Politik und Medien schufen während der Corona-Jahre einen engen Meinungskorridor, in dem staatlich erwünschte Positionen als gesellschaftlicher Konsens verkauft und Kritiker als wirre Außenseiter diffamiert wurden. Psychologische Experimente zeigen, wie Menschen unter Unsicherheit gemeinsame Normen übernehmen, selbst offensichtlichen Fehlurteilen einer Gruppe folgen und das Schweigen ihrer Mitmenschen als Zustimmung missverstehen. Das Corona-Regime machte sich diese Mechanismen zunutze: Es machte Gehorsam überall sichtbar, belegte Widerspruch mit sozialen und beruflichen Strafen und stellte so eine angebliche Geschlossenheit her, die in der Bevölkerung jedoch nie existierte.
Im Frühjahr 2020 besaßen die meisten Menschen keinen eigenen Maßstab für die angeblich drohende Katastrophe. Sie kannten kaum jemanden, der an Covid-19 erkrankt war, konnten die täglich präsentierten Zahlen nicht einordnen und hatten keine Möglichkeit, die Horrorszenarien der Modellierer selbst zu überprüfen. Gleichzeitig krempelten die Regierungen das öffentliche Leben in atemberaubendem Tempo um. Geschäfte schlossen, Veranstaltungen wurden verboten, Schulen verriegelt, Straßen geleert und Staatsgrenzen dichtgemacht. Bodenmarkierungen regelten plötzlich den Abstand zwischen Menschen, während Nachrichtensprecher jeden Abend neue „Infektionszahlen“ verkündeten. Wer sich umsah, erblickte eine Gesellschaft, die sich bereits so verhielt, als seien sämtliche Annahmen der Regierung bewiesene Tatsachen.
Der Bürger orientierte sich an dem, was er sehen konnte. Der Nachbar blieb zu Hause, der Kollege sagte das Treffen ab, der Supermarkt ließ Kunden nur noch einzeln eintreten und im Fernsehen verlangten dieselben handverlesenen „Experten“ immer härtere Maßnahmen. Ärzte, Wissenschaftler und Juristen, die widersprachen, kamen im öffentlichen Bild kaum vor. Eltern, die ihre Kinder nicht monatelang aus den Schulen verbannen lassen wollten, galten als verantwortungslos. Unternehmer, die vor dem wirtschaftlichen Ruin standen, sollten gefälligst solidarisch schweigen und auf staatliche Hilfsgelder hoffen. Wenn scheinbar alle anderen mitmachten, musste an den Vorgaben wohl etwas dran sein – und wer selbst Zweifel verspürte, begann sich zu fragen, ob vielleicht mit ihm etwas nicht stimmte.
Der Lichtpunkt im dunklen Raum
Der Sozialpsychologe Muzafer Sherif zeigte bereits in den 1930er-Jahren, wie schnell Menschen unter unsicheren Bedingungen einen gemeinsamen Maßstab entwickeln. Seine Versuchspersonen saßen in einem vollständig abgedunkelten Raum und blickten auf einen unbeweglichen Lichtpunkt. Weil jeder räumliche Bezug fehlte, schien sich dieser Punkt zu bewegen. Die Teilnehmer sollten schätzen, wie weit er gewandert war. Solange sie allein antworteten, entwickelten sie sehr unterschiedliche persönliche Werte.
Sobald Sherif die Menschen in Gruppen befragte, näherten sich ihre Schätzungen einander an. Niemand befahl ihnen, einen gemeinsamen Wert zu nennen. Es gab keine Abstimmung und keinen Gruppenleiter, der eine bestimmte Antwort verlangte. Trotzdem entstand aus den gegenseitig gehörten Angaben eine Norm. Wurden die Teilnehmer später erneut allein befragt, hielten viele an diesem Gruppenmaßstab fest. Die wiederholten Urteile der anderen hatten ihre eigene Wahrnehmung verändert.
