Argentinien zieht beim Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem die Grenzen enger: Ausländer ohne dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung müssen in nationalen Krankenhäusern eine Krankenversicherung vorweisen oder ihre Behandlung selbst bezahlen. Akute Notfälle werden weiterhin sofort versorgt. Präsident Javier Milei begründet den Kurs mit milliardenschweren Belastungen durch ausländische Patienten.
Gerade Länder mit einer relativ guten medizinischen Versorgung ziehen Gesundheitstouristen an – erst recht, wenn die Behandlung für den Patienten nichts kostet. „Kostenlos“ ist dies dabei natürlich nur aus Sicht desjenigen, der sich behandeln lässt. Bezahlt werden die medizinischen Behandlungen trotzdem, nämlich von den Bürgern über Steuern und Sozialabgaben. Argentinien gehörte lange Zeit zu diesen Ländern. Doch nun ist Schluss damit.
Denn seit dem 12. August gilt die Resolution 1066/2026 des argentinischen Gesundheitsministeriums. Sie setzt jene Änderung des Migrationsrechts praktisch um, die Mileis Regierung bereits im Mai 2025 mit dem Dekret DNU 366/2025 beschlossen hatte. Ausländer ohne dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung müssen bei gewöhnlichen Behandlungen in Einrichtungen des Nationalstaats eine Krankenversicherung nachweisen oder die Kosten selbst tragen. Ohne Versicherung erstellt das Krankenhaus einen Kostenvoranschlag, der vor Beginn der Behandlung zu bezahlen ist. Ist der Patient versichert, wird mit dem Versicherer abgerechnet.
Für akute medizinische Notfälle gilt diese Vorkasse nicht. Herzstillstand, Herzinfarkt, Schlaganfall, schwere Verletzungen, massive Blutungen, großflächige Verbrennungen sowie geburtshilfliche, pädiatrische und neonatale Notfälle müssen unabhängig vom Aufenthaltsstatus sofort behandelt werden. Ob eine solche Notfallsituation vorliegt, entscheidet der behandelnde Arzt. Sobald der Patient stabilisiert und die akute Gefahr gebannt ist, können weitere Leistungen in Rechnung gestellt werden. Erst retten, dann abrechnen – viel komplizierter ist das Prinzip nicht.
Dauerhaft und legal in Argentinien lebende Ausländer behalten denselben Zugang zum öffentlichen Gesundheitssystem wie argentinische Staatsbürger. Die neue Resolution betrifft unmittelbar die Einrichtungen des Nationalstaats. Argentiniens Gesundheitssystem ist föderal organisiert, Provinzen und die autonome Stadt Buenos Aires besitzen eigene Zuständigkeiten. Mehrere Provinzen hatten Gebühren für nicht ansässige Ausländer schon lange vor der neuen nationalen Regel eingeführt.
114 Milliarden Pesos für ausländische Patienten
Mileis Regierung spricht offen von Gesundheitstourismus. Im DNU 366/2025 beschreibt sie Menschen aus Nachbarstaaten, die nach Argentinien einreisen, sich in öffentlichen Krankenhäusern behandeln lassen und anschließend wieder über die Grenze zurückkehren. Genannt werden auch Patienten, die gezielt wegen teurer medizinischer Leistungen ins Land kommen oder einen vorübergehenden Aufenthaltsstatus nutzen, um länger dauernde Behandlungen kostenlos in Anspruch zu nehmen. Für 2024 nennt die Regierung hohe Summen. Ambulante Behandlungen von Einwanderern in nationalen Krankenhäusern kosteten dem Gesundheitsministerium zufolge rund 42 Milliarden Pesos.
Weitere 72 Milliarden Pesos entfielen auf stationäre Behandlungen ausländischer Patienten. Zusammen ergibt das 114 Milliarden Pesos. Bei den stationären Entlassungen lag der Anteil ausländischer Patienten laut Regierung bei 10,58 Prozent. Diese 114 Milliarden Pesos umfassen dabei ausländische Patienten insgesamt. Wie viel davon tatsächlich auf Menschen entfiel, die eigens zur Behandlung nach Argentinien kamen, weist die Bundesregierung nicht getrennt aus. Für die Frage, was passiert, sobald solche Leistungen nicht mehr kostenlos angeboten werden, liefern die Provinzen wesentlich aufschlussreichere Daten.
