Die Finanzmärkte und Mainstream-Medien feiern das Friedensabkommen zwischen Washington und Teheran offenbar zu früh. Während der Preis für die Sorte Brent kurzfristig unter die 80-Dollar-Marke fiel, schlagen Branchenexperten und Öl-Konzerne Alarm. Denn die globalen Öl-Lager sind auf ein historisches, gerade noch funktionsfähiges Minimum leergepumpt worden. Ein baldiges Ende der Krise ist eine Illusion.
An den Ölmärkten herrscht laut einer aktuellen Analyse eine trügerische Euphorie. Die Aussicht, dass die Straße von Hormus infolge des Deals zwischen den USA und dem Iran wieder frei passierbar bleiben könnte, treibt die Papier-Ölpreise in den Keller. Doch es existiert eine beunruhigende Trennung zweier Welten: Auf der einen Seite steht der von Spekulanten und Medienberichten getriebene Terminmarkt – auf der anderen Seite der physische Markt, der auf eine massive Versorgungskrise zusteuert. Denn selbst wenn das Abkommen hält, lässt sich der verursachte Schaden nicht über Nacht beheben.
US commercial crude oil inventories are reaching critical levels:
— The Kobeissi Letter (@KobeissiLetter) June 18, 2026
Crude inventories at Cushing, Oklahoma, the largest commercial storage hub in the US and the pricing point for WTI Crude, dropped -1.6 million barrels last week, to 20 million barrels, the lowest since 2014.
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Zwar machten sich seit gestern wieder viele Öltanker auf den Weg durch die Meerenge – vor allem in Richtung Asien. Doch die bereits entstandenen Schäden lassen sich nicht einfach so über Nacht rückgängig machen. Das Habeck-Prinzip (also frei gesagt), dass die Ölproduzenten einfach erst mal aufhören zu produzieren und dann problemlos weitermachen könnten, funktioniert nämlich auch dort nicht. Bevor die Produktion und die Raffinerien wieder hochgefahren werden können, müssen beispielsweise die Versicherer erst einmal bereit sein, die Schiffe überhaupt wieder zu versichern. Erst dann werden die großen Reeder ihre Haltung ändern.
Während also wegen des Abkommens zumindest einige Tanker den Persischen Golf verlassen und das Risiko der Durchfahrt durch die Straße von Hormus auf sich nehmen, dominiert weiterhin die Skepsis. Mehr noch hat die Welt in den letzten Monaten buchstäblich von der Substanz gelebt. Führende Manager der Ölkonzerne warnen bereits vor extrem kritischen Lagerbeständen. Selbst wenn der Ölfluss langsam wieder in Bewegung kommt und es keine großen Störungen mehr gibt, wird noch für einige Zeit weniger Öl geliefert als die Welt tatsächlich verbraucht. Doch vielerorts sind die Rohölbestände in den Strategischen Ölreserven auf kritische Level zusammengeschrumpft.

Besonders dramatisch ist die Lage in den USA. Allein in den letzten neun Wochen sind die US-Rohölbestände laut dem American Petroleum Institute um gewaltige 52 Millionen Barrel geschrumpft. Die Reserven im wichtigen Knotenpunkt Cushing sind auf etwa 21 Millionen Barrel eingebrochen. Laut Branchenberichten beginnen bei etwa 20 Millionen Barrel bereits massive technische Komplikationen beim Betrieb der Tankanlagen. Hier rächt sich nun auch die kurzsichtige Politik der vormaligen US-Regierung. Als der Westen 2022 infolge des Ukraine-Krieges Russland mit Sanktionen überzog und die Preise explodierten, gab die Biden-Regierung aus politischer Panik rund 180 Millionen Barrel aus den Strategischen Erdölreserven (SPR) frei, um die Preise künstlich zu drücken. Die Kavernen müssen jedoch ein gewisses Füllstands-Minimum aufweisen, um überhaupt intakt zu bleiben.
Nicht nur die USA, sondern auch viele andere Länder haben ihre Notreserven stark angezapft, um die Nachfrage zu decken. Das bedeutet: Wenn sich der Markt irgendwann normalisiert, wird ein gigantischer Nachfrageschub entstehen, weil all diese Staaten ihre Speicher wieder auffüllen müssen – und das bei einer ohnehin robusten globalen Gesamtnachfrage. Das bedeutet aber auch, dass der große Preisschock auf den physischen Märkten (die ständig kolportierten Ölpreise sind Terminmarktpreise und haben mit den realen Preisen, welche die Raffinerien bezahlen müssen, nur bedingt etwas zu tun) noch aussteht.
