Donald Trump fordert ein Ende der ukrainischen Angriffe auf Russlands Raffinerien. Doch Wolodymyr Selenskyj setzt seine Drohnenoffensive fort. Bei einem massiven Angriff auf Sankt Petersburg gingen wichtige Ölanlagen in Flammen auf, auch ein Rechenzentrum und weitere Infrastruktureinrichtungen gerieten unter Beschuss. Damit verschärft der ukrainische Präsident seinen Konflikt mit Washington – ausgerechnet während Trump versucht, über Energiegeschäfte und Verhandlungen eine Friedenslösung zu erreichen.
In der Nacht zum Sonntag erschütterten Explosionen die russische Millionenstadt Sankt Petersburg. Über dem wichtigen Ölterminal am Finnischen Meerbusen stiegen gewaltige Rauchwolken auf, Feuerwehrleute kämpften gegen die Flammen. Auch andernorts brannten Industrieanlagen. Der Flughafen Pulkowo musste den Betrieb für mehr als sieben Stunden einstellen. 32 Flüge verspäteten sich, 21 wurden gestrichen und elf Maschinen auf andere Flughäfen umgeleitet. Die Ukrainer hatten einen ihrer bislang größten Drohnenangriffe auf Putins Heimatstadt gestartet.
Die russischen Behörden bestätigten Brände am Petersburger Ölterminal, im Treibstofflager Rutschi sowie in mehreren Industriegebäuden. Auch ein Logistikzentrum des Onlinehändlers Ozon stand in Flammen. Nach Behördenangaben kam mindestens ein Mensch ums Leben, 15 weitere wurden verletzt. Wohnhäuser und Fahrzeuge erlitten Schäden. Das russische Verteidigungsministerium meldete landesweit den Abschuss von 1.015 ukrainischen Drohnen.
🚨🇷🇺🇺🇦 Selenskyj, Selenskyj, du spielst mit dem Feuer!
— Wollfy (@dockyyyyyyyyy) October 18, 2026
Ukrainische Drohnen griffen in der Nacht Sankt Petersburg an und trafen Russlands größtes Ölterminal an der Ostsee, ein Rechenzentrum von VK sowie eine Umspannstation.
Die Angriffe legten die Dienste von VK lahm und… pic.twitter.com/gkmMn0Hk8z
Ein Angriff auf die Exportkapazitäten Russlands
Der Angriff auf das Petersburg-Oil-Terminal trifft eine wichtige russische Energieanlage. Die Anlage gehört zu den größten Umschlagplätzen für Erdölprodukte im Ostseeraum. Nach Betreiberangaben verfügt sie über 32 Lagertanks und eine jährliche Umschlagkapazität von 12,5 Millionen Tonnen. Von dort gelangen russische Flüssiggüter auf den internationalen Markt – auch jene, die Donald Trump für die Vereinigten Staaten kaufen will. Welche Schäden die Drohnen tatsächlich anrichteten und welche Auswirkungen das auf den Exportbetrieb hat, ist derzeit noch offen.
Auch die digitale Infrastruktur geriet unter Beschuss. Der russische Internetkonzern VK bestätigte einen Angriff auf sein Rechenzentrum in der Leningrader Region. Nutzer meldeten Störungen bei VKontakte und weiteren Diensten. In Janino waren zeitweise rund 20.000 Menschen ohne Strom. Berichte sprechen von einem Treffer an der 330-Kilovolt-Umspannstation Wostotschnaja. Außerdem soll eine ukrainische Drohne eine Schrägseilbrücke der wichtigen Stadtautobahn Westlicher Hochgeschwindigkeitsdurchmesser getroffen haben. Damit richtete sich die Attacke gegen eine ganze Reihe wirtschaftlich und infrastrukturell bedeutender Einrichtungen.
Selenskyj spuckt Trump ins Gesicht
Für Donald Trump bedeutet dieser Großangriff den nächsten Rückschlag seiner Bemühungen, die gegenseitigen Attacken auf Energieanlagen einzudämmen. Der US-Präsident hatte Selenskyj wiederholt aufgefordert, russische Raffinerien zu verschonen. Laut einem amerikanischen Regierungsvertreter ignorierte Kiew rund ein halbes Dutzend entsprechender Aufforderungen. Trump reagierte zunehmend verärgert und stellte sogar Selenskyjs politische Zukunft öffentlich infrage. Inzwischen bezeichnet er die ukrainischen Raffinerieangriffe als „Schande“, weil sie seiner Ansicht nach den internationalen Treibstoffmarkt zusätzlich belasten.