Sherif veröffentlichte seine Erkenntnisse unter anderem 1937 in „An Experimental Approach to the Study of Attitudes“ in der Fachzeitschrift Sociometry. Seine Versuchspersonen täuschten nicht bewusst Zustimmung vor. Ihnen fehlte ein objektiver Bezugspunkt, also übernahmen sie die Gruppe als Ersatz. Wo niemand sicher weiß, wie weit sich der Lichtpunkt bewegt hat, erhält die wiederholte Antwort der anderen den Rang einer Wahrheit.
Im März 2020 saßen Millionen Bürger in einem solchen dunklen Raum. Der Lichtpunkt hieß Coronavirus, und seine vermeintliche Bewegung wurde von Politikern, Modellierern, Gesundheitsbehörden und Medien täglich neu vermessen. Zuerst drohten überfüllte Intensivstationen und Millionen Tote, dann die „zweite Welle“, neue Varianten und angeblich unvermeidbare weitere Lockdowns. Die politischen Vorgaben änderten sich fortlaufend, doch der Anspruch auf absolute Gewissheit blieb. Wer die präsentierten Zahlen, Modelle und Annahmen infrage stellte, verschwand aus dem Kreis der öffentlich zugelassenen Fachleute oder wurde als „Corona-Leugner“ und „Schwurbler“ abgefertigt.
Aus anfänglicher Orientierungslosigkeit entstand auf diese Weise eine gesellschaftliche Norm. Mit jedem geschlossenen Geschäft, jedem abgesagten Familienfest und jedem Menschen, der selbst allein im Auto eine Maske trug, bestätigte sich die staatlich vorgegebene Interpretation der Gefahr. Die Maßnahmen galten als notwendig, weil alle sie befolgten. Die Menschen befolgten sie, weil sie überall sahen, dass alle anderen sie offenbar für notwendig hielten. Der Corona-Staat hatte die sichtbare Welt nach seinen Vorgaben umgebaut – und diese sichtbare Welt lieferte anschließend den Beweis für die Richtigkeit seiner Vorgaben.
Wenn die Mehrheit die eigenen Augen ersetzt
Sherifs Versuch lebte von einer tatsächlich unklaren Situation. Solomon Asch untersuchte, ob Menschen einer Gruppe auch dann folgen, wenn die richtige Antwort deutlich vor ihren Augen liegt. Er zeigte Studenten eine Vergleichslinie und drei weitere Linien. Die Teilnehmer mussten lediglich angeben, welche davon gleich lang war. Die Unterschiede waren so deutlich, dass Menschen ohne Gruppendruck fast nie einen Fehler machten. Der tatsächliche Teilnehmer saß jedoch mit mehreren eingeweihten Personen im Raum. Diese nannten bei ausgewählten Durchgängen nacheinander dieselbe offensichtlich falsche Linie. Der Proband hörte eine falsche Antwort nach der anderen, bevor er selbst an die Reihe kam. Nun musste er sich zwischen seinen eigenen Augen und der geschlossenen Gruppe entscheiden.
Asch beschrieb die Ergebnisse 1955 in „Opinions and Social Pressure“ im Magazin Scientific American. Unter dem Druck der einstimmigen Mehrheit waren 36,8 Prozent der Antworten in den entscheidenden Durchgängen falsch. In der Kontrollgruppe lag die Fehlerquote unter einem Prozent. Rund ein Viertel der Teilnehmer blieb standhaft und widersprach der Gruppe jedes Mal. Die übrigen gaben zumindest gelegentlich nach. In den anschließenden Gesprächen zeigte sich, dass keineswegs alle Mitläufer die falsche Antwort tatsächlich für richtig hielten. Einige begannen, an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln. Viele wussten jedoch genau, dass die Gruppe danebenlag. Sie wollten nicht unangenehm auffallen, fürchteten sich vor dem Gelächter der anderen oder wollten den Ablauf des Experiments nicht stören. Innerlich widersprachen sie, öffentlich passten sie sich an.
Für die übrigen Teilnehmer war dieser Unterschied unsichtbar. Sie hörten nur, dass auch ihr Vorgänger dieselbe falsche Linie genannt hatte. Niemand konnte erkennen, ob dieser Mensch wirklich daran glaubte oder lediglich vor dem sozialen Druck eingeknickt war. Jedes öffentliche Nachgeben stärkte deshalb die falsche Mehrheit und erhöhte den Druck auf den Nächsten. So entsteht Einstimmigkeit aus Menschen, von denen ein erheblicher Teil selbst nicht an sie glaubt.
Während der Corona-Jahre wurde diese Spaltung zwischen innerer Überzeugung und öffentlichem Verhalten zur gesellschaftlichen Normalität. Lehrer setzten Maskenpflichten durch, obwohl sie sahen, was diese mit ihren Schülern anrichteten. Ärzte schwiegen zu ihren Bedenken, weil sie um ihre berufliche Existenz fürchteten. Wirte kontrollierten Gesundheits- und Impfstatus ihrer Gäste, weil ihnen andernfalls Strafen und Betriebsschließungen drohten. Freunde luden Ungeimpfte aus, um keinen Streit mit den übrigen Gästen zu riskieren. Jeder sah die Anpassung des anderen, doch kaum jemand kannte dessen tatsächliche Gedanken. Aus erzwungenem Verhalten wurde öffentliche Zustimmung fabriziert.
Eine 2023 veröffentlichte Replikation der Universität Bern bewies, dass Aschs Befunde auch sieben Jahrzehnte später Bestand haben. Axel Franzen und Sebastian Mader wiederholten das Experiment für ihre in PLOS ONE erschienene Studie „The Power of Social Influence: A Replication and Extension of the Asch Experiment„. Unter Gruppendruck lag die Fehlerquote bei der Linienaufgabe erneut bei 33 Prozent. Eine Geldprämie für richtige Antworten senkte sie lediglich auf 25 Prozent.
Anschließend konfrontierten die Forscher ihre Teilnehmer mit politischen Aussagen. Die vorgegebene Gruppenmeinung verschob die Zustimmung im Durchschnitt um 38 Prozentpunkte. Der Forderung, der Schweizer Bundesrat solle mehr Macht erhalten, stimmten 27 Prozent zu, wenn die Gruppe vorher zugestimmt hatte. Lehnte die Gruppe den Satz ab, sank die Zustimmung auf drei Prozent. Bei Fragen nach mehr Freiheiten für Bürger, Unternehmen, Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbände zeigte sich derselbe Mechanismus. Einige fremde Menschen reichten aus, um öffentlich geäußerte politische Urteile massiv zu verändern.
Ein Widersprechender zerstört die Einstimmigkeit
Asch setzte in einem weiteren Versuch einen eingeweihten Teilnehmer in die Gruppe, der die richtige Antwort nannte. Ein einziger Verbündeter ließ den Konformitätsdruck auf rund ein Viertel des vorherigen Niveaus einbrechen. Auch ein Gruppenmitglied, das eine andere falsche Linie wählte, schwächte die Macht der Mehrheit. Der Abweichler musste nicht einmal recht haben. Seine bloße Existenz zerstörte das Bild einer geschlossenen Front. Damit wird auch verständlich, warum abweichende Stimmen während der Corona-Jahre derart erbittert bekämpft wurden. Ein kritischer Arzt erreichte vielleicht nur einige Tausend Menschen. Ein Wissenschaftler konnte die Zwangsmaßnahmen nicht allein stoppen. Doch er bewies mit jedem öffentlichen Auftritt, dass „die Wissenschaft“ keineswegs mit einer Stimme sprach. Jeder sichtbare Abweichler gab anderen Menschen die Erlaubnis, ihrer eigenen Wahrnehmung wieder zu vertrauen.
Für das Corona-Regime war das gefährlich. Kritiker mussten deshalb nicht nur widerlegt, sondern gesellschaftlich unschädlich gemacht werden. Ärzte verloren ihre Stellen oder Zulassungen, Wissenschaftler ihre Forschungsaufträge, Künstler ihre Auftrittsmöglichkeiten und Bürger ihre Konten in den sozialen Netzwerken. Medien erklärten abweichende Fachleute im besten Fall zu „umstrittenen Experten“ (sofern man sie nicht komplett diskreditierte und desavouierte), während regierungstreue Dauerwarner einfach als „Experten“ auftraten. YouTube, Facebook und Twitter löschten Beiträge, sperrten Nutzer und machten selbst wissenschaftlich begründeten Widerspruch unsichtbar. Die inszenierte Einstimmigkeit durfte keinen Riss bekommen.
