Saudi-Arabien, die Türkei und Pakistan haben in Mekka einen Verteidigungspakt geschlossen, dessen Beistandsklausel nach türkischer Darstellung technisch dem Artikel 5 der NATO entspricht. Pakistan bringt Atomwaffen mit, die Türkei die zweitgrößte Armee der NATO und eine mächtige Rüstungsindustrie, Saudi-Arabien Geld, Öl und die politische Bedeutung der heiligsten Stätten des Islam. Wer jeden Machtverlust Washingtons reflexartig als Befreiung feiert, sollte deshalb genauer hinsehen: Das entstehende Vakuum im Nahen Osten wird bereits gefüllt – und eine religiös aufgeladene Militärallianz mit pakistanischem Atomschirm gehört kaum zu den Entwicklungen, die Europa beruhigt verfolgen sollte.
Am 7. August unterzeichneten der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan und Pakistans Premierminister Shehbaz Sharif im Al-Safa-Palast in Mekka das „Makkah Joint Defence Agreement“. Der zentrale Grundsatz ist ebenso einfach wie weitreichend: Ein bewaffneter Angriff auf einen der drei Staaten soll als Angriff auf alle gelten. Gleichzeitig wollen die drei Regierungen ihre militärische Zusammenarbeit auf praktisch allen Ebenen vertiefen und gemeinsame politische sowie militärische Strukturen aufbauen. Die offizielle Erklärung beruft sich ausdrücklich auf die „Brüderlichkeit und islamische Solidarität“ zwischen den drei Staaten. Anschließend ließen sich die Regierungschefs beim Gebet mit Blick auf die Kaaba fotografieren. Die Wahl Mekkas als Ort der Unterzeichnung verleiht dem Pakt damit eine religiös-politische Botschaft, die weit über gewöhnliche Verteidigungsdiplomatie hinausgeht.
Artikel 5 mit Halbmond
Der türkische Außenminister Hakan Fidan sprach bereits einen Tag später aus, woran sich die Konstruktion orientiert. Das Prinzip des neuen Paktes sei technisch dasselbe wie Artikel 5 des Nordatlantikvertrages: Wird einer angegriffen, betrifft dies alle. Geplant sind ein gemeinsames Ministerkomitee, politische und militärische Gremien sowie ein ständiges Generalsekretariat mit Sitz in Saudi-Arabien. Im Ernstfall sollen die drei Regierungen gemeinsam entscheiden, welche Form und welches Ausmaß der Unterstützung erforderlich sind. Damit bleibt genügend Spielraum für politische Manöver, während jeder potentielle Gegner künftig einkalkulieren muss, dass ein lokaler Angriff weitere Staaten auf den Plan rufen könnte.
Erdoğan denkt bereits über die drei Gründungsmitglieder hinaus. Ägypten wurde von Fidan öffentlich als möglicher nächster Kandidat genannt, sobald noch offene technische Fragen geklärt seien. Pakistan geht sogar noch weiter. Verteidigungsminister Khawaja Asif rief die islamischen Staaten dazu auf, ihre Differenzen beiseitezulegen und sich nach dem Vorbild der NATO auf einer gemeinsamen militärischen Plattform zusammenzuschließen. Der Mekka-Pakt dürfe kein exklusiver Klub bleiben, erklärte er. Wenn ein amtierender Verteidigungsminister einer Atommacht weitere Moslem-Staaten unter eine gemeinsame Beistandsklausel holen will, erhält der Begriff „islamische NATO“ plötzlich einen sehr konkreten Inhalt.
Report24 hatte diese Entwicklung bereits im Januar beschrieben. Damals verhandelte Ankara noch über den Beitritt zum saudisch-pakistanischen Verteidigungsverbund und wir stellten die Frage, ob dort eine „islamische NATO“ entsteht. Sieben Monate später hat Erdoğan unterschrieben. Laut Fidan liefen die Arbeiten an der trilateralen Konstruktion bereits seit zwei Jahren und acht Monaten. Hinter der Zeremonie von Mekka steht damit eine längerfristige strategische Planung.
