„Absolute shit“ und 90 Millionen Verlust: Europas Versuch Microsoft und Co. zu ersetzen scheitert

(C) Report24/KI

Europa will sich aus der Abhängigkeit von amerikanischer Software lösen. In Brüssel führte die EU-Kommission dafür eine „souveräne“ Alternative zu Microsoft Teams ein – und ein eigener Mitarbeiter bezeichnete sie intern als „absolute shit“. Deutschland hat das Experiment schon in größerem Maßstab hinter sich: Der Behördenarbeitsplatz Phoenix hinterließ beim öffentlich-rechtlichen IT-Dienstleister Dataport rund 90 Millionen Euro Verlust. Der politische Traum von der digitalen Unabhängigkeit trifft zunehmend auf die Niederungen der Praxis.

Ausgerechnet Microsoft Teams zeigt derzeit, wie schwierig die Sache werden kann. Die EU-Kommission führte im Sommer Element Pro als „souveränes Backup“ ein. Die Software läuft auf einer eigenen Infrastruktur und soll die Kommunikation am Laufen halten, wenn Teams ausfällt oder der amerikanische Dienst nicht verfügbar ist. Teams bleibt trotzdem das Hauptsystem. Und manche Mitarbeiter scheinen wenig Lust auf die Alternative zu haben: Einer fragte auf einem internen Nachrichtenbrett nach deren Mehrwert, ein anderer urteilte „absolute shit“. Ein Dritter spottete, die USA würden sofort gewinnen, sollten sie Europa ihre Technologie abschalten.

Element ist eines von mehreren Projekten in Europa, welches die Abhängigkeit von US-Software verringern soll. Die EU-Kommission erklärte die sogenannte „technologische Souveränität“ im Juni dieses Jahres zum großen politischen Projekt. Ein neues Paket umfasst Halbleiter, KI, Cloud und eine eigene Open-Source-Strategie. Europas Abhängigkeit von Technologien und Diensten außerhalb der EU soll sinken. Öffentliche Verwaltungen sollen stärker auf offene und möglichst auch europäische Alternativen setzen und mehr Kontrolle über ihre digitale Infrastruktur bekommen.

Der Wunsch nach „Unabhängigkeit“ von US-Systeme hat eine politische Vorgeschichte. Dataport selbst führt die deutsche Debatte über digitale Souveränität bis ins Jahr 2018 zurück und nennt ausdrücklich die kritische Haltung der ersten Trump-Regierung zum Freihandel als einen der Auslöser. 2019 startete der öffentlich-rechtliche IT-Dienstleister Phoenix. Bestehende Open-Source-Komponenten sollten zu einem kompletten Behördenarbeitsplatz mit Textverarbeitung, E-Mail, Kalender, Chat und weiteren Funktionen zusammengefügt werden. Dataport räumt heute eigene strategische und prozessuale Fehler ein. Das Projekt wurde beendet und hinterließ nach Angaben des Unternehmens einen wirtschaftlichen Verlust von rund 90 Millionen Euro.

Totalversagen in Deutschland

Der Hamburger Rechnungshof zeigt, wie weit Phoenix finanziell aus der Spur geraten war. Bis Juni 2024 waren bereits rund 140 Millionen Euro Aufwand entstanden. Wenige Wochen vor der entscheidenden Sitzung versicherte der Vorstand dem Verwaltungsrat noch, der Business Case sei wirtschaftlich tragfähig. Dann wurden für eine uneingeschränkte Fortführung plötzlich weitere 100 Millionen Euro veranