Die Hitzewelle hat Deutschland nicht nur fest im Griff, sie sorgt dank der Energiewende auch für einen heftigen Strompreisschock. Während tagsüber noch vergleichsweise viel Solarstrom ins Netz drückt, entsteht am Abend eine gefährliche Lücke: Die Sonne ist weg, der Wind lässt nach – gleichzeitig laufen Klimaanlagen, Ventilatoren und Kühlgeräte auf Hochtouren. Für Kunden mit dynamischen Stromtarifen bedeutete das am Dienstagabend zeitweise Preise von bis zu 93 Cent je Kilowattstunde.
Was sich derzeit am Strommarkt abspielt, ist ein Lehrstück über die Verwundbarkeit eines Systems, das immer stärker auf wetterabhängige Erzeugung setzt. Am Montag lagen die höchsten Preise für Tibber-Kunden noch bei rund 56 Cent je Kilowattstunde. Am Dienstagabend kletterten sie dann zwischen 19 und 22 Uhr auf bis zu 93 Cent. Der reine Börsenstrompreis erreichte nach den Preisangaben des Anbieters zeitweise rund 73 Cent je Kilowattstunde; hinzu kommen Netzentgelte, Steuern, Abgaben und weitere Preisbestandteile.
Wenn die Sonne weg ist, wird Strom plötzlich teuer
Das Problem beginnt jeden Abend aufs Neue. Über Mittag liefern Photovoltaikanlagen große Mengen Strom, teilweise drücken sie die Börsenpreise sogar auf wenige Cent je Kilowattstunde. Doch sobald die Sonne untergeht, verschwindet diese Leistung innerhalb kurzer Zeit aus dem System. Gerade dann steigt aber der Verbrauch: Die Menschen kommen von der Arbeit nach Hause, kochen, laden ihre Elektroautos, schalten die Klimaanlagen ein oder kühlen ihre Wohnungen mit Wärmepumpen.
Tibber-Strompreise steigen auf 93 ct/kWh trotz extrem viel Sonne. Grund: Es weht wenig Wind, Erneuerbare decken den Strombedarf nicht, Nachts scheint die Sonne nicht, Importstrom ist teuer, den Sonnenstromüberschuss am Tag verkaufen wir zu Minimalpreisen.
— Institut für Realitätsabgleich (@Epikur_vS) June 23, 2026
Die eigentlich… pic.twitter.com/iaJzXv9xZf
Windkraft könnte diese Lücke teilweise schließen – doch ausgerechnet in dieser Hitzewoche ließ der Wind deutlich nach. Nach den Tibber-Daten fiel die durchschnittliche Windstromproduktion von 17,6 Gigawatt in der Vorwoche auf rund 11 Gigawatt. Am Wochenbeginn lagen die Werte zunächst noch ungewöhnlich hoch, ehe die Erzeugung am Dienstag abrupt auf unter zehn Gigawatt absackte. Der Abend wurde damit zur perfekten Preisfalle: keine Sonne, wenig Wind und gleichzeitig eine hohe Nachfrage.
Die Folge war ein sprunghafter Anstieg auf dem Großhandelsmarkt. Bereits am Montagabend erreichten die Day-ahead-Preise in der Spitze rund 37 Cent je Kilowattstunde. Am Dienstagabend ging es noch deutlich weiter hinauf. Für einzelne Lieferstunden wurden am deutschen Markt Preise von mehr als 545 Euro je Megawattstunde gemeldet – also mehr als 54 Cent je Kilowattstunde, noch bevor Netzentgelte, Steuern und Abgaben zusätzlich auf der Rechnung des Verbrauchers landen.