Geld, Waffenindustrie und Atombomben
Militärisch ergänzen sich die drei Staaten ungewöhnlich gut. Saudi-Arabien verfügt über gewaltige Finanzreserven, hohe Rüstungsausgaben, Schlüsselstellungen im internationalen Energiemarkt und über das politische Gewicht des Staates, auf dessen Gebiet Mekka und Medina liegen. Die saudische Schwäche liegt seit Jahrzehnten bei Personal, militärischer Eigenständigkeit und der starken Abhängigkeit von ausländischer Technik und Unterstützung. Genau dort kommen die beiden Partner ins Spiel.
Die Türkei verfügt über eine der größten Streitkräfte der Welt und die zweitgrößte Armee innerhalb der NATO. Gleichzeitig hat Ankara in den vergangenen Jahren eine leistungsfähige eigene Rüstungsindustrie aufgebaut. Türkische Drohnen sind längst international gefragt, hinzu kommen Raketen, gepanzerte Fahrzeuge, Kriegsschiffe, Elektronik und eigene Kampfflugzeugprogramme. Erdoğan hat sich damit ein außenpolitisches Werkzeug geschaffen, das weit über diplomatische Erklärungen hinausgeht. Wer Waffen liefern, Soldaten ausbilden und gleichzeitig politische Sicherheitsgarantien verkaufen kann, sitzt bei regionalen Machtverschiebungen automatisch mit am Tisch.
Pakistan bringt schließlich den entscheidenden Faktor ein: Atomwaffen. Die Federation of American Scientists schätzt das pakistanische Arsenal auf rund 170 Sprengköpfe. Hinzu kommen große konventionelle Streitkräfte, jahrzehntelange militärische Erfahrung und eine Rüstungsindustrie, die eng mit China verflochten ist. Islamabad besitzt damit etwas, das weder Riad noch Ankara vorweisen können und das jedem Verteidigungsbündnis sofort eine andere strategische Dimension verleiht. Die Arbeitsteilung besitzt eine fast brutale Einfachheit. Die Saudis können bezahlen. Die Türken können produzieren und militärische Schlagkraft bereitstellen. Pakistan kann zusätzliche Soldaten und Kampfflugzeuge schicken – und hinter all dem steht auch noch eine Atommacht.
Saudi-Arabien kauft sich einen Atomschirm
Schon der saudisch-pakistanische Verteidigungspakt vom September 2025 enthielt eine gegenseitige Beistandsklausel. Damals stellte sich sofort die Frage, ob Riad damit faktisch unter den pakistanischen Atomschirm rückt. Pakistans Verteidigungsminister Asif erklärte zunächst, die Fähigkeiten seines Landes würden im Rahmen des Paktes „absolut“ zur Verfügung stehen. Ein hochrangiger saudischer Vertreter sprach gegenüber Reuters von einem umfassenden Abkommen, das alle militärischen Mittel umfasse. Spätere Aussagen aus Islamabad hielten die nukleare Frage bewusst unscharf.
Doch eben diese Unsicherheit besitzt auch einen militärischen Wert. Mohammed bin Salman braucht keine pakistanischen Sprengköpfe in einem saudischen Bunker, damit sich die strategische Rechnung seiner Gegner verändert. Wer einen existenzbedrohenden Angriff auf Saudi-Arabien plant, muss künftig einkalkulieren, wo Islamabad seine roten Linien zieht und welche Konsequenzen eine massive Eskalation haben könnte. Abschreckung beginnt lange vor dem Druck auf irgendeinen roten Knopf.
Die saudisch-pakistanische Zusammenarbeit hat zudem längst den Bereich diplomatischer Erklärungen verlassen. Pakistan verlegte laut Reuters im Mai rund 8.000 Soldaten nach Saudi-Arabien, dazu etwa 16 JF-17-Kampfflugzeuge, zwei Drohnenstaffeln und ein chinesisches HQ-9-Luftabwehrsystem. Ein mit der Vereinbarung vertrauter Informant sprach sogar von der Möglichkeit, im Bedarfsfall bis zu 80.000 pakistanische Soldaten im Königreich zu stationieren. Das sind Zahlen, die durchaus Gewicht haben.
