Saudi-Arabien baut seit Jahren Alternativen zur einseitigen Dollar-Abhängigkeit auf – und zog ausgerechnet bei Chinas mBridge schon 2025 den Stecker. Von einer Rückkehr ins alte Dollar-Lager kann trotzdem keine Rede sein. Riad handelt nach einem einfachen Prinzip: mit China Geschäfte machen, neue Zahlungswege schaffen, Washington aber nicht so weit reizen, dass Waffen, Sicherheitsgarantien und Hochtechnologie gefährdet werden. Das Königreich nutzt die Rivalität der Großmächte – und hält sich dabei alle Optionen offen.
Erst jetzt wird öffentlich bekannt, dass Saudi-Arabien das chinesisch geprägte mBridge-Projekt bereits am 13. Mai 2025 verlassen hat. Die saudische Zentralbank SAMA erklärt, der eigene „Proof of Concept“ sei damals planmäßig beendet worden. Eine mit der Angelegenheit vertraute Quelle sagte der „Financial Times“ jedoch, Riad habe offenbar kein Interesse mehr daran gehabt, öffentlich mit mBridge verbunden zu werden. Im Hintergrund soll man sich mit der Technologie weiter beschäftigt haben. Ganz erledigt war mBridge für die Saudis offenbar trotzdem nicht.
Das Zahlungsabwicklungssystem mBridge passte in jenen Kurs, den Saudi-Arabien bereits seit Jahren verfolgt. Das Königreich will sich aus der alten Abhängigkeit von einem einzigen Finanzzentrum lösen. Seit den 1970er-Jahren bildeten Öl, Dollar, US-Sicherheitsgarantien und saudische Kapitalströme ein machtpolitisches Paket. Washington sicherte Riad militärisch ab, die Saudis verkauften ihr Öl überwiegend in Dollar und legten einen Teil dieser Einnahmen wieder in amerikanischen Vermögenswerten an. Der US-Rechnungshof beschrieb die 1974 geschaffene amerikanisch-saudische Wirtschaftskommission ausdrücklich auch als Instrument zum „Recycling“ der Petrodollars.
Yuan statt Dollar
Mit dem Aufstieg Chinas bekam diese Ordnung Risse. Schon 2022 wurde offen darüber gesprochen, saudische Öllieferungen nach China teilweise in Yuan abzurechnen. Anfang 2023 erklärte Finanzminister Mohammed Al-Jadaan in Davos, Riad sei offen für Handelsabrechnungen in anderen Währungen. Ausgerechnet Saudi-Arabien, jahrzehntelang eine der tragenden Säulen des Petrodollar-Systems, stellte damit die exklusive Rolle des Dollars sogar offen zur Diskussion.
Im November 2023 folgte der nächste Schritt. Die saudische Zentralbank und die chinesische Volksbank vereinbarten einen dreijährigen Währungsswap über bis zu 50 Milliarden Yuan. Damit lassen sich Geschäfte zwischen beiden Ländern leichter in den eigenen Währungen abwickeln, ohne jedes Mal den Dollar dazwischenzuschalten. Riad löste sich damit nicht von Washington. Es schuf sich eine weitere Möglichkeit.
Parallel rückte Saudi-Arabien an die BRICS-Staaten heran. Die Einladung zum Beitritt lag auf dem Tisch, doch Riad zog den letzten Schritt hinaus. Während andere Staaten der Erweiterungsrunde beitraten, hielt sich das Königreich in einer politisch bequemen Zwischenposition: enge Geschäfte mit China, gute Kontakte zu Russland und den anderen BRICS-Staaten – ohne sich offen gegen Washington zu stellen. Selbst Moskau musste im Oktober 2024 wieder zurückrudern und klarstellen, dass Saudi-Arabien noch kein formelles Mitglied war.
mBridge als potentielles Parallelsystem
In dieses Bild passte mBridge. Das System wurde von den Zentralbanken beziehungsweise Währungsbehörden Chinas, Hongkongs, Thailands und der Vereinigten Arabischen Emirate gemeinsam mit dem Innovation Hub der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIS) entwickelt. Banken können darüber grenzüberschreitende Zahlungen mit digitalen Zentralbankwährungen direkt abwickeln. Traditionelle Korrespondenzbanken verlieren damit einen Teil ihrer Rolle – und der Dollar muss bei solchen Geschäften nicht zwangsläufig dazwischengeschaltet werden.
Saudi-Arabien stieg am 5. Juni 2024 als voller Teilnehmer ein. SAMA erklärte damals, man wolle an einer leistungsfähigeren Infrastruktur für grenzüberschreitende Zahlungen arbeiten und Wholesale-CBDCs testen. Für mBridge war die Beteiligung Riads ein Gewinn. Ein führender Ölexporteur am Persischen Golf verleiht einem alternativen Zahlungssystem nun einmal anderes Gewicht als irgendein weiterer Testteilnehmer.
Report24 berichtete bereits 2024 über die wachsende Suche nach Alternativen zum Dollar-System. Im Juni 2026 folgte unsere ausführliche Analyse „mBridge: Chinas Angriff auf das Dollar-Monopol“. China und andere Staaten bauen solche Parallelstrukturen aus einem einfachen Grund auf: Washington kann Dollar, Banken und Sanktionen seit Jahrzehnten als geopolitischen Hebel einsetzen. Wer alternative Zahlungswege besitzt, macht diesen Hebel ein Stück kürzer.
