Claude kennt sie kaum: Anthropics Schattenfrau wollte Epstein-Geld für Porno-Firma

(C) Report24/KI

Anthropic verkauft Claude als künstliche Intelligenz mit eingebautem Verantwortungsbewusstsein und inszeniert sich selbst als moralisch besonders sauberen Gegenentwurf zur Konkurrenz. Im engsten Machtzirkel von CEO Dario Amodei wirkt allerdings seit Jahren eine Frau ohne offiziellen Posten, die ihn strategisch berät, Investoren zusammenbringt und politische Kontakte pflegt: seine Ehefrau Cami Clark. Dieselbe Frau warb nach Jeffrey Epsteins Verurteilung bei dem registrierten Sexualstraftäter um Geld für ihre „Luxury Porn“-Firma – während später Spuren von Clark aus dem Internet verschwanden und selbst Claude nicht einmal zuverlässig sagen konnte, ob sein eigener Chef verheiratet ist.

Als der indische Premierminister Narendra Modi Anfang dieses Jahres führende Köpfe der KI-Industrie nach Neu-Delhi lud, durfte jeder Unternehmenschef genau eine weitere Person zum Treffen mitbringen. Die meisten kamen mit Mitarbeitern. Dario Amodei brachte Cami Clark mit. Offiziell arbeitet sie gar nicht für Anthropic. Doch in Wirklichkeit sitzt sie bei Auftritten ihres Mannes in Davos in der ersten Reihe, bewegt sich beim milliardenschweren Investorentreffen von Allen & Co. in Sun Valley unter Geldgebern und fungiert nach Angaben von Personen aus dem Umfeld des Unternehmens als strategische Beraterin und „Sounding Board“ des Anthropic-Chefs. Das Wall Street Journal beschreibt damit eine Frau, die auf dem Organigramm praktisch nicht existiert, im wirklichen Machtbetrieb des Konzerns aber eine tragende Rolle spielt.

Und dies wird gerade jetzt brisant. Anthropic hat am 1. Juni vertraulich die Unterlagen für einen Börsengang bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. Investoren rechnen laut Financial Times inzwischen mit einer Bewertung von mehr als zwei Billionen Dollar und einem Börsenstart möglicherweise bereits im Oktober. Damit könnte der Claude-Konzern einen der größten Börsengänge aller Zeiten hinlegen. Künftige Aktionäre sollen also Billionenbewertungen akzeptieren, während sich erst jetzt herumspricht, wer im unmittelbaren Umfeld des Vorstandschefs offenbar seit Jahren mit entscheidet.

Die Frau, die Anthropic offiziell nicht braucht – aber offenbar ziemlich gut gebrauchen kann

Clark war für Amodei bereits wichtig, bevor Anthropic überhaupt zu jenem KI-Giganten wurde, der heute mit OpenAI und Google um die technologische Vorherrschaft ringt. Sie hatte zwischen 2011 und 2014 eine Beziehung mit dem früheren Google-Chef Eric Schmidt und brachte Schmidt später mit Amodei zusammen. Als Anthropic im Mai 2021 seine erste große Finanzierungsrunde über 124 Millionen Dollar bekanntgab, gehörte Schmidt zu den Investoren. Die Verbindung war jedoch nicht nur eine Kleinigkeit: Clark hatte dem späteren Geldgeber ihren Partner vorgestellt und damit einen Mann in Anthropics Umfeld gebracht, dessen Name, Geld und Kontakte im Silicon Valley Türen öffnen konnten.

Noch interessanter ist, was Clark selbst aus dieser Position machen wollte. Im Februar 2021 legte sie Schmidt laut vom Wall Street Journal eingesehenen Dokumenten einen 40-seitigen Vorschlag für einen Investmentfonds mit dem ziemlich selbstbewussten Namen „Mother of AGI Fund“ vor. Der Fonds sollte ausdrücklich eine „elegante Lösung“ bieten, um Camis Beteiligung an Anthropic – im Papier als „Darios Unternehmen“ bezeichnet – zu formalisieren, Schmidts Investment zu verwalten und zusätzlich im Umfeld künstlicher allgemeiner Intelligenz zu investieren. Andere Anthropic-Gründer, darunter Darios Schwester Daniela Amodei, wollten davon nichts wissen. Der Plan starb. Cami Clark blieb danach ohne offiziellen Posten – ihr Einfluss verschwand damit offenbar keineswegs.