Wenn niemand reagiert, ist angeblich alles in Ordnung
Bibb Latané und John Darley untersuchten 1968, wie Menschen das Verhalten anderer zur Beurteilung einer unklaren Gefahr heranziehen. Für ihre im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlichte Studie „Group Inhibition of Bystander Intervention in Emergencies“ ließen sie Studenten einen Fragebogen ausfüllen. Währenddessen strömte Rauch durch einen Lüftungsschacht in den Raum. Waren die Teilnehmer allein, meldeten 75 Prozent den Rauch. Saßen drei ahnungslose Versuchspersonen zusammen, erstatteten nur 38 Prozent der Gruppen Meldung. Befand sich ein echter Teilnehmer zwischen zwei eingeweihten Personen, die den Rauch demonstrativ ignorierten, meldeten ihn lediglich zehn Prozent. Einige blieben sitzen, obwohl der Raum bereits so verraucht war, dass sie den Fragebogen kaum noch lesen konnten.
Das ruhige Verhalten der anderen bestimmte ihre Einschätzung der Gefahr. Vielleicht handelte es sich nur um Dampf, vielleicht gehörte der Rauch zum Experiment, vielleicht würde eine Reaktion lächerlich wirken. Jeder beobachtete die anderen, während diese wiederum ihn beobachteten. Weil niemand Alarm schlug, schlossen alle daraus, dass offenbar kein Grund zum Alarm bestand.
In den Corona-Jahren funktionierte dieser Mechanismus zunächst in die andere Richtung. Weil sich alle sichtbar alarmiert verhielten, musste die Gefahr gewaltig sein. Später normalisierte dasselbe Prinzip immer neue staatliche Übergriffe. Wenn Kollegen den Ausschluss Ungeimpfter hinnahmen, konnte dies ja auch schwerlich unmenschlich sein. Wenn Ärzte zur Impfpflicht schwiegen, musste sie medizinisch gerechtfertigt sein. Wenn Journalisten keine kritischen Fragen stellten, gab es wohl keine zu stellen. Das Schweigen wurde zur Zustimmung umgedeutet.
Dabei wusste niemand, wie viele Kollegen aus Angst um ihren Arbeitsplatz schwiegen, wie viele Ärzte ihre Zulassung schützen wollten und wie viele Journalisten längst verstanden hatten, dass bestimmte Fragen ihrer Karriere nicht guttun würden. Die staatlich erzeugte Norm privatisierte den Zwang. Der Vorgesetzte wartete auf den Widerspruch seiner Mitarbeiter, die Mitarbeiter auf den Widerspruch des Vorgesetzten – und am Ende tat jeder so, als sei alles in bester Ordnung.
Das engste Umfeld setzte die Corona-Norm durch
Wie stark das persönliche Umfeld das Verhalten während der Pandemie bestimmte, belegt die 2021 im British Journal of Psychology veröffentlichte Studie „Social Influence Matters: We Follow Pandemic Guidelines Most When Our Close Circle Does„. Bahar Tunçgenç und ihre Kollegen werteten Angaben von 6.675 Menschen aus 114 Ländern aus. Die wahrgenommene Befolgung der Corona-Vorgaben durch das engste persönliche Umfeld sagte das eigene Abstandhalten stärker voraus als die persönliche Zustimmung zu den Regeln.
Eine deutsche Längsschnittuntersuchung kam zum selben Ergebnis. Selma Rudert und Stefan Janke befragten im Frühjahr 2020 insgesamt 1.907 Menschen. Ihre später in Group Processes & Intergroup Relations veröffentlichte Studie „Following the Crowd in Times of Crisis: Descriptive Norms Predict Physical Distancing, Stockpiling, and Prosocial Behavior During the COVID-19 Pandemic“ zeigte, dass das wahrgenommene Verhalten von Familie und Freunden das spätere Abstandhalten, Hamsterkäufe und Hilfsverhalten vorhersagte. Neben dem eigenen früheren Verhalten waren die sozialen Normen des Umfelds der stärkste untersuchte Faktor.