Zwei Tage nach Mekka brannte bereits eine Raffinerie
Der neue Pakt bekam seinen ersten Test schneller als erwartet. Nur zwei Tage nach der Unterzeichnung erklärten die jemenitischen Ansar Allah (Huthis), eine saudische Aramco-Raffinerie in Dschizan mit einer Drohne angegriffen zu haben. Das saudische Energieministerium bestätigte einen Brand in der Anlage, legte sich zunächst jedoch nicht auf die Ursache fest. Gleichzeitig operieren die Huthis entlang jener Schifffahrtsroute, die über Bab al-Mandab und das Rote Meer zu den wichtigsten Handelswegen der Welt zählt.
Damit landet der Mekka-Pakt sofort in jenem Graubereich, der jede Beistandsklausel gefährlich macht. Die Ansar Allah sind eine eigenständige jemenitische Macht und gleichzeitig seit Jahren eng mit Teheran verbunden. Wenn eine Huthi-Drohne eine saudische Raffinerie trifft, stellt sich deshalb sehr schnell die Frage nach iranischer Verantwortung. Pakistan steht militärisch an Riads Seite, grenzt gleichzeitig direkt an den Iran und versucht immer wieder, zwischen Teheran und seinen Gegnern zu vermitteln. Die Türkei wiederum verfolgt eigene Interessen im gesamten Nahen Osten. Aus drei unterschiedlichen Sicherheitsinteressen kann im Ernstfall sehr schnell eine gemeinsame Krise werden.
Saudi-Arabien hatte bereits unmittelbar vor der Vertragsunterzeichnung vor möglichen koordinierten Angriffen iranisch unterstützter Kräfte aus dem Irak und dem Jemen gewarnt. Für Riad besitzt der Pakt deshalb eine ausgesprochen wichtige strategische Funktion: Die Kosten eines Angriffs auf das Königreich sollen steigen. Jeder Gegner muss nun überlegen, ob er nur Saudi-Arabien trifft oder gleichzeitig pakistanische und türkische Reaktionen provoziert.
Heute der Iran, morgen Israel?
Der Mekka-Pakt besitzt zwar keinen offiziell benannten Gegner, doch die drei Staaten bringen jeweils ihre eigenen Konfliktlinien mit. Saudi-Arabien betrachtet den Iran und dessen regionale Verbündete als zentrale Sicherheitsgefahr. Pakistan denkt strategisch zuerst an Indien. Erdoğan wiederum hat seine Rhetorik gegenüber Israel seit Jahren massiv verschärft und versucht, die Türkei als Erben des Osmanischen Reiches als politische Führungsmacht der islamischen Welt zu inszenieren.
Gerade deshalb gewinnt die religiöse Rahmung des Paktes an Bedeutung. Die gemeinsame Erklärung spricht ausdrücklich von islamischer Solidarität. Pakistans Verteidigungsminister ruft weitere islamische Staaten zum Beitritt auf. Erdoğan pflegt seit Jahren die Rolle des Beschützers moslemischer Interessen von Gaza bis Jerusalem. Saudi-Arabien wiederum kann als Hüter Mekkas und Medinas kaum irgendeine sicherheitspolitische Initiative mit islamischem Anspruch ignorieren, ohne seine eigene Stellung in der moslemischen Welt zu berücksichtigen.
Der Iran reagierte entsprechend aufmerksam. Außenamtssprecher Esmaeil Baghaei begrüßte die neue regionale Sicherheitsarchitektur und erklärte, die Staaten sollten ihre Sicherheit stärker selbst organisieren. Zugleich forderte Teheran, den „wirklichen Feind“ richtig zu identifizieren und den „zionistischen Feind“ sowie dessen Verbündete an einer Instrumentalisierung der Region zu hindern. Der schiitische Iran erkennt damit durchaus Chancen in einem sunnitisch dominierten Militärblock – sofern dessen Blick irgendwann stärker nach Israel als nach Teheran wandert.
Doch darin liegt das langfristige Problem für Israel. Heute dient das Bündnis vor allem der Abschreckung gegen regionale Angriffe und der Absicherung Saudi-Arabiens. Institutionen, Kommandostrukturen, gemeinsame Übungen und gegenseitige Rüstungsabhängigkeiten überleben jedoch einzelne Krisen und Regierungschefs. Ein Sicherheitsapparat, der heute gegen iranische Raketen aufgebaut wird, kann zehn Jahre später unter völlig anderen politischen Vorzeichen eingesetzt werden.
