Es ist ein weiterer Skandal, der das Vertrauen in “die Wissenschaft” in seinen Grundfesten erschüttert. Ein führendes medizinisches Fachblatt muss plötzlich zugeben: Was wir Ihnen ein Vierteljahrhundert lang als wissenschaftliche Fakten verkauft haben, war in Wahrheit reine Fiktion. Alles einfach frei erfunden.
Das kanadische Journal Paediatrics & Child Health – immerhin das offizielle Organ der Kanadischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin – hat still und heimlich 138 (!) Fallberichte aus den letzten 25 Jahren mit einer “Korrektur” versehen. Der unfassbare Grund, der nun im Kleingedruckten steht: Die beschriebenen Patienten gab es gar nicht. Aufgeflogen ist das gigantische Lügen-Konstrukt nur durch Recherchen des New Yorker.
Im Zentrum des Skandals steht der Fall “Baby boy blue” aus dem Jahr 2010. Ein dramatischer Bericht über einen Säugling, der angeblich durch die Muttermilch eine tödliche Dosis Opioide abbekommen haben soll, weil die Mutter ein codeinhaltiges Schmerzmittel nahm. Jahrelang wurde dieser Fall von sogenannten Experten genutzt, um Mütter in Panik zu versetzen und vor bestimmten Medikamenten zu warnen. Doch in Wirklichkeit war der Fall komplett ausgedacht! Ein Co-Autor musste zugeben, dass die Geschichte schlichtweg erfunden war. Echte Autopsie-Daten deuten vielmehr darauf hin, dass dem Baby das Schmerzmittel direkt verabreicht wurde – und nicht über die Muttermilch.
Und wie reagiert man? Mit billigen Ausreden!
Chefredakteurin Joan Robinson behauptet allen Ernstes, man habe die Fälle damals “erfunden, um die Vertraulichkeit der Patienten zu schützen”. Man habe sie lediglich als “Lehrmittel“ verstanden. Bitte was?! In den streng geprüften (peer-reviewten) Artikeln stand mit keinem einzigen Wort, dass es sich um Fiktion handelt. Ärzte auf der ganzen Welt lasen diese Berichte im guten Glauben, es seien echte, medizinische Fakten. Die Studien landeten sogar in globalen Datenbanken wie PubMed – ohne jeden Warnhinweis!
Selbst renommierte Mediziner sind fassungslos über diese Täuschung. Professor David Juurlink von der Universität Toronto, der den Fake-Fall jahrelang untersuchte, fordert den sofortigen Rückzug der Studie. Sein vernichtendes Urteil: “Ein Narrativ, das fiktiv ist, aber im Format eines echten Fallberichts veröffentlicht wird (…) ist funktional nicht von einer Fälschung in den wissenschaftlichen Aufzeichnungen zu unterscheiden.” Auch der ehemalige JAMA-Herausgeber George Lundberg findet deutliche Worte: “Alternative Fakten haben in einer medizinischen oder wissenschaftlichen Zeitschrift nichts zu suchen.”
In der Panik, den Skandal schnell abzuräumen, hat das Journal nun pauschal alle Berichte dieser Reihe mit dem Vermerk “fiktiv” versehen. Dumm nur: Mindestens eine Autorin, die Kinderärztin Farah Abdulsatar, meldete sich entsetzt zu Wort. Ihr Fall war nämlich echt! Das Journal hatte in seinem blinden Korrektur-Wahn schlichtweg den Überblick verloren, was Wahrheit und was Lüge ist. Die lapidare Antwort der Redaktion an die Ärztin: Es sei jetzt “schwierig”, die Korrektur wieder zu korrigieren.
Dieser Skandal zeigt einmal mehr auf erschreckende Weise: Wenn uns Institutionen und Fachzeitschriften etwas als unumstößliche “Wissenschaft” präsentieren, ist höchste Vorsicht geboten. Denn auch in der Welt der Wissenschaft wird immer wieder getrickst, getäuscht und betrogen. Die Leidtragenden sind – gerade im Feld der Medizin und der Ernährung – jedoch die Menschen.