Die Bürger schauten ununterbrochen auf ihre Mitmenschen. Was tun die anderen? Was erwarten sie von mir? Was geschieht, wenn ich mich anders verhalte? Der Corona-Staat musste nicht vor jeder Wohnung einen Polizisten aufstellen. Er setzte die Norm, machte ihre Befolgung sichtbar und überließ einen großen Teil der Kontrolle den Familien, Kollegen, Freunden und Nachbarn. Aus Mitmenschen wurden Aufpasser, aus Gastwirten Gesundheitskontrolleure und aus Arbeitgebern Vollstrecker staatlicher Ausgrenzung.
Eine weitere, 2021 in PLOS ONE veröffentlichte Studie mit dem Titel „In Science We (Should) Trust: Expectations and Compliance Across Nine Countries During the COVID-19 Pandemic“ unterschied zwei Formen sozialer Erwartung. Die eine beschreibt, was andere Menschen tun. Die andere legt fest, welches Verhalten sie moralisch gutheißen oder verurteilen. Abstandsschlangen, Masken, Plexiglasscheiben und geschlossene Geschäfte zeigten die sichtbare Befolgung. Slogans wie „Schütze andere“, „Bleib solidarisch“ und „Gemeinsam gegen Corona“ lieferten die moralische Bewertung. Der Bürger sollte überall sehen, dass alle gehorchten – und zugleich spüren, dass anständige Menschen auch seinen Gehorsam erwarteten.
Die Maske wurde dadurch zum perfekten Symbol der neuen Ordnung. Sie war jederzeit sichtbar, ließ sich in Sekunden kontrollieren und teilte Menschen unmittelbar in Folgsame und Abweichler ein. Wer sie nicht trug, musste keinen einzigen Satz sagen, um als Gegner der gesellschaftlichen Norm erkannt zu werden. Später erfüllten Impfstatus und Zertifikate dieselbe Funktion noch gründlicher. Die politische Gesinnungsprüfung wanderte vom Gesicht auf das Mobiltelefon.
Kritik war erlaubt – solange sie härtere Maßnahmen verlangte
Eine Untersuchung von rund 5.100 Beiträgen aus elf deutschen Leitmedien zwischen Januar 2020 und April 2021 fand durchaus Kritik an politischen Entscheidungen. Allerdings verlangte diese Kritik häufig schnellere, strengere oder umfassendere Maßnahmen. Medizinische und gesundheitspolitische Stimmen dominierten, während soziale, psychologische und bildungspolitische Folgen weit weniger Raum erhielten. Nackte Fallzahlen erschienen oft ohne ausreichenden Zusammenhang, also ohne Testumfang, Altersstruktur, Schwere der Erkrankungen oder Vergleich mit anderen Gesundheitsrisiken.
Der erlaubte Streit spielte sich damit überwiegend innerhalb eines engen Maßnahmenkorridors ab. Die Regierung konnte zu spät handeln, zu langsam oder zu halbherzig. Ob sie gesunde Menschen einsperren, Geschäfte ruinieren, Kinder aus den Schulen verbannen und Millionen Bürger aufgrund ihres Impfstatus aus dem gesellschaftlichen Leben ausschließen durfte, wurde wesentlich seltener diskutiert. Der mediale Corona-Betrieb kontrollierte keinen offenen Diskurs. Er kontrollierte die Grenzen dessen, worüber überhaupt gestritten werden durfte.
In der Schweiz zeigte sich, wie weit die veröffentlichte Meinung von der tatsächlichen Stimmung entfernt war. Bei den beiden Abstimmungen über das Covid-19-Gesetz im Jahr 2021 lehnten rund 40 beziehungsweise 38 Prozent der Wähler die Vorlagen ab. Millionen Menschen widersprachen damit der Corona-Politik – während viele der „Ja-Sager“ wohl anders abgestimmt hätten, wären sie ausgewogen informiert worden. Trotzdem behandelten Politik und Medien deren Gegner regelmäßig wie eine unbedeutende Ansammlung irrationaler „Leugner“, Esoteriker und Extremisten. Fast zwei von fünf Wählern verschwanden hinter dem Bild einer angeblich geschlossenen, vernünftigen Mehrheit.