Erdoğan sitzt künftig auf zwei Stühlen
Die Türkei nimmt dabei eine Sonderstellung ein. Ankara ist seit 1952 NATO-Mitglied, verfügt über die zweitgrößte Armee des westlichen Bündnisses und ist tief in dessen militärische Planungs-, Ausbildungs- und Kommunikationsstrukturen eingebunden. Gleichzeitig hat Erdoğan nun einen zweiten kollektiven Verteidigungspakt unterschrieben, dessen Grundprinzip sein eigener Außenminister ausdrücklich mit Artikel 5 vergleicht.
Damit entstehen zwei sich überlagernde Sicherheitswelten. Ein Angriff auf Saudi-Arabien oder Pakistan löst keinen NATO-Bündnisfall aus. Die Türkei könnte aufgrund des Mekka-Paktes trotzdem Soldaten, Kampfflugzeuge oder Kriegsschiffe einsetzen. Werden diese Kräfte in einem Konflikt getroffen und greift die Eskalation später auf türkisches Staatsgebiet über, berührt sie sehr schnell die NATO. Solche Konstruktionen funktionieren hervorragend, solange niemand ernsthaft einen Krieg vom Zaun brechen will. Danach wird es kompliziert.
Artikel 8 des Nordatlantikvertrages verpflichtet die NATO-Mitglieder zudem, keine internationalen Verpflichtungen einzugehen, die ihren Pflichten gegenüber dem Bündnis widersprechen. Ankara versichert, der Mekka-Pakt sei mit der NATO-Mitgliedschaft vereinbar. Erdoğan verfolgt damit seinen seit Jahren bekannten Kurs: westliche Sicherheitsgarantien behalten, russische Energie kaufen, mit China handeln, in Zentralasien türkische Bündnisse ausbauen und gleichzeitig die Führungsrolle in der moslemischen Welt beanspruchen. Der türkische Präsident sammelt strategische Optionen wie andere Leute Briefmarken.
Für Europa ist das allerdings keine Nebensache. Jahrzehntelang profitierte Ankara von NATO-Interoperabilität, Ausbildung, Geheimdienstkooperation und westlicher Militärtechnologie. Gleichzeitig baut die Türkei ihre eigene Rüstungsindustrie aus und verknüpft diese nun institutionell mit Saudi-Arabien und Pakistan. Dadurch entsteht ein militärisches Netzwerk, das westliches Know-how, türkische Eigenentwicklungen, chinesisch-pakistanische Technik und saudisches Kapital miteinander verbinden kann.
Ägypten würde die Dimension verändern
Ein Beitritt Ägyptens würde den Pakt geografisch und strategisch erheblich aufwerten. Ankara, Riad, Islamabad und Kairo arbeiten bereits im sogenannten R4-Format zusammen. Ägypten bringt nicht nur eine große Armee mit, sondern vor allem den Suezkanal und damit eine der bedeutendsten Verkehrsadern des Welthandels. Mit Ägypten würde sich ein zusammenhängender strategischer Bogen bilden. Die Türkei kontrolliert Bosporus und Dardanellen. Ägypten kontrolliert den Suezkanal. Saudi-Arabien liegt zwischen Rotem Meer und Persischem Golf und verfügt über große Energieexportkapazitäten an beiden Küsten. Pakistan öffnet den Raum weiter nach Osten zum Arabischen Meer, nach Indien und Richtung China.
Schon drei Mitglieder verbinden mehrere der wichtigsten geopolitischen Räume Eurasiens. Mit Ägypten würde aus dem Pakt ein Sicherheitsverbund, der vom Schwarzen Meer über das östliche Mittelmeer und das Rote Meer bis tief in den Indischen Ozean reicht. Für Europa, Israel, Indien, Iran, China und die Vereinigten Staaten wäre ein solcher Block unmöglich zu ignorieren. Pakistan arbeitet parallel daran, weitere Sicherheitsbeziehungen am Golf auszubauen. Reuters berichtete über Gespräche mit Kuwait über eine erweiterte Verteidigungsvereinbarung. Bahrain zeigte Interesse an einem ähnlichen Modell, Jordanien an engerer Rüstungs- und Ausbildungskooperation. Diese Staaten gehören dem Mekka-Pakt bislang nicht an, doch Islamabad positioniert sich immer deutlicher als militärischer Dienstleister der arabischen Welt.