Dynamische Tarife: billig am Mittag, brutal am Abend
Für Haushalte mit klassischen Festpreistarifen ist diese Entwicklung zunächst nicht unmittelbar auf der Monatsrechnung sichtbar. Ihr Anbieter kauft Strom langfristiger ein und glättet solche Ausschläge über einen längeren Zeitraum. Kunden dynamischer Tarife dagegen erleben die Börse praktisch in Echtzeit. Sie profitieren davon, wenn Strom mittags im Überfluss vorhanden und billig ist – tragen aber auch das volle Risiko, wenn das Netz in den Abendstunden auf teure Reservekraftwerke und Importe angewiesen ist. Das zeigt die enorme Spannweite dieser Woche besonders deutlich. Am Montag lagen die niedrigsten Tibber-Preise zur Mittagszeit bei rund 23,4 Cent je Kilowattstunde, am Dienstag bei rund 26,6 Cent. Wenige Stunden später standen Verbraucher mit einem dynamischen Tarif jedoch vor Preisen von bis zu 56 beziehungsweise 93 Cent. Innerhalb eines einzigen Tages ergibt sich damit eine Preisspanne von mehr als 30 Cent am Montag und von rund 66 Cent am Dienstag.
Langsam werden dynamische Strompreise richtig unattraktiv, es ist mehr als genug Sonne da, auch Wind. Also was soll das hier?!? @Tibber_DE 🤔 pic.twitter.com/xxJL52sgh4
— Ronny ツ (@RonnyGolisch) June 23, 2026
Im Tagesmittel blieb der Strom für Tibber-Kunden zwar deutlich günstiger als in der teuersten Abendstunde. Doch auch hier zeigen die Zahlen die Richtung: Für Dienstag lag der Durchschnitt nach den genannten Angaben bei rund 40,6 Cent je Kilowattstunde, am Montag bei 34,6 Cent. Wer ausgerechnet in den teuersten Stunden kocht, sein E-Auto lädt oder die Klimaanlage ohne Unterbrechung laufen lässt, zahlt im Zweifel ein Mehrfaches dessen, was mittags fällig wäre. Eben diese Verschiebung des Alltagsverbrauchs ist politisch zunehmend gewollt. Über Smart Meter, dynamische Stromtarife und künftig stärker zeitvariable Netzentgelte sollen Haushalte ihren Verbrauch dann erhöhen, wenn gerade viel Wind- oder Solarstrom vorhanden ist – also bevorzugt mittags oder in windreichen Stunden. Umgekehrt sollen sie am Abend, wenn die Sonne weg ist und die Netze besonders belastet sind, möglichst wenig Strom benötigen. Bei neu installierten Wallboxen, Wärmepumpen, Klimageräten und Stromspeichern kann der Netzbetreiber bei drohenden lokalen Engpässen die Leistung zudem zeitweise herunterregeln.
Auf dem Papier der grün-sozialistischen Planwirtschafter klingt das nach intelligenter Flexibilität. In der Lebenswirklichkeit vieler Menschen kollidiert dieses Modell jedoch mit Arbeit, Schule und Familie. Wer tagsüber im Büro, in der Werkstatt, auf der Baustelle oder unterwegs ist, kann weder das Abendessen auf den Mittag verlegen noch sein Elektroauto beliebig zwischen elf und vierzehn Uhr laden. Gerade dann, wenn Berufstätige nach Hause kommen, kochen, duschen, kühlen und ihre Geräte nutzen wollen, wird Strom im neuen System besonders knapp und teuer. Die Energiewende verlangt damit zunehmend nicht nur neue Technik, sondern auch die Anpassung des privaten Alltags an das Wetter.
Gas, Kohle und Importe als teure Notlösung
Wenn Wind und Sonne nicht ausreichend liefern, muss die fehlende Leistung durch andere Quellen ausgeglichen werden. Dann kommen auf teurer Bereitschaft laufende regelbare Kraftwerke ins Spiel – vor allem Gas- und Kohlekraftwerke – oder Stromimporte aus den Nachbarländern. Doch auch dort herrscht die Hitzewelle. In Frankreich belasten hohe Temperaturen unter anderem die Stromerzeugung durch die Atomkraftwerke, während in Spanien und anderen Ländern die Nachfrage durch Klimatisierung ebenfalls deutlich zunimmt. Gerade darin liegt das grundsätzliche Dilemma: Deutschland kann fehlende Wind- und Solarproduktion zwar über das europäische Netz abfedern. Aber wenn weite Teile Europas gleichzeitig unter einer Hitzewelle leiden, wird auch der Importstrom teuer. Die Verknappung beschränkt sich dann nicht mehr auf einen einzelnen Abend in Deutschland, sondern erfasst einen ganzen Kontinent.