Riad setzte dabei nie alles auf Peking. Saudi-Arabien baut parallel regionale Zahlungswege aus. AFAQ verbindet die Echtzeit-Zahlungssysteme der Golfstaaten miteinander. Buna, das System des Arab Monetary Fund, ermöglicht grenzüberschreitende Zahlungen in regionalen und internationalen Währungen. Dollar, Euro, Riyal und andere Währungen können nebeneinander genutzt werden. Riad schafft sich damit mehrere Wege für den Fall, dass einer davon politisch oder wirtschaftlich unattraktiv wird.
Washington war nicht glücklich darüber
Für Washington wurde mBridge unterdessen zunehmend unangenehm. Im Oktober 2024 zog sich die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich aus dem Projekt zurück. BIS-Chef Agustín Carstens erklärte ausdrücklich, mBridge sei keine „BRICS Bridge“ und dürfe nicht als Instrument zur Umgehung von Sanktionen verstanden werden. Warum musste er das überhaupt betonen? Weil ein Zahlungssystem außerhalb der klassischen Dollar- und Korrespondenzbankstrukturen einen Kern amerikanischer Finanzmacht berührt.
Washington hatte Saudi-Arabiens Beziehungen zu China da längst zum Gegenstand größerer Verhandlungen gemacht. Im Mai 2024 berichtete Reuters über Gespräche zu einem weitreichenden Sicherheitspaket. Riad wollte besseren Zugang zu amerikanischen Waffen und Hochtechnologie. Auf amerikanischer Seite standen Begrenzungen bei chinesischen Waffen, militärischen Beziehungen und bestimmten Technologieinvestitionen im Raum. Die Botschaft war schwer zu übersehen: Geschäfte mit China ja – aber nicht überall dort, wo Washington eigene strategische Interessen gefährdet sah.
Mit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus wurde der Ton noch deutlicher. Ende Januar 2025 drohte der US-Präsident den BRICS-Staaten mit Zöllen von 100 Prozent, falls sie eine gemeinsame Währung oder ein anderes System zur Verdrängung des Dollars etablieren sollten. Washington verteidigte damit keine akademische Währungsfrage, sondern einen der wichtigsten Pfeiler seiner internationalen Macht.
Riad verfolgt eigene Interessen
Saudi-Arabien verstand die Interessenlage. Am 8. Mai 2025 berichtete Reuters, das Königreich halte beim formellen BRICS-Beitritt Abstand, um die Beziehungen zu Washington nicht zu belasten. Gleichzeitig liefen Gespräche über US-Nukleartechnologie, Hochtechnologie und ein Waffenpaket von mehr als 100 Milliarden Dollar. Fünf Tage später landete Donald Trump in Riad. Am 13. Mai wurden Geschäfte und Investitionszusagen im Umfang von 600 Milliarden Dollar verkündet. Allein das Rüstungspaket erreichte fast 142 Milliarden Dollar. Hinzu kamen amerikanische KI-Chips und weitere Technologiedeals. Am selben Tag endete laut SAMA auch Saudi-Arabiens Teilnahme an mBridge.
Ein öffentliches Papier, in dem Trump Mohammed bin Salman den Ausstieg aus mBridge diktiert, gibt es nicht. Braucht es zwingend eines, um die Interessenlage zu erkennen? Großmachtpolitik läuft selten über Pressemitteilungen, in denen alle Gegenleistungen fein säuberlich aufgelistet werden. Waffen, Sicherheitsgarantien, KI-Chips und Geschäfte über Hunderte Milliarden Dollar sprechen ihre eigene Sprache. Die zeitliche Abfolge legt nahe, dass Riads Rückzug weit mehr mit geopolitischem Kalkül zu tun hatte als mit dem bloßen Ende eines technischen Tests.
Dazu passt auch das weitere Verhalten der Saudis. Der BRICS-Beitritt bleibt in der Schwebe. mBridge verschwand aus der öffentlich sichtbaren saudischen Strategie. Die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China läuft derweil weiter, ebenso der Yuan-Swap. Chinesische Unternehmen vertiefen ihre Geschäfte mit Saudi-Arabien gerade im Öl-, Petrochemie- und Technologiesektor. Riad verabschiedet sich also keineswegs von Peking. Es hält die Beziehung eng genug, um wirtschaftlich davon zu profitieren – und locker genug, um Washington nicht gegen sich aufzubringen.
Ausgleich statt Konfrontation
Auch die alte Petrodollar-Ordnung verliert auf diese Weise an Gewicht. Saudi-Arabien hat den Dollar nicht über Nacht fallen gelassen. Stattdessen entstehen Stück für Stück zusätzliche Wege: Yuan-Swaps, regionale Zahlungssysteme, CBDC-Projekte, Geschäfte in anderen Währungen und engere Verbindungen zu Staaten, die sich nicht vollständig auf die westliche Finanzarchitektur verlassen wollen. Der Dollar bleibt für Riad zentral. Seine frühere Alleinstellung bekommt allerdings Konkurrenz.
mBridge ist nach dem saudischen Rückzug ebenfalls nicht erledigt. China baut seine Finanzinfrastruktur weiter aus, während andere BRICS-Staaten eigene Modelle prüfen. Indien wiederum hat wenig Interesse daran, eine Dollar-Abhängigkeit einfach gegen chinesische Dominanz einzutauschen. Der gemeinsame Nenner liegt deshalb weniger in einer neuen Leitwährung als im Wunsch nach mehr Bewegungsfreiheit gegenüber Washington.
Saudi-Arabien macht daraus längst Staatskunst. Das Königreich nimmt chinesisches Kapital, amerikanische Waffen, westliche Hochtechnologie, regionale Zahlungssysteme und Yuan-Liquidität – und bindet sich trotzdem an keinen dieser Partner vollständig. Wer zwischen Washington und Peking wählen muss, ist abhängig. Riad sorgt lieber dafür, dass beide um seine Gunst buhlen.