Für Pakistan ist das wirtschaftlich ebenso interessant wie strategisch. Das Land kämpft regelmäßig mit Devisenmangel und hohen Schulden, während Saudi-Arabien seit Jahren mit Krediten und Finanzhilfen einspringt. Gleichzeitig kann Islamabad Kampfflugzeuge, Ausbildung, Soldaten und militärische Technologie anbieten. Anfang 2026 wurde sogar darüber verhandelt, saudische Kredite in einen milliardenschweren Kauf pakistanisch-chinesischer JF-17-Kampfflugzeuge umzuwandeln. Militärische Brüderlichkeit lässt sich offenbar auch hervorragend bilanzieren.
China gewinnt Einfluss, ohne Soldaten schicken zu müssen
China braucht keinen Sitz im Mekka-Pakt, um von der neuen Sicherheitsarchitektur zu profitieren. Pakistan ist einer der engsten strategischen Partner Pekings, der China-Pakistan Economic Corridor verbindet Xinjiang mit dem Arabischen Meer, und große Teile der modernen pakistanischen Rüstung basieren auf chinesischer Zusammenarbeit. Die nach Saudi-Arabien verlegten JF-17-Kampfflugzeuge wurden gemeinsam von China und Pakistan entwickelt, das dort eingesetzte HQ-9-Luftabwehrsystem stammt ebenfalls aus chinesischer Produktion.
Damit gelangt chinesische Waffentechnik über Pakistan immer tiefer in die Sicherheitsstrukturen der Golfregion. Gleichzeitig ist Peking auf stabile Energieimporte angewiesen und hat großes Interesse daran, dass weder die Straße von Hormus noch Bab al-Mandab dauerhaft zum Kriegsschauplatz werden. Pakistan übernimmt dabei eine für China ausgesprochen nützliche Rolle: militärischer Partner Saudi-Arabiens, Gesprächskanal zum Iran und engster chinesischer Verbündeter in Südasien.
Für Peking entwickelt sich damit ein äußerst angenehmes Modell. Die Staaten der Region organisieren ihre Sicherheit zunehmend selbst, kaufen chinesische Technik, orientieren einen wachsenden Teil ihres Handels nach Asien und reduzieren ihre Abhängigkeiten von Washington. China muss dafür weder den amerikanischen Weltpolizisten ersetzen noch Zehntausende eigene Soldaten in der Region stationieren. Während andere einen großen Teil der Risiken übernehmen, gewinnt Peking weiter an wirtschaftlichem und politischem Einfluss.
Washington verliert das Monopol
Saudi-Arabien verabschiedet sich dabei keineswegs von den Vereinigten Staaten. Das Königreich kauft weiterhin amerikanische Waffen, arbeitet militärisch mit Washington zusammen und betrachtet die USA auch künftig als wichtigen Sicherheitspartner. Nur hängt inzwischen deutlich weniger an einem einzigen Seil.
Mohammed bin Salman diversifiziert seine Sicherheitspolitik genauso wie seine Wirtschaft. Die USA liefern Hightech-Waffen und globale militärische Reichweite. Pakistan stellt Soldaten und eine mögliche nukleare Rückversicherung. Die Türkei bringt regionale Schlagkraft und eine eigenständige Rüstungsindustrie. China liefert Technik, Handel und einen politischen Gegenpol. Mit dem Iran wird gesprochen, weil jedes zerstörte Ölfeld auch saudisches Geld verbrennt.
Damit verändert sich die alte amerikanische Nahostordnung Schritt für Schritt. Jahrzehntelang lautete bei fast jeder größeren Krise die entscheidende Frage: Was wird Washington tun? Riad fragt heute zunehmend auch, was Islamabad, Ankara und Peking leisten können. Die Amerikaner verschwinden dadurch nicht aus der Region. Doch ihre militärische und wirtschaftliche Vorherrschaft verschwindet.
