permanent gegen die Zweistaatenlösung. Auch die israelische Regierung muss kritisiert werden dürfen.“ Zuletzt stellte sich Weidel vor allem gegen das von der Bundesregierung betriebene Einfliegen von Gazanern nach Deutschland.
Ihr Co-Vorsitzender Tino Chrupalla hatte im Oktober 2024 deutsche Waffenlieferungen an Israel angeprangert. In einer Bundestagsrede hatte er mit Blick auf Israel das Ende „exklusiver Solidaritätsbekundungen“ und „einseitiger Parteinahmen“ Deutschlands gefordert. In Teilen seiner Fraktion sorgt dies für große Verärgerung. AfD-Abgeordnete sprachen von „linkem, pazifistischem Unfug“, „unverständlichen Anwandlungen“ und einem „Tiefschlag gegen die Fraktionslinie“. In einer AfD-Chatgruppe schrieb ein Abgeordneter: „Ich verstehe nicht, wieso wir als AfD nun Israel in den Rücken fallen. Der palästinensische Terror ist ganz klar antisemitisch und islamistisch, warum hat die Fraktionsführung plötzlich etwas dagegen, wenn jemand solche Terroristen zurechtstutzt? Warum stellen wir uns gegen den einzigen jüdischen Staat weltweit, wo wir uns doch in den gemeinsamen christlich-jüdischen abendländischen Wurzeln besonders mit seinen Bürgern verbunden sehen?“
Chrupalla war aber noch weiter gegangen und stellte sich bezüglich des Konfliktes gegen „pauschale Islamfeindlichkeit“. Die Abwendung von Israel geht da also schnurstracks in eine Annäherung an den Islam über, was für einen AfD-Politiker doch Neuland war.
Das brachte ihn in die Nähe von Maximilian Krah, der argumentierte, dass ihm islamische Konservative lieber seien als die queeren und liberalen Eliten, und eine Art Ethnopluralismus in Deutschland, also Deutschland als Vielvölkerstaat, als einzig realistisches Ziel verkaufte. Andererseits hatte Krah 2011 noch seine Sympathie für Israel bekundet, mit dem Sohn von Benjamin Netanyahu in Austausch gestanden, sogar auf einem israelischen Panzer posiert und war Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft gewesen – und sich wiederholt über die wichtige und positive geistige Rolle von Juden in Europa geäußert. Zuletzt aber war seine Annäherung an den Islam so weit gegangen, dass er im August 2026 demonstrativ Nordzypern besuchte und damit dem türkischen Okkupanten gegen die Griechen die Mauer machte. Mit seinen häufigen Wendungen erweist sich der Abgeordnete wiederholt als schrille Figur.
Insgesamt ist die AfD in der Positionierung zu Israel also ziemlich uneinheitlich. Das dürfte auch dem Druck unterschiedlicher sozialer und politischer Milieus geschuldet sein. Schematisch gesagt dürften westdeutsche AfD-Unterstützer islamkritisch und israelfreundlich sein, ostdeutsche zwar auch islamkritisch, aber gleichzeitig von der jahrzehntelangen „antizionistischen“ Propaganda der DDR beeinflusst.
Die Umorientierung der FPÖ
Anders als die AfD hat die FPÖ eine lange Geschichte. Eine neurechte Umorientierung fand erst nach der Jahrtausendwende statt. Der aus einer Nazi-Familie stammende langjährige FPÖ-Chef Jörg Haider hatte noch die traditionelle antislawische Frontstellung gegen Slowenen oder Serben sowie antisemitische Töne fortgesetzt.
Letztere waren auch mit einer ausgeprägten pro-arabischen Linie verbunden: Er bereiste den Irak und Libyen, Ägypten, Kuwait und Syrien. Mit einem Gaddafi-Sohn verband ihn eine freundschaftliche Beziehung. Im Jahr 2007 unterstützte Haider als Kulturreferent in Kärnten einen türkisch-islamischen Verein mit Subventionen. Und er war ein prominenter Befürworter eines EU-Beitritts der Türkei.
Es war der langjährige Parteitheoretiker Andreas Mölzer, der in diesen Fragen eine Neuausrichtung einleitete, indem er etwa ausführte, dass die Differenzen zwischen Serbien und Österreich/Deutschland historische Details gewesen und längst überwunden seien und es heute um eine gemeinsame Verteidigung der europäischen Kultur gegen Islamisierung gehe. H.C. Strache, Obmann von 2005 bis 2019, trug jahrelang die Brojanica, ein serbisches Armband. Dass es ihm dabei nur um serbische Wählerstimmen ging, reicht als Erklärung nicht aus.
