14 Prozent der Deutschen planen laut einer aktuellen INSA-Umfrage, innerhalb der nächsten fünf Jahre auszuwandern. Bei den 30- bis 39-Jährigen sind es bereits 27 Prozent – ausgerechnet in jener Altersgruppe, die Familien gründet, Unternehmen aufbaut und den Sozialstaat noch einige Jahrzehnte finanzieren soll. Besonders groß ist die Auswanderungslust demnach unter AfD-Wählern. Und die amtlichen Zahlen zeigen: Der Abschied aus Deutschland findet längst nicht nur in Umfragen statt.
Deutschland hat offensichtlich ein Problem damit, seine eigenen Bürger im Land zu halten. Nach Angaben des Meinungsforschungsinstituts INSA wollen 14 Prozent der Befragten innerhalb der kommenden fünf Jahre auswandern, 68 Prozent wollen bleiben. Unter den 18- bis 29-Jährigen planen bereits 24 Prozent den Absprung, bei den 30- bis 39-Jährigen sind es sogar 27 Prozent. Danach fällt der Anteil mit zunehmendem Alter deutlich: 15 Prozent bei den 40- bis 49-Jährigen, zwölf Prozent zwischen 50 und 59, acht Prozent zwischen 60 und 69 und nur noch vier Prozent bei den über 70-Jährigen. Natürlich werden nicht acht Millionen Erwachsene morgen ihre Koffer packen. Für ein Land, das sich selbst gerne als attraktiven Wirtschafts- und Lebensstandort verkauft, ist ein solcher Wert trotzdem alles andere als ein Gütesiegel.
Knapp 97.000 Deutsche mehr gegangen als gekommen
Wer die Umfrage als bloßes Genörgel abtun möchte, sollte einen Blick auf die tatsächliche Wanderungsstatistik werfen. Im vergangenen Jahr verließen laut Statistischem Bundesamt 288.579 deutsche Staatsbürger die Bundesrepublik. Rund 192.000 Deutsche kamen zurück, unterm Strich verlor das Land damit 96.689 eigene Staatsbürger durch Abwanderung. Ein Jahr zuvor lag das Minus noch bei rund 81.000. Gleichzeitig verzeichnete Deutschland insgesamt weiterhin einen Wanderungsüberschuss von rund 235.000 Menschen. Das heißt, bei den Ausländern gab es einen Migrationsüberschuss von rund 332.000 Personen. Das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Bonn.
Gerade dort wird es für die politische Dauerbeschallung vom angeblichen „Fachkräftemangel“ unangenehm. Untersuchungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung und die German Emigration and Remigration Panel Study zeigen seit Jahren, dass deutsche Auswanderer keineswegs hauptsächlich Rentner sind, die sich irgendwo unter tropischen Palmen zur Ruhe setzen. Rund zwei Drittel der untersuchten Deutschen, die wegziehen, waren jünger als 40 Jahre, etwa drei Viertel verfügten über einen Hochschulabschluss. Deutschland verliert also überdurchschnittlich viele junge und gut ausgebildete Bürger – während Politik und Wirtschaft gleichzeitig über immer neue Programme zur Anwerbung ausländischer Fachkräfte diskutieren und gleichzeitig vor allem ungelernte „Raketentechniker“ in die Sozialsysteme einwandern. Ein ziemlich teurer Eimer mit Loch im Boden.
Auch bei den Zielländern zeigt sich, dass viele Auswanderer sehr genau wissen, wonach sie suchen. 2025 gingen rund 22.700 Deutsche in die Schweiz, 13.500 nach Österreich, 9.700 nach Spanien, 8.900 in die Vereinigten Staaten und 5.700 nach Frankreich. Gerade die Schweiz zieht seit Jahren Ärzte, Ingenieure, Wissenschaftler und andere qualifizierte Arbeitnehmer aus Deutschland an. Höhere Löhne, attraktivere Arbeitsbedingungen und je nach Kanton eine deutlich geringere Steuerlast brauchen keine große Werbekampagne. Offenbar reicht schon der simple Zahlenvergleich.
Schon jeder fünfte Junge schmiedet Auswanderungspläne
Die aktuelle INSA-Erhebung steht auch nicht allein. Die im Frühjahr veröffentlichte Studie „Jugend in Deutschland 2026“ kam unter 2.012 Befragten zwischen 14 und 29 Jahren zu einem ähnlichen Ergebnis: 21 Prozent gaben an, konkrete Auswanderungspläne zu haben, 41 Prozent konnten sich einen späteren Umzug ins Ausland vorstellen. Als Gründe wurden unter anderem hohe Wohnkosten, finanzielle Belastungen, schwache berufliche Perspektiven und Sorgen um die eigene Altersvorsorge genannt.