Wie der Druck innerhalb einer Redaktion wirkte, schilderte der damalige SWR-Mitarbeiter Ole Skambraks im Oktober 2021 in seinem offenen Brief „Ich kann nicht mehr„. Er habe lange geschwiegen, weil ihm der mediale Konsens zu absolut und einheitlich erschienen sei. Wenn er in Konferenzen kritische Punkte ansprach, habe er betretenes Schweigen, höflichen Dank oder Belehrungen erlebt. In der Berichterstattung tauchten diese Fragen nicht auf. Der SWR warf ihm später falsche Behauptungen und die Zerstörung des Vertrauensverhältnisses vor, suspendierte ihn und kündigte schließlich sein Arbeitsverhältnis. Damit war auch dem letzten Mitarbeiter klar, welchen Preis offener Widerspruch haben konnte.
Die Spirale des Schweigens
Elisabeth Noelle-Neumann beschrieb diese Rückkopplung bereits 1974 in „The Spiral of Silence: A Theory of Public Opinion“ im Journal of Communication. Menschen beobachten fortlaufend das gesellschaftliche Meinungsklima. Wer die eigene Position für eine Minderheitsmeinung hält und soziale Isolation fürchtet, äußert sie seltener. Dadurch verschwindet diese Position weiter aus der Öffentlichkeit, während die angebliche Mehrheitsmeinung immer mächtiger erscheint.
Eine 2018 in Communication Research veröffentlichte Metaanalyse mit dem Titel „The Spiral of Silence Revisited: A Meta-Analysis on the Relationship Between Perceptions of Opinion Support and Political Opinion Expression“ wertete 66 Studien mit mehr als 27.000 Teilnehmern aus. Der Zusammenhang war in Gesprächen mit Familie, Freunden und Nachbarn am stärksten. Ausgerechnet dort richtete das Corona-Regime besonders schwere Verwüstungen an. Freundschaften zerbrachen, Verwandte wurden ausgeladen, Kinder durften ihre Großeltern nicht besuchen und Ungeimpfte verloren den selbstverständlichen Zugang zu Arbeit, Gastronomie, Kultur und öffentlichem Leben.
Der Corona-Konsens musste nie vollständig sein. Er musste geschlossen aussehen. Echte Überzeugung, opportunistisches Mitlaufen, Existenzangst und erzwungenes Schweigen verschmolzen zu einem einzigen öffentlichen Bild. Jeder Zweifler sah eine scheinbar geeinte Gesellschaft und wusste nicht, wie viele Menschen hinter Masken, geschlossenen Wohnungstüren und pflichtbewussten Gesten dieselben Fragen hatten wie er.
Aschs Experimente zeigten zugleich, warum jeder öffentliche Kritiker eine Gefahr für dieses System darstellte. Ein einzelner Widersprechender konnte die Macht der Einstimmigkeit erschüttern. Deshalb wurden Ärzte, Wissenschaftler, Journalisten und Bürger, die ihre Stimme erhoben, zensiert, verleumdet, beruflich vernichtet oder vor Gericht gezerrt. Die Corona-Politik brauchte das Schweigen, denn ohne das Schweigen zerfiel ihr sorgsam inszenierter Konsens.
Um eine solche Norm dauerhaft durchzusetzen, reicht gesellschaftlicher Druck allein jedoch nicht aus. Es braucht anerkannte Autoritäten, die Gehorsam verlangen, ihn mit Titeln und Amtswürden adeln und die Verantwortung für seine Folgen in immer kleinere Zuständigkeiten zerlegen. Wie bereitwillig Menschen unter dem Schutz einer Autorität anderen Leid zufügen, zeigte eines der berüchtigtsten Experimente der Psychologie. Darum geht es im dritten Teil.






