In Italien ist ein Juwelier, der bei einem Raubüberfall auf sein Geschäft zwei Täter erschossen und einen verletzt hatte, zu fast 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Der heute 72 Jahre alte Mann wurde vom höchsten italienischen Gericht in Rom endgültig für schuldig befunden. Aus Sicht der Richter handelte er nicht mehr in Notwehr.
Im Mittelpunkt des Falls stand immer die Frage, ob der Juwelier Mario R. aus dem Städtchen Grinzane Cavour in der Provinz Cuneo an jenem Tag Selbstjustiz verübt hat – oder ob er in Notwehr handelte, um seine Familie zu schützen. Nach über fünf Jahren ist das Urteil endgültig gefallen: Der Kassationshof in Rom hat am 15. Juli 2026 das Urteil eines Berufungsgerichts von 14 Jahren und 10 Monaten Haft bestätigt.
Am 28. April 2021 drangen drei maskierte Männer in das Geschäft ein. Sie bedrohten die Frau und die Tochter des Juweliers mit Messern und Waffen, die sich später als Spielzeugpistolen herausstellten, fesselten beide und raubten das Geschäft aus. R. selbst kam aus der Werkstatt in den Verkaufsraum, gerade als die Täter mit der geraubten Beute durch den Hintereingang entkommen wollten. Er holte einen Revolver, für den er keinen gültigen Waffenschein mehr hatte – und rannte hinterher. Er schoss fünfmal – zwei Täter wurden tödlich getroffen, der dritte wurde verletzt und später gefasst.
Der Geschäftsmann berief sich auf Notwehr und Angst um seine Familie. Er war bereits 2015 Opfer eines Überfalls geworden. Dabei war er gefesselt und verletzt worden. Auch seine Familie war damals betroffen gewesen. Vor Gericht argumentierte er in einer Erklärung: „Ich hatte Angst. Ich habe geschossen, um mein Leben zu retten – nicht um zu töten, sondern nur, um nicht getötet zu werden.“ Dennoch sahen die Gerichte die tödlichen Schüsse nicht mehr als gerechtfertigte Notwehr, sondern als Selbstjustiz an, da die unmittelbare Gefahr nach Ansicht der Richter zum Zeitpunkt der Schüsse bereits vorüber war.
In erster Instanz wurde der Juwelier 2023 von einem Geschworenengericht in Asti wegen Mordes in zwei Fällen, versuchten Mordes in einem Fall und unerlaubten Waffenbesitzes zu einer Freiheitsstrafe von 17 Jahren verurteilt. Zudem sollte er an die Hinterbliebenen der Opfer Schadenersatz in Höhe von insgesamt 460.000 Euro zahlen.
Ein Berufungsgericht in Turin reduzierte die Strafe im Dezember 2025 auf 14 Jahre und 9 Monate. Dieses Urteil hat der Kassationshof in Rom, das höchste italienische Gericht, nun bestätigt. Die Verteidigung kündigte mögliche weitere Schritte an, darunter eine Beschwerde beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.
Der Fall hat Italien seit Jahren gespalten. Viele Bürger sehen in R. einen verzweifelten Familienvater, der sein Lebenswerk und seine Liebsten verteidigen wollte. Politiker wie Matteo Salvini von der Lega solidarisierten sich mit ihm und fordern nach der nun endgültigen Verurteilung eine Begnadigung durch Staatspräsident Sergio Mattarella:
Viele, sehr viele von uns stehen hinter Mario Roggero.
Ein Vater, ein Großvater, ein Ehemann und ein lebenslanger Arbeiter, der mit 72 Jahren ins Gefängnis muss, weil er auf einen Überfall, einen Diebstahl, einen Raubüberfall in seinem Geschäft – dem Familiengeschäft – reagiert hat, während seine Frau und seine Tochter anwesend waren und in Gefahr waren.
Ich halte dieses Urteil für zutiefst ungerecht.
Wir haben gemeinsam für ein neues Gesetz zur Notwehr gekämpft, das vielen anständigen Bürgern Leid und Gefängnis erspart hat, aber offensichtlich reicht das nicht aus, und das heilige Recht auf Notwehr für diejenigen, die angegriffen werden, muss noch weiter ausgeweitet werden. Und das werden wir tun.
Dabei werden wir per Gesetz auch die „Schadensersatzzahlungen“ an die Angehörigen von Dieben verhindern, die infolge ihres Verbrechens verletzt oder getötet wurden. Für Mario werde ich nun gemeinsam mit sehr vielen von euch alles in meiner Macht Stehende tun, damit ihm eine BEGNADIGUNG gewährt wird.
Ein Appell, den wir direkt an den Präsidenten der Republik richten.
Eine Begnadigung für einen ehrlichen Mann, der es mit 72 Jahren nicht verdient, eine Zelle mit echten Kriminellen zu teilen.
Der Fall R. steht exemplarisch für die anhaltende Diskussion in Italien über das Recht auf Selbstverteidigung – insbesondere nach der Reform von 2019, die das Notwehrrecht deutlich gestärkt hat, besonders bei der Verteidigung in den eigenen vier Wänden oder im Geschäft.
Ob der 72-Jährige tatsächlich die volle Strafe absitzen muss oder eine vorzeitige Entlassung bzw. Gnade erhält, bleibt abzuwarten. Für viele Italiener bleibt Mario R. vor allem eines: ein Mann, der seine Familie verteidigte – und dafür einen hohen Preis zahlt.