Der Westen darf sich über seinen eigenen Niedergang nicht freuen
Gerade in konservativen und rechten Kreisen Europas führt die berechtigte Abneigung gegen den heutigen links-grün-globalistischen „Wertewesten“ manchmal zu seltsamen geopolitischen Reflexen. Jeder Machtverlust Brüssels oder Washingtons erscheint plötzlich als Fortschritt, jeder Gegner westlicher Eliten als potentieller Partner. Das ist gefährlich kurz gedacht. Eine schwache und ideologisch entgleiste EU macht einen islamisch geprägten Militärblock noch lange nicht zur besseren Alternative.
Der Westen ist mehr als seine derzeitige politische Führung. Freiheit des Einzelnen, Eigentum, Rechtsstaatlichkeit, freie Rede, Religionsfreiheit, wissenschaftliche Offenheit und die weitgehende Trennung staatlicher Macht von religiöser Herrschaft gehören zu einer westlichen Zivilisation, die Jahrhunderte älter ist als das heutige Brüsseler Politpersonal. Gerade weil diese Grundlagen inzwischen auch im Westen selbst immer stärker ausgehöhlt werden, sollte man sie nicht freiwillig gegen andere (noch viel stärker) autoritäre Modelle eintauschen.
Der Mekka-Pakt verdient deshalb einen nüchternen Blick ohne romantische Verklärung einer angeblich „multipolaren“ Welt. Saudi-Arabien bleibt eine autoritär regierte islamische Monarchie. Pakistan ist eine Islamische Republik mit starken religiös-politischen Spannungen und besitzt rund 170 Atomwaffen. Erdoğan hat die Türkei in den vergangenen zwei Jahrzehnten politisch und gesellschaftlich deutlich islamischer ausgerichtet und präsentiert sich regelmäßig als Schutzpatron moslemischer Anliegen.
Wenn drei Regierungen ihr Militärbündnis ausdrücklich mit islamischer Solidarität begründen, es demonstrativ in Mekka besiegeln und anschließend weitere islamische Staaten zum Beitritt auffordern, dann ist die religiöse Dimension kein Beiwerk, sondern Teil des politischen Projekts. Der Islam dient hier nicht bloß als kulturelle Kulisse, sondern als verbindendes Element einer neuen sicherheitspolitischen Ordnung. Diesen Faktor kann man nicht aus der Analyse herausnehmen, ohne einen wesentlichen Teil dessen auszublenden, was in Mekka gerade geschaffen wurde.
Atomwaffen verändern alles
Besondere Aufmerksamkeit verdient Pakistan. Das Land besitzt nicht nur Atomwaffen, sondern entwickelt sein Arsenal weiter. Seine nukleare Abschreckung richtete sich historisch vor allem gegen Indien. Durch die Sicherheitsbindungen an Saudi-Arabien bekommt sie nun erstmals eine immer deutlichere Dimension im Nahen Osten. Schon die Möglichkeit eines erweiterten pakistanischen Atomschirms verändert die strategischen Berechnungen. Saudi-Arabien erhält eine zusätzliche Rückversicherung gegenüber dem Iran. Israel muss bei einer extremen regionalen Eskalation pakistanische Interessen stärker berücksichtigen. Andere arabische Staaten könnten gerade wegen dieser nuklearen Komponente Interesse an einem engeren Anschluss entwickeln.
Damit droht langfristig eine neue Form nuklearer Blockbildung. Israel verfügt ebenfalls über Atomwaffen, bestätigt dies jedoch offiziell nicht. Der Iran steht seit Jahren im Zentrum des Streits über dessen Nuklearprogramm. Pakistan besitzt die Bombe bereits. Wenn aus dem Mekka-Pakt irgendwann ein breiterer islamischer Verteidigungsblock mit pakistanischer Nukleargarantie entsteht, hätte der Nahe Osten innerhalb weniger Jahre eine völlig neue Abschreckungsordnung.
Solche Systeme können Kriege verhindern, weil die Kosten eines Angriffs unkalkulierbar werden. Sie können sie ebenso gefährlicher machen, wenn mehrere Staaten unterschiedliche rote Linien besitzen und keiner genau weiß, wann der andere sie für überschritten hält. Im Nahen Osten kommt dazu eine lange Geschichte von Stellvertreterkriegen, Milizen, Terrororganisationen und Angriffen, bei denen die staatliche Verantwortung bewusst im Nebel gehalten wird. Eine nuklear unterfütterte Beistandsklausel macht diesen Nebel nicht gerade gemütlicher.