Report24 berichtete erst am Sonntag über den erneuten Drohnenangriff auf die Rosneft-Raffinerie bei Rjasan. Nun gerät mit Sankt Petersburg ein bedeutender russischer Exportstandort ins Visier. Das ist auch deshalb heikel, weil Trump gerade versucht, über zusätzliche russische Diesellieferungen die angespannten Energiemärkte zu entlasten. Der Krieg im Nahen Osten und die Einschränkungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus haben Diesel massiv verteuert. Der amerikanische Präsident vereinbarte deshalb mit Putin einen entsprechenden Deal und lockerte Beschränkungen. Selenskyj attackiert weiter jene russische Energieinfrastruktur, deren Funktionsfähigkeit für Trumps wirtschaftliche Pläne von Bedeutung ist.
Kiew nimmt die Spannungen mit Washington in Kauf
Selenskyj wirft Washington im Gegenzug vor, mit solchen Energiegeschäften Putins Kriegskasse zu füllen. Seine Drohnenangriffe sollen Russland wirtschaftlich schwächen und die Treibstoffversorgung der russischen Streitkräfte beeinträchtigen. Allerdings nimmt der ukrainische Präsident dafür erhebliche diplomatische Spannungen mit seinem wichtigsten militärischen Partner in Kauf. Gerade bei der Ausweitung der Attacken auf Rechenzentren, Stromversorgung und Verkehrsinfrastruktur stellt sich zudem die Frage nach dem tatsächlichen militärischen Nutzen und den Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung.
Kiew rechtfertigt die Angriffe mit den fortgesetzten russischen Bombardierungen ukrainischer Kraftwerke und Umspannstationen. Nach Selenskyjs Angaben attackierte Russland innerhalb einer Woche 76-mal die ukrainische Energieversorgung. Die von Trump am 11. Oktober verkündete gegenseitige Angriffspause wurde von Moskau nicht bestätigt. Russische Streitkräfte setzten ihre Bombardierungen fort, Zehntausende Ukrainer mussten zeitweise ohne Strom auskommen. Damit blieb auch der Kreml jede erkennbare Bereitschaft zu einer Energie-Waffenruhe schuldig.
Trump setzt auf Diplomatie
Doch die ukrainischen Gegenangriffe haben bislang ebenso wenig einen Durchbruch in Richtung Friedensverhandlungen gebracht. Trump versucht derweil, Moskau durch wirtschaftliche Zugeständnisse an den Verhandlungstisch zurückzuholen. Am Sonntag verteidigte er erneut seine Entscheidung, zusätzliche Russland-Sanktionen vorerst auszusetzen. Er wolle Putin damit nicht von Gesprächen abschrecken. Gleichzeitig warf er Selenskyj vor, den Krieg nicht beenden zu wollen. Noch am selben Tag telefonierte der ukrainische Präsident rund 40 Minuten lang mit Trumps Unterhändlern Steve Witkoff und Jared Kushner. Dabei ging es um weitere diplomatische Schritte und ein mögliches persönliches Treffen. Die Gesprächskanäle zwischen Kiew und Washington bleiben damit offen, obwohl sich der politische Konflikt zuletzt erheblich verschärft hat.
Für Selenskyj ist dieses Zerwürfnis besonders riskant. Die ukrainischen Streitkräfte benötigen weiterhin amerikanische Waffen, Patriot-Abfangraketen und Geheimdienstinformationen. Europa kann diese Fähigkeiten kaum ersetzen. Ausgerechnet mit jenem Präsidenten, der über wesentliche Teile dieser Unterstützung entscheidet, legt sich Selenskyj immer wieder an. In Sankt Petersburg brennen die Ölanlagen. Ob Selenskyj damit Putin zu Zugeständnissen zwingt oder vor allem seinen Konflikt mit Trump weiter anheizt, ist eine ganz andere Frage.