Prof. Theisen warnt: Die US-Rechnung für das Iran-Debakel zahlen die Bürger Europas

Prof. Theisen im Gespräch mit Report24 Chefredakteur Florian Machl (C) Report24.news

Ein neues Debakel epischen Ausmaßes zeichnet sich im Nahen Osten ab. Im Exklusiv-Interview mit Report24-Chefredakteur Florian Machl im EU-Parlament findet der renommierte Politologe Prof. Heinz Theisen deutliche Worte: Dem Westen steht im Konflikt mit dem Iran eine schwere und teure Niederlage bevor – und die Zeche für das geopolitische Versagen der USA wird, wie schon in Afghanistan, vor allem der europäische Bürger zahlen. Statt wirkungsloser Militäreinsätze im Orient fordert der Experte ein radikales Umdenken: den kompromisslosen Schutz der eigenen Grenzen.

Die geopolitische Lage spitzt sich dramatisch zu, während die westlichen Regierungen und die Mainstream-Medien weiterhin das Narrativ unfehlbarer militärischer Stärke bemühen. Doch die Realität hinter den Kulissen sieht düsterer aus. Am Rande der Plenarsitzung des Europäischen Parlaments in Straßburg sprach Report24-Chefredakteur Florian Machl mit dem Politologen Prof. Heinz Theisen über die unmittelbaren wirtschaftlichen, kulturpolitischen und strategischen Folgen des eskalierenden Iran-Konflikts für Europa. Theisens Lageanalyse ist so präzise wie alarmierend: Der Versuch, das islamistische Regime militärisch zurückzudrängen, ist gescheitert. Europa steuert sehenden Auges auf einen scharfen Wirtschaftseinbruch und eine geopolitische Ohnmacht zu.

CIA-Berichte widersprechen Zweckoptimismus der Trump-Regierung

Auf die Frage von Florian Machl, wie verlässlich die Erfolgsmeldungen aus Washington seien und wer im Nahen Osten derzeit militärisch tatsächlich die Oberhand behalte, verwies Prof. Heinz Theisen auf interne Geheimdienstdaten, die den offiziellen Verlautbarungen der US-Regierung diametral widersprechen.

„Ich würde in dem Fall dem CIA-Bericht folgen wollen“, erklärte Theisen im Interview. „Demnach sind nur 30 Prozent der Raketenbestände der Iraner vernichtet worden. Das heißt, ein Großteil der Bestände ist noch intakt und wir müssen ja auch davon ausgehen, dass es Nachlieferungen gibt aus China und Russland.“ Der Zweckoptimismus der Trump-Administration sei primär eine gezielte „Außendarstellung, die wir, nicht eins zu eins glauben müssen“. Ein weiterer militärischer Schlag des Westens werde die strategische Pattsituation nicht mehr umkehren können.

Wirtschaftlicher Kollaps: Ölverknappung trifft den Bürger im Herbst

Während die USA durch Fracking und eigene Vorkommen weitgehend energieautark agieren können und von den Konsequenzen des Krieges kaum berührt werden, rollt auf die europäische Industrie und die ohnehin belasteten Bürger eine massive Teuerungswelle zu. Die logistischen Achillesfersen wie die Straße von Hormus bedrohen langfristig die globalen Warenströme bis hin zu existenziellen Gütern wie Düngemittellieferungen.

Der Politologe prognostiziert den Eintritt der vollen Krisenwirkung für das spätere Jahr: „Die Ölverknappung wird erst in vollem Umfang im Lauf des Sommers/Herbst einsetzen und das bedeutet natürlich erhebliche Mehrkosten für den Bürger, für die Industrie bedeutet es wahrscheinlich einen scharfen Wirtschaftseinbruch“. Das Ergebnis dieses Krieges sei insbesondere für den europäischen Kontinent „außerordentlich negativ“.

Geopolitische Achsenverschiebung und Erstarken des Islamismus

Weit über die ökonomischen Schäden hinaus droht Europa laut Theisen eine irreversible geopolitische und kulturpolitische Niederlage. Durch das westliche Vorgehen formiert sich eine mächtige Allianz. „Der Block Russland, China, Iran wird erstarken“, warnte der Professor. Gleichzeitig sieht er eine direkte Gefahr für die innere Sicherheit Europas: „Der Islamismus wird mit Hilfe der iranischen Regierung erstarken und es besteht sogar Gefahr, dass der Islamismus noch stärker nach Europa übergreifen wird“.

Anders als beim Ukraine-Krieg, bei dem im Hintergrund durchaus geopolitische Absichten zur gezielten Schwächung der wirtschaftlichen Achse zwischen Russland und Europa mitschwangen, liege das Versagen im Nahen Osten primär an der Unfähigkeit, die gewaltsame Zurückdrängung eines islamistischen Regimes erfolgreich umzusetzen. Da die Waffen des Gegners schlicht zu stark seien, müsse der Westen nun zwangsläufig von einer gescheiterten Offensivstrategie zu einer reinen Eindämmungspolitik übergehen.

Die Kernforderung: „Unsere Grenzen endlich schützen“

Aus dieser Ohnmacht im Orient leitet Prof. Heinz Theisen eine unmissverständliche, realpolitische Konsequenz ab. Da der Westen im Nahen und Mittleren Osten keine Siege mehr erringen kann, muss der Fokus radikal auf den Eigenschutz umgelenkt werden.

„Je weniger wir den Islamismus zurückbringen können, desto mehr müssen wir unsere eigenen Grenzen schützen. Das ist eigentlich die wichtigste Folgerung hier heraus. Wir können nicht gewinnen im Orient, umso mehr müssen wir uns schützen. Wir müssen uns selbst behaupten, indem wir uns selbst begrenzen und unsere Grenzen endlich schützen.“

Europa zur Ohnmacht verdammt – Falsche Prioritäten bei der Ukraine

In der Riege der globalen Supermächte, die Theisen über die Fähigkeit zur totalen atomaren Zerstörung definiert (USA, Russland, China), existiere Europa als eigenständiger Akteur schlichtweg nicht. „Europa in keiner Weise. Wir sind nur ein Teil der Weltmacht USA und fühlen uns als solche zunehmend unbehaglich, weil wir nicht die gleichen Interessen wie die USA haben. Also wir sind eigentlich zur Ohnmacht verdammt“, bilanzierte der Experte nüchtern. Eine autonome europäische Verteidigung liege in weiter Ferne.

Völliges Unverständnis zeigt Theisen für die aktuelle europäische Außenpolitik, die sich am falschen Ort einmische, während sie an den entscheidenden Stellen versage. Während Europa im Nahen Osten ohnehin nichts beitragen könne, außer sich vor den Migrations- und Wirtschaftsfolgen zu schützen, agiere man auf dem eigenen Kontinent brandgefährlich. „Hier wäre Europa vor allem in der Ukraine gefordert, das ist europäisches Territorium“, betonto Theisen. Doch statt zu deeskalieren, passiere das Gegenteil: „Amerika ist ja auf dem Rückzug aus der Ukraine. Wir dringen hinein, wir verstärken mit Waffenlieferungen den Krieg“. Was stattdessen auf europäischem Boden fehle, sei das Naheliegendste: „In der Ukraine wäre endlich europäische Diplomatie gefragt“.

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