Israel muss langfristig neu rechnen
Für Israel entsteht dadurch eine strategische Herausforderung, die weit über den nächsten Gaza- oder Libanonkrieg hinausreicht. Saudi-Arabien sucht derzeit keinen offenen Krieg mit Israel. Pakistan hat andere Prioritäten, und auch Erdoğan weiß, was eine direkte militärische Konfrontation kosten würde. Gleichzeitig entstehen jetzt Strukturen, die Regierungen überdauern können.
Gemeinsame Militärstäbe, Übungen, Rüstungsprogramme, Luftabwehrnetze und gegenseitige Sicherheitsgarantien schaffen Fähigkeiten. Ihre politische Richtung kann sich später verändern. Wenn sich die Beziehungen zwischen Israel und der Türkei weiter verschlechtern oder die Palästinenserfrage erneut eine große Mobilisierung in der moslemischen Welt auslöst, existiert künftig womöglich bereits eine militärische Infrastruktur, auf die Regierungen zurückgreifen können.
Der Iran hat die gewünschte Richtung bereits ausgesprochen. Pakistan ruft andere islamische Staaten zum Zusammenschluss auf. Erdoğan verbindet die türkische Großmachtpolitik seit Jahren mit religiöser Rhetorik. Saudi-Arabien wiederum kann seine Stellung als Hüter der heiligen Stätten kaum von der Politik der moslemischen Welt trennen.
Die gefährlichste Variante wäre deshalb ein Bündnis, das zunächst mit der Abwehr iranischer Raketen beginnt und später seinen gemeinsamen politischen Nenner in der Gegnerschaft zu Israel findet. Gerade Saudi-Arabien steht dann vor einem schwierigen Balanceakt: strategische Konkurrenz mit Teheran auf der einen Seite, islamische Solidarität und die Palästinenserfrage auf der anderen. Das Bündnis könnte diese Gegensätze auffangen. Es könnte sie ebenso explosiv miteinander verbinden.
Noch bremsen die eigenen Widersprüche
Die drei Partner verbindet viel, sie trennt ebenfalls einiges. Saudi-Arabien und die Türkei kämpften noch vor wenigen Jahren um ihren Einfluss in der sunnitischen Welt. Riad betrachtete Erdoğans Nähe zu den Moslembrüdern mit größtem Misstrauen. Pakistan muss Rücksicht auf China, den Iran und seine permanente Konfrontation mit Indien nehmen. Saudi-Arabien wiederum will wirtschaftliche Modernisierung und Stabilität und hat keinerlei Interesse daran, sein Projekt Vision 2030 in einem Religionskrieg zu versenken.
Auch eine breitere islamische Allianz wäre voller innerer Widersprüche. Ägypten misstraut der Türkei weiterhin in mehreren regionalen Fragen. Die Emirate verfolgen ihre eigenen Interessen. Das von den Moslembrüdern stark beeinflusste Katar spielt sein eigenes Spiel. Der Iran ist schiitisch geprägt und kämpft seit Jahrzehnten mit seinen sunnitischen Rivalen um Einfluss. Indien würde jede Ausweitung pakistanischer Sicherheitsgarantien aufmerksam verfolgen.
Doch eben deshalb ist das Projekt noch lange nicht fertig. Diesmal existieren allerdings mehr als Gipfelfotos und Sonntagsreden. Eine Beistandsklausel wurde unterschrieben. Gemeinsame Institutionen sollen entstehen. Pakistanische Soldaten und Kampfflugzeuge stehen bereits in Saudi-Arabien. Erdoğan will weitere Mitglieder aufnehmen, die Pakistanis werben offen um sie und hinter Pakistan stehen zudem rund 170 Atomsprengköpfe.
Wer den politischen Selbstmord des heutigen Wertewestens verfolgt, darf sich deshalb trotzdem wünschen, dass der Westen wieder zu sich selbst findet. Die Alternative zu Brüsseler Technokraten muss weder chinesischer Parteikapitalismus noch russischer Autoritarismus und schon gar kein islamischer Halbmond unter pakistanischem Atomschirm sein. Denn wenn der Westen seinen Platz räumt, bleibt der Stuhl nicht leer.