Heute Abend 615 €/MWh!!!
— Stefan Energie Chiemgau/Outdoor Chiemgau (@OutdoorChiemga) June 23, 2026
Das 6fache vom Normalpreis!
Weil eben mal 20 GW zu wenig produziert wird???
ALso das 3 fache was Österreich verbraucht?
Grund: Weil Solar so schnell abfällt und wieder mal kein Wind weht!
Was für eine völlig irre Energiewende!#energiewendeinsnichts pic.twitter.com/T21UT8sarn
Die hohen Preise zeigen, wie schnell aus einem sonnigen Sommertag mit sehr niedrigen Mittagswerten ein teurer Abend werden kann. Das Stromsystem braucht jederzeit genügend gesicherte Leistung – nicht nur dann, wenn die Sonne scheint oder der Wind weht. Dies ist auch ein Grund dafür, weshalb viele Energieexperten darauf hinweisen, dass das Stromnetz eines modernen Industrielandes möglichst nicht auf einen Anteil von über 60 Prozent der Stromproduktion über Wind- und Solarkraftwerke setzen sollte.
Der scheinbare Widerspruch niedriger Neukundenpreise
Besonders auffällig ist der Kontrast zu den derzeit verfügbaren Neukundentarifen. Diese liegen nach Preisvergleichen teilweise bei rund 23 bis 25 Cent je Kilowattstunde – also nur bei einem Viertel des kurzfristigen Spitzenwerts dynamischer Tarife. Das ist kein Widerspruch, sondern Folge unterschiedlicher Beschaffungsmodelle. Festpreisanbieter kaufen ihren Strom über längere Zeiträume ein und können von vielen günstigen oder sogar negativen Börsenstunden der vergangenen Wochen profitieren.
Strompreise heute und morgen Abend:
— Morlock Nr.2 (@MGGA2021h) June 23, 2026
Heute: 61,5 Cent/kWh
Morgen: 74,7 Cent/kWh.
Wir haben heute keinen Wind und es wird bald dunkel.
Und unsere Speicher halten Strom bereit für ein paar Minuten.
Mehr scheitern geht nicht.
Wir zerstören unsere komplette Industrie damit. pic.twitter.com/LkAjU2TLWL
Solche negativen Preise sind jedoch kein kostenloses Geschenk. Sie entstehen, wenn zeitweise mehr Strom ins Netz gedrückt wird, als gerade benötigt wird oder sinnvoll abtransportiert werden kann. Die Differenz zwischen Marktwert und Förderansprüchen erneuerbarer Anlagen verschwindet nicht einfach. Die EEG-Differenzkosten werden dabei über Bundesmittel ausgeglichen – letztlich also aus öffentlichen Haushalten finanziert. Bezahlen muss dafür also am Ende die Allgemeinheit.
Für die Verbraucher bleibt damit eine bittere Erkenntnis: Das Versprechen vom dauerhaft billigen Ökostrom gilt nur in den Stunden, in denen viel Wind oder Sonne vorhanden ist. In der Realität des Strommarktes können dieselben wetterabhängigen Quellen mittags zu Tiefstpreisen und abends zu extremen Spitzen führen. Ein Stromsystem ohne ausreichend verlässliche, jederzeit verfügbare Kapazitäten wird nicht stabiler, sondern nervöser – und für jene teuer, die ihren Verbrauch nicht minutengenau an Wetter und Börse anpassen können. Und das ist die Mehrheit der Menschen im Land, sowie ein Großteil der Unternehmen.
