Die Strompreise an den europäischen Strombörsen haben neue Höchststände erreicht. Besonders betroffen waren laut aktuellen Marktdaten Belgien, Deutschland, Österreich und weitere Staaten Mitteleuropas. Der deutsche Energieanalyst Stefan Spiegelsperger erklärt die Hintergründe und Zusammenhänge. Die aktuelle „Hitzeflaute“ in Kombination mit der „grünen Energiewende“ führt zu Versorgungsengpässen und Preisexplosionen.
Nach den von Spiegelsperger präsentierten Daten erreichte der Strompreis in Belgien heute zeitweise mehr als 1.000 Euro pro Megawattstunde. Auch in Deutschland wurden historische Höchstwerte registriert. Als Ursache nennt der Fachmann ein Zusammenspiel aus hoher Nachfrage und gleichzeitig stark zurückgehender Stromerzeugung aus Solarenergie in den Abendstunden. Spiegelsperger hat die Situation in diesem Video im Detail erklärt:
Spiegelsperger spricht von einer „Hitzeflaute“ und beschreibt damit eine Lage, in der bei hoher Nachfrage gleichzeitig zu wenig gesicherte Stromproduktion zur Verfügung steht. Besonders brisant sei die Entwicklung, weil mehrere Staaten Mitteleuropas zur gleichen Zeit unter Druck geraten könnten. In Belgien seien für 20:45 Uhr mehr als 1.000 Euro pro Megawattstunde prognostiziert worden, in Deutschland 747 Euro. Auch Österreich, die Niederlande, Dänemark und Polen liegen laut seinen Darstellungen auf sehr hohen Preisniveaus. Die Preisprognosen, auf die er sich bezieht, lassen sich verifizieren. Die belgische Nachrichtenagentur Belga meldet für 20:45 einen erwarteten Großhandelspreis von 1.038,25 €/MWh.
Als Ursache nennt er den starken Rückgang der Stromerzeugung aus Solarenergie in den Abendstunden. Während zur Mittagszeit noch rund 54 Gigawatt aus Wind- und Solaranlagen zur Verfügung stünden, wären für die abendliche Verbrauchsspitze nur noch etwa 3,5 Gigawatt zu erwarten. Die fehlende Leistung müsse innerhalb weniger Stunden durch andere Kraftwerke oder durch Importe ersetzt werden.
Höchster Energiepreis der Geschichte?
Hier dürfte Spiegelsperger aber etwas übertrieben haben. Nach unseren Recherchen gab es bereits noch dramatischere Preise. Im Juni 2024 wurden auf dem deutschen Strommarkt Preise von 2.325,83 €/MWh dokumentiert. AleaSoft bezeichnete dies ausdrücklich als „höchsten Preis in der Geschichte des deutschen Marktes“. Ebenfalls 2024 wurden auf dem deutschen Intraday- und Ausgleichsenergiemarkt sogar Werte von 9.999 €/MWh und kurzfristig 14.978 €/MWh registriert. Es soll sich aber um einen Rekord für das genannte Marktsegment handeln.
Europa auf Stromimporte angewiesen
Besonders kritisch bewertet Spiegelsperger die gleichzeitige Importabhängigkeit mehrerer Staaten. Deutschland, Österreich, Belgien, die Niederlande und Dänemark seien zur Deckung ihres Bedarfs auf Stromlieferungen aus dem Ausland angewiesen. Als wichtigste Lieferländer nennt er Frankreich, Norwegen, die Schweiz, Spanien und Polen.
Frankreich könne dank seiner Kernkraftwerke Strom exportieren. Norwegen würde Überschüsse aus Wasserkraft bereitstellen. Die Schweiz werde laut den präsentierten Daten einer der größten Stromlieferanten des Abends. Auch Spanien könne über Frankreich Energie in Richtung Mitteleuropa liefern.
Für Belgien verweist Spiegelsperger auf eine Versorgungslücke von rund zwei Gigawatt. Unter normalen Bedingungen könne ein solcher Fehlbetrag durch Importe ausgeglichen werden. Wenn jedoch mehrere Nachbarstaaten gleichzeitig zusätzliche Strommengen benötigen, steigen die Preise sprunghaft an.
Neuer Begriff „Hitzeflaute“
Im Zusammenhang mit der aktuellen Wetterlage geht der Analyst auf den Begriff „Hitzeflaute“ näher ein. Dabei handelt es sich um eine Situation, in der hohe Temperaturen auf eine sinkende Stromproduktion aus Wind- und Solaranlagen treffen. Nach seiner Auffassung zeigt die Entwicklung, dass nicht nur winterliche Dunkelflauten, sondern auch sommerliche Wetterlagen erhebliche Belastungen für die Stromversorgung verursachen können.
Besondere Aufmerksamkeit widmet er den Lastprognosen für den Folgetag. Aufgrund des anstehenden Fußballspiels werde ein nochmals höherer Stromverbrauch erwartet. Sollten Wetterlage und Erzeugung unverändert bleiben, könnte sich die Situation weiter verschärfen.
Forderung nach mehr gesicherter Leistung
Aus den Preisentwicklungen leitet Spiegelsperger grundsätzliche Kritik an der deutschen Energiepolitik ab. Zusätzliche Wind- und Solaranlagen würden die Schwankungen zwischen Mittags- und Abendstunden weiter vergrößern, solange keine ausreichenden Speicher- und Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung stehen.
Als Gegenmaßnahme fordert er den Ausbau regelbarer Kraftwerke. Neben Gaskraftwerken nennt er auch Kernkraftwerke als Möglichkeit, um Versorgungssicherheit und Netzstabilität zu gewährleisten.