Gerade dieser Vorgang nimmt der Geschichte viel von dem harmlosen „Die Ehefrau berät halt ihren Mann“-Charakter. Clark wollte ihre Rolle selbst in eine geschäftliche Konstruktion gießen. Die übrigen Gründer blockierten das. Heute erscheint sie bei internationalen Spitzentreffen neben dem CEO, spricht mit Investoren und Politikern und berät ihren Mann weiterhin, während auf der offiziellen Anthropic-Webseite andere Namen stehen. Für einen Konzern, dessen Produkte künftig möglicherweise Billionen an Börsenwert tragen sollen, ist das zumindest eine bemerkenswerte Vorstellung von transparenter Unternehmensführung.

„Luxury Porn“ und ein Investor namens Jeffrey Epstein

Noch unangenehmer wird die Geschichte beim Blick auf Clarks Unternehmerkarriere. Gemeinsam mit Michelle Capocefalo gründete sie um 2010 Eddice, nach eigener Beschreibung eine „revolutionäre Pornofirma“. Das Projekt wollte Pornografie stärker auf Frauen zuschneiden und bezeichnete sich später gegenüber Jeffrey Epstein als Unternehmen für kostenlosen „Luxus-Porno“. Geld musste her – und über den Literaturagenten John Brockman führte der Weg ausgerechnet zu Epstein.

Brockman schrieb Epstein am 3. März 2011, er solle sich zum Abendessen mit seinen „Girls“ Cami und Michelle treffen; die beiden seien in Los Angeles und sammelten Geld für einen Pornofilm für den Frauenmarkt. Clark griff die Einladung sofort auf und schrieb Epstein, dass sie sehr gerne mit ihm essen würden. Bereits am folgenden Tag bedankte sie sich geradezu überschwänglich für den Abend und leitete Informationen über den Finanzierungsbedarf des Unternehmens weiter. Wenige Tage später schickte sie Epstein sogar Drehbuch und Konzeptmaterial für die ersten Filme und erklärte, er und die Damen könnten daran Gefallen finden. Das alles findet sich in den vom US-Justizministerium veröffentlichten Epstein-Unterlagen.

Ein Jahr später meldete sich Clark erneut bei Epstein. Der erinnerte sich zunächst nicht an sie. Also half sie seinem Gedächtnis auf die Sprünge: Cami Clark, über John Brockman vorgestellt, die Frau mit der kostenlosen Luxus-Pornofirma. Jetzt klingelte es bei Epstein wieder – und zwar, wie er schrieb, wie ein „lauter Gong“. Clark antwortete lachend, er wäre ansonsten der erste Mensch gewesen, der sich nicht an sie erinnert hätte. Danach kam sie zum Geschäft. Das Pornoprojekt laufe mit voller Kraft weiter, und Epstein könne investieren. Der winkte schließlich mit den Worten ab, er könne kein „Sex-TV“ machen. Clark versuchte anschließend, ihm noch ein weiteres Unternehmen schmackhaft zu machen, eine soziale Diät- und Gesundheitsplattform für Frauen.

Die beiden hielten auch weiterhin Kontakt. Clark lud Epstein im Juli 2012 zu einer Einweihungsparty in Manhattan ein, 2013 verbanden sich beide noch über LinkedIn. Hinweise darauf, dass Epstein tatsächlich Geld in ihre Unternehmen steckte, gibt es in den veröffentlichten Unterlagen nicht. Das Entscheidende steht ohnehin längst fest: Clark suchte aktiv den Kontakt, traf Epstein, schickte ihm Material und versuchte anschließend, ihn als Geldgeber zu gewinnen.

Und das war eben nicht irgendwann in den 1990er-Jahren, als Epsteins Name außerhalb bestimmter gesellschaftlicher Kreise noch kaum jemandem etwas sagte. Epstein hatte sich bereits 2008 in Florida schuldig bekannt, unter anderem wegen eines Prostitutionsdelikts im Zusammenhang mit einer Minderjährigen, eine Haftstrafe verbüßt und musste sich als Sexualstraftäter registrieren lassen. Clark saß 2011 mit ihm beim Abendessen und fragte 2012 nach Geld für ihr Pornogeschäft. Doch wie sagt ein altes lateinisches Sprichwort: „Geld stinkt nicht“.