Das ist keine Generation, die aus einer Laune heraus mit dem Gedanken über einen neuen Lebensmittelpunkt fernab der Heimat spielt. Wer mit Anfang oder Mitte 20 rechnen muss, ob sich Arbeit, Wohnung, Familie und Altersvorsorge überhaupt noch zusammen ausgehen, schaut irgendwann über die Landesgrenze. Und wer flexibel, gut ausgebildet und international einsetzbar ist, kann das im Zweifel auch problemlos tun.
Natürlich bedeutet eine geäußerte Auswanderungsabsicht noch lange keine tatsächliche Abmeldung beim Einwohnermeldeamt. Zwischen Wunsch und Abreise liegen Arbeitsplatz, Familie, Sprache, Geld und jede Menge Bürokratie. Interessant ist deshalb vor allem, wer besonders häufig gehen will. Bei INSA sind es die Jüngeren. In der realen Auswanderungsstatistik dominieren ebenfalls junge und überdurchschnittlich gut ausgebildete Deutsche. Da hat die deutsche Politik ordentliche substantielle Vernichtungsarbeit geleistet.
Besonders AfD-Wähler haben Deutschland satt
Politisch wird die Erhebung noch brisanter. 19 Prozent der AfD-Wähler wollen innerhalb der kommenden fünf Jahre auswandern – mehr als bei jeder anderen abgefragten Partei. Dahinter folgen ausgerechnet Anhänger der Linkspartei mit 18 Prozent und des BSW mit 15 Prozent. Bei SPD-Wählern sind es 14 Prozent, bei CDU/CSU 13 Prozent, bei den Grünen zehn und bei der FDP sieben Prozent.
Bei AfD-Anhängern überrascht der Wert kaum. Wer den politischen Kurs des Landes grundsätzlich ablehnt, sich von Regierung, Behörden und großen Teilen der Medien nicht vertreten fühlt und zugleich erlebt, dass seine Wahlentscheidung mit immer neuen „Brandmauern“ politisch neutralisiert werden soll, denkt offenbar häufiger über den endgültigen Abschied nach. Man kann Millionen Menschen durchaus jahrelang als Problem behandeln. Man sollte sich dann nur nicht wundern, wenn ein Teil davon irgendwann beschließt, dass Deutschland ebenfalls nicht mehr deren Problem ist.
Und dies in einer Zeit, in der die AfD im gleichzeitig veröffentlichten INSA-Meinungstrend mit 28 Prozent erneut klar vorne liegt. CDU und CSU kommen gemeinsam nur noch auf 21 Prozent. Die Grünen erreichten 13,5 Prozent, die SPD zwölf, die Linke elf, die FDP fünf und das BSW vier Prozent. Bei einer hypothetischen Kanzlerdirektwahl zwischen Friedrich Merz und Alice Weidel lag die AfD-Chefin mit 29 Prozent ebenfalls deutlich vor dem amtierenden Kanzler mit gerade einmal 17 Prozent. Selbst unter den Unionswählern wollte weniger als die Hälfte Merz direkt zum Kanzler wählen.
Damit wird aus der Auswanderungsfrage auch eine politische Vertrauensfrage. Drei Viertel der Deutschen sind laut INSA mit der schwarz-roten Bundesregierung unzufrieden, die Regierungsparteien verlieren Rückhalt und die AfD führt die Umfragen an. Gleichzeitig denkt fast jeder fünfte AfD-Wähler darüber nach, dem Land ganz den Rücken zu kehren. Berlin kann das wie gewohnt mit Haltung, Brandmauern und Demokratie-Appellen beantworten. Nur hilft all das wenig, wenn die Leute ihre Konsequenzen irgendwann selbst ziehen.
Die entscheidende Zahl dieser Umfrage sind angesichts der demografischen Entwicklungen in Deutschland nicht die vier Prozent der über 70-Jährigen. Es sind die 27 Prozent der 30- bis 39-Jährigen. Wenn mehr als jeder Vierte ausgerechnet in dieser Generation ernsthaft über Auswanderung nachdenkt, hat Deutschland beileibe nicht nur ein Imageproblem. Dann hat die Bundesrepublik vor allem ein politisches Problem.