Salta machte es vor – und die Patientenzahlen brachen ein
Die nördliche Provinz Salta grenzt an Bolivien und führte bereits im Februar 2024 Gebühren für nicht ansässige Ausländer ein. Notfälle blieben kostenlos, planbare Behandlungen mussten bezahlt werden. Hier lässt sich beobachten, wie groß der Anreiz des kostenlosen Systems gewesen sein dürfte. Im Krankenhaus San Vicente de Paul in Orán wurden 2023 nach Angaben der Provinzregierung 31.561 Behandlungen nicht ansässiger Ausländer registriert. Die errechneten Kosten lagen bei rund 3,42 Milliarden Pesos. Nach Einführung der Gebühren sank die Zahl 2024 auf 77 Fälle. Ein Rückgang um rund 99,7 Prozent.
Die Entwicklung setzte sich fort. Im ersten Halbjahr 2026 verzeichnete das Krankenhaus von Orán 8.462 stationäre Fälle. Nur 14 davon betrafen Ausländer. Bei 89.578 ambulanten Konsultationen wurden lediglich 46 ausländische Patienten registriert. Im Hospital Salvador Mazza gab es im selben Zeitraum laut Provinzregierung sogar nur einen einzigen regulär vereinbarten Termin eines ausländischen Patienten. Saltas Gouverneur Gustavo Sáenz bezifferte die Einsparungen allein im Krankenhaus von Orán bereits Ende 2024 auf rund 2,37 Milliarden Pesos innerhalb von neun Monaten. Die Provinz erklärte, der frei gewordene finanzielle Spielraum habe unter anderem den Kauf von 34 neuen Rettungswagen ermöglicht. Sáenz berichtete außerdem von Patienten, die bereits mit geplanten Operationen und reservierten Betten über die Grenze kamen. Besonders dreist war zudem offenbar auch der Betrug mit Aufenthaltsregistrierungen: Auf eine einzige Adresse sollen gleich 300 Personen gemeldet gewesen sein, um weiterhin kostenlos behandelt zu werden. 300 angebliche Bewohner unter einem Dach – damit aus Gesundheitstouristen auf dem Papier plötzlich Einheimische wurden.
Nicht überall in Argentinien wird Mileis Kurs begeistert aufgenommen. Die von dem Peronisten Axel Kicillof regierte Provinz Buenos Aires hält an ihrem eigenen Modell fest. Gesundheitsminister Nicolás Kreplak erklärte diese Woche, nicht ansässige Ausländer machten dort lediglich 0,4 Prozent der Notfallbehandlungen und 0,5 Prozent der stationären Aufnahmen aus. Die Überlastung des Systems gehe nach seiner Darstellung auf fehlende Mittel und andere strukturelle Probleme zurück. Doch Buenos Aires ist weit von der Grenze zu Bolivien entfernt und für Gesundheitstouristen weniger attraktiv. Damit zeigt sich auch, warum eine landesweite Durchschnittszahl die bestehenden Probleme nur bedingt erfasst. Der Gesundheitstourismus konzentriert sich dort, wo Grenzen nahe sind, medizinische Leistungen auf der anderen Seite teurer oder schwerer zugänglich sind und Patienten vergleichsweise einfach für eine Behandlung ins Land kommen können.
Mileis Regierung hat dabei auch das allgemeine Einreiserecht entsprechend verschärft. Ausländer sollen bei der Einreise erklären können, dass sie über eine Krankenversicherung zur Deckung ihrer medizinischen Versorgung verfügen. Für einen Touristen oder sonstigen vorübergehenden Besucher wird damit etwas verlangt, was in vielen anderen Ländern ohnehin selbstverständlich ist: Wer verreist, kümmert sich um seinen eigenen Versicherungsschutz.
Milei nimmt auch die kostenlosen Universitäten ins Visier
Die Gesundheitsreform ist Teil eines größeren Umbaus. Mit dem DNU 366/2025 änderte die Regierung zugleich die Regeln für ausländische Studenten. Staatliche Universitäten dürfen von Ausländern ohne dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung Gebühren für ein grundständiges Studium verlangen. Die Zahl ausländischer Studenten an staatlichen Hochschulen stieg laut Regierung von 35.202 im Jahr 2015 auf 82.797 im Jahr 2023. Grund- und weiterführende Schulen bleiben unabhängig vom Aufenthaltsstatus kostenlos zugänglich.
Milei setzt damit fort, was seine Regierung seit Amtsantritt versprochen hat: Der Staat soll nicht länger jede Rechnung übernehmen, nur weil sie ihm jemand auf den Tisch legt. Nach Subventionskürzungen, Behördenabbau und Einschnitten bei staatlichen Leistungen trifft es nun auch Gesundheitstouristen und ausländische Studenten ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus. In Argentinien wird gerade neu verhandelt, was der Steuerzahler überhaupt finanzieren muss – und für wen.