Was hier stattfand, war eine strategische Neuausrichtung. Das zeigte auch der — in einer NS-Tradition undenkbare — positive Bezug der FPÖ auf Russland. Gegen Globalisierung, Amerikanisierung, außereuropäische Zuwanderung und Multikulturalismus wurden die slawischen Länder und insbesondere Russland als Verbündete bei der Verteidigung der europäischen nationalen Identitäten und der europäischen Kultur gesehen.
Im selben Zusammenhang ist die von der FPÖ unter Strache und später Herbert Kickl demonstrative Zurückweisung von Antisemitismus zu sehen. In diesem neu-rechten Konzept werden die Juden als wichtiger Teil der europäischen Kulturtradition und der Aufklärung gesehen — und Israel von manchen als Vorposten der europäischen Zivilisation im Orient. Gegen das Vordringen von Islam, Islamismus und anderen „rückständigen“ außereuropäischen Kulturen sind die Juden und Israel dann natürliche Verbündete.
FPÖ zu Israel
In diesem Sinne sind die Verurteilung von Antisemitismus und die Hinwendung zu Israel seitens der FPÖ keineswegs irgendein Bluff, sondern ebenfalls eine strategische und ernst gemeinte Linie. In diesem Zusammenhang waren die Besuche von FPÖ-Spitzenpolitikern in Israel zu sehen — und erst recht die FPÖ-November-Pogrom-Gedenkveranstaltung 2016 mit dem israelischen Geheimdienstler Rafael Eitan, der 1960 führend an der Festnahme von Adolf Eichmann in Argentinien beteiligt war. Eine solche Gedenkveranstaltung zu Ehren der jüdischen Nazi-Opfer wäre noch unter Haider undenkbar gewesen.
Mit dem Ausbruch des Gaza-Krieges im Oktober 2023 positionierte sich die Parteiführung um Herbert Kickl allerdings erstmal zurückhaltend. Im Vordergrund der FPÖ-Statements standen die Anprangerung des Islamismus der Hamas und der Aktivitäten ihrer Sympathisanten in Österreich. EU-Parlamentarier Harald Vilimsky kritisierte die Überweisung von Steuergeldern an die UNWRA und hat auch die Aufnahme der Likud-Partei in die rechte EU-Fraktion „Patriots for Europe“ gefördert.
Zum Konflikt zwischen Israel und seinen Feinden selbst enthielt sich die FPÖ lange einer klarer Parteinahme. Sie zog sich damit auf die Position der österreichischen Neutralität zurück, wie sie es schon im Ukraine-Krieg getan hatte. Das änderte sich aber im September 2026 in Straßburg.
Bei einer internationalen Konferenz der Fraktion „Patrioten für Europa“ trafen am 16. September 2026 Vertreter der FPÖ, europäischer Partnerparteien und des israelischen Likud zusammen, der auch führende israelische Politiker zugeschalten waren. Die Veranstaltung markiert einen Wendepunkt im Verhältnis von FPÖ und Israel. Der anwesende Kickl sprach sich gegen Antisemitismus und Islamismus aus. Gleichzeitig stellte er sich im Nahostkonflikt klar auf die Seite der Israels und verteidigte sogar das Vorgehen jüdischer Siedler in „Judäa und Samaria“. Er stellte für den Fall einer FPÖ-Regierungsbeteiligung die Verlegung der Botschaft nach Jerusalem in Aussicht.
Die israelische Führung erkennt offenbar, dass die westliche Linke, die sich jahrzehntelang als Kämpferin gegen Antisemitismus inszeniert hatte, dem jüdischen Staat systematisch in den Rücken fällt, und dass die Neue Rechte viel mehr gemeinsame Ziele und Interessen hat. Mit der Konferenz in Straßburg hat sich die FPÖ in die proisraelische Linie ihrer internationalen Partner eingereiht. Sie stellt damit Teile des politischen Vorfeldes in Schwierigkeiten.
Proisraelische rechte Plattformen
Die Uneinheitlichkeit der AfD und die lange Zurückhaltung der FPÖ finden sich auch im „patriotischen Vorfeld“, etwa in den neurechten Theorie- und Medienprojekten. Dabei nehmen einige rechtskonservative und neurechte Portale klar antidschihadistische und proisraelische Haltungen ein. Das gilt für Kontrafunk, Apollo News, Tichys Einblick, Nius und seine österreichische Schwester Exxpress, für PI-News, die Junge Freiheit und Report24 selbst.