Und plötzlich wird die Frau des Claude-Chefs unsichtbar

Bei einem gewöhnlichen Unternehmer wäre die Geschichte damit vielleicht erledigt. Bei Anthropic kommt jedoch eine weitere Ebene hinzu. Clark besitzt erheblichen informellen Einfluss, im Internet war über sie gleichzeitig erstaunlich wenig zu finden. Das Wall Street Journal kommt nach eigener Analyse und unter Berufung auf eine mit dem Vorgang vertraute Person zu dem Ergebnis, dass aktiv versucht wurde, Verweise auf sie zu entfernen. Wer dahintersteckte, ist bisher nicht bekannt. Das Resultat ist jedenfalls beeindruckend: Die Frau im unmittelbaren Umfeld eines der bekanntesten KI-Unternehmer der Welt war digital beinahe ein Phantom.

Die Sache wird grotesk, sobald Claude ins Spiel kommt. Anthropics eigenes KI-System konnte auf die Frage nach dem Familienstand seines Chefs laut den Recherchen nicht zuverlässig bestätigen, dass Amodei verheiratet ist (wir haben Claude selbst befragt, siehe Screenshot unten). Das Wall Street Journal machte daraus folgerichtig bereits die Überschrift, selbst Claude tappe hinsichtlich Amodeis Ehefrau und ihres Einflusses bei Anthropic im Dunkeln. Ein Unternehmen, das Milliarden in Daten, künstliche Intelligenz und Informationsverarbeitung steckt, hat es offensichtlich geschafft, dass sein eigenes Vorzeigeprodukt über eine offenbar einflussreiche Person unmittelbar neben dem CEO weniger weiß als mittlerweile die Leser der Epstein-Akten.

Screenshot von Claude

Und ausgerechnet Anthropic lebt davon, anderen zu erklären, wie verantwortungsvolle künstliche Intelligenz auszusehen hat. Auf der eigenen Webseite bezeichnet sich der Konzern als „Public Benefit Corporation“, die den Nutzen künstlicher Intelligenz sichern und ihre Risiken eindämmen wolle. Sicherheit steht prominent an erster Stelle, dazu kommen eigene Regeln für verantwortungsvolle Skalierung und sogar eine „Verfassung“ für Claude. Dario Amodei trieb diesen Anspruch so weit, dass Anthropic wegen seiner Beschränkungen für militärische Claude-Anwendungen in einen offenen Krieg mit dem Pentagon und der Trump-Regierung geriet. Das Verteidigungsministerium erklärte das Unternehmen im März zum Lieferkettenrisiko; Anthropic zog dagegen vor Gericht.

Während Amodei öffentlich den ethischen Türsteher für den Einsatz künstlicher Intelligenz gibt, soll seine Frau nach den Recherchen des Wall Street Journal inzwischen gerade im politischen Umfeld Kontakte knüpfen. Beim Treffen in Sun Valley im Juli speiste Clark mit Ivanka Trump und sprach mit Jared Kushner, den Amodei zuvor wegen eines möglichen Investments angesprochen hatte. Ein offizielles Amt bei Anthropic braucht sie dafür offenbar weiterhin nicht.

Vielleicht bekommt die Öffentlichkeit beim Börsengang endlich eine etwas genauere Vorstellung davon, wie Macht bei Anthropic tatsächlich funktioniert. Der Konzern möchte schließlich möglicherweise mit mehr als zwei Billionen Dollar bewertet werden und beansprucht zugleich nichts weniger, als die gefährlichste Technologie unserer Zeit verantwortungsvoller zu beherrschen als seine Konkurrenten. Da darf man schon wissen, wer hinter dem Mann an der Spitze mitredet – erst recht, wenn diese Person früher ausgerechnet Jeffrey Epstein Drehbücher für ihre Pornofirma schickte und ihn anschließend um Investmentgeld bat. Claude kannte die Antwort offenbar nicht. Künftige Aktionäre sollten sie kennen.

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