Das Onlineradio Kontrafunk positioniert sich um den Israel-Gaza-Konflikt ausgeprägt pro-israelisch, islamkritisch und medienkritisch gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. In den Beiträgen wird das militärische Vorgehen Israels zur Zerschlagung der Hamas als notwendige Selbstverteidigung eingeordnet. Kontrafunk berichtet kritisch über propalästinensische Demonstrationen in Deutschland, die als extremistisch, antisemitisch oder vom links-grünen Spektrum sowie von Islamisten getragen eingeschätzt werden.
Apollo News weist den Vorwurf eines Völkermords oder Genozids an der palästinensischen Bevölkerung als „Propaganda-Lüge“ zurück. Berichte über eine gezielte Aushungerung der Bevölkerung durch Israel werden als von der Hamas gestreute und weltweit unkritisch übernommene Kampagnen bewertet. Laut Apollo News sabotiert stattdessen die Hamas selbst Hilfskonvois, um eingezogene Güter gewinnbringend zu verkaufen. Das militärische Vorgehen Israels wird als notwendiger und gerechtfertigter Kampf gegen die Terrororganisation Hamas eingeordnet.
Tichys Einblick betont wiederholt, dass Israel ein uneingeschränktes Recht hat, sich gegen den Terror der Hamas zu wehren und diese militärisch zu besiegen. Das Magazin wirft dem internationalen und europäischen „Mainstream“ oft vor, Israel unfair zu kritisieren, Völkermordvorwürfe zu erheben. In Beiträgen wird argumentiert, dass Israel Versuche unternimmt, Zivilisten zu warnen und zu schützen, während die Hamas ihrerseits Zivilisten als Deckung nutze oder keine klare Trennung zulasse.
NIUS vertritt eine strikt pro-israelische Haltung in Bezug auf den Konflikt zwischen Israel und der Hamas im Gazastreifen. Das Portal von Julian Reichelt verteidigt das militärische Vorgehen der israelischen Regierung regelmäßig mit Nachdruck. NIUS kritisiert westliche Politiker (wie den französischen Präsidenten Emmanuel Macron) sowie die Vereinten Nationen (UN) und Organisationen wie das Palästinenserhilfswerk UNRWA scharf. Ihnen wird vorgeworfen, voreingenommen gegen Israel zu agieren oder durch diplomatische Vorstöße (wie die Anerkennung eines palästinensischen Staates) die Hamas indirekt zu belohnen.
Eine ebenso eindeutig islamkritische und proisraelische Haltung nimmt „PI-News“ ein. Die „Junge Freiheit“ positioniert sich vorsichtig proisraelisch und brachte im Juni 2025 auch ein Exklusiv-Interview mit einem israelischen Minister, in dem dieser die muslimische Massenmigration nach Deutschland kritisierte und ausführte, dass Israel auch gegen die Feinde Deutschlands und Europas kämpfe.
Sehr klar auf der israelfreundlichen Linie der internationalen neuen Rechten steht auch Report24 selbst. Wir hinterfragen und entlarven die proarabischen Narrative im globalistischen Mainstream und verstehen den Kampf Israels als Teil des Widerstandes gegen den expansiven Islam. Herausgeber Florian Machl erklärte die Redaktionslinie 2025 in einer entschiedenen Stellungnahme mit dem Titel „Warum Judenhass bei Report24 nicht Programm ist und nie Programm sein wird“.
Sezession, Compact und weitere Portale gegen Israel
Scharf antiisraelisch positioniert sich hingegen das Compact-Magazin, das viele palästinensische und linke Narrative übernimmt und Israel etwa „Eskalation“, „Angriffskrieg“ und „Völkermord“ vorwirft. Als die USA den israelischen Krieg gegen den Iran unterstützten, erklärte Compact, dass man die vom Verlag vertriebene Silbermünze mit dem Konterfei des bisher bejubelten Donald Trump nun einschmelzen werde. Es kann darüber spekuliert werden, ob sich der ex-linke Herausgeber Jürgen Elsässer in dieser Frage von seiner alten maoistisch-„antizionistischen“ Vergangenheit nicht gelöst hat.
Ebenfalls stark antiisraelisch ist die Linie weiterer Medienprojekte, die sich als patriotisch einstufen. Bezüglich Gaza werden palästinensische oder UN-Angaben unkritisch übernommen und Israel „Völkermord“ vorgeworfen. Es ist von einem geopolitischen Spiel die Rede, vor allem der USA, mit dem weitere Migrationswellen nach Europa ausgelöst werden sollen, auch die „Hochfinanz“ wird verdächtigt, hier die Fäden im Hintergrund zu ziehen.
Das im deutschen Sprachraum für rechte Intellektuelle sehr bedeutende Theorieprojekt Sezession rund um Götz Kubitschek, dem politischer Einfluss auf die ostdeutschen AfD-Landesverbände nachgesagt wird, nimmt eine eindeutig antiisraelische Haltung ein. Dabei hält sich Herausgeber Kubitschek zum Nahostkonflikt eher zurück und betont vor allem deutsche Interessen. Er lässt seinem Autor Martin Lichtmesz auf seinem Portal zu den Themen Israel und Gazakrieg ziemlich freie Hand. Dieser agitiert voller Inbrunst gegen einen „Völkermord“ Israels und reproduziert dabei sämtliche Narrative von Hamas, UNO und Linksextremisten.
Kickls Rede in Straßburg, seine klare Parteinahme für Israel und seine Allianz mit dem Likud stießen in diesen publizistischen Kreisen erwartungsgemäß nicht auf Begeisterung. Lichtmesz tobte auf X und warf Kickl „lückenlose Kriecherei“ und Unterwerfung unter das israelische Narrativ vor. Kritik kommt auch von anderer Seite, wird aber meist als persönliches Kommentar verbreitet, während die Medienhäuser dazu schweigen. Auch bei Sezession und Compact will man sich wohl auch nicht frontal gegen den Erfolgsgaranten Kickl stellen.
Die Zwischenposition Martin Sellners
Eine andere Position zu Israel und dem Gazakrieg nimmt Martin Sellner ein. Der Anführer der deutschsprachigen Identitären hat mit seinem Aktivismus und seiner Kampagne für den Begriff „Remigration“ erhebliche Wirkung auf die Neue Rechte. Zu Nahost agiert er zurückhaltend und versucht, zwischen den Lagern zu vermitteln.
Er skizzierte schon im Oktober 2023 auf Sezession „vier negative Idealtypen zur Israelfrage“. Er kritisiert dabei einerseits „altrechte Antisemiten“, die immer noch die Juden als Personifizierung moderner Fehlentwicklung sehen, und „neurechte Antiimperialisten“, die weit nach links gedriftet seien und sich für die Rechte der angeblich „indigenen Palästinenser“ hervortun. Andererseits stellt sich Sellner auch gegen „liberale Islamkritiker“, die Israel als Vorposten des Westens gegen den Feind Islam sehen, und gegen die „liberalen Schuldkultpatrioten“, die sich durch die „‘historische Verantwortung‘ zu einer zionistischen Außenpolitik“ verpflichtet sehen.
Wie schon im Ukraine-Krieg vermeidet Sellner damit eine klare Parteinahme. Die Ursache ist, dass Sellners Anhängerschaft sowohl bezüglich Ukraine als auch bezüglich Israel/Gaza gespalten ist und er nicht einen Teil verprellen und damit sein Hauptprojekt, nämlich den Aufbau einer Front für Remigration, schwächen möchte. Er empfiehlt der Rechten in der Folge „geopolitischen Pluralismus“.
Auch wenn Sellner in seiner Jugend in der altrechten Szene war, hat er nachhaltig damit gebrochen und lehnt antisemitische Hetze, wie etwa von Nick Fuentes, aus ehrlicher Überzeugung ab. Und anders als die Ex-Identitären Lichtmesz und Patrick Lenart reagierte Sellner auf Kickls Rede in Straßburg in einem Audio-Statement sehr gelassen.
Er formuliert zwar einige Kritikpunkte, sieht Kickls Unterstützung für Israel und den Likud lediglich als Einschwenken auf den internationalen neurechten Kurs: „Die FPÖ folgt dem Vorbild von VOX, Meloni, Le Pen, Orban und fast allen anderen Rechtspopulisten in Europa und alliiert sich mit dem Likud.“ Sellner glaubt nicht, dass das der FPÖ Wähler kosten wird (weil es denen vor allem um Remigration und andere Themen gehe). Und er betont erneut, dass sich die Rechte nicht entlang dieser Linie spalten dürfe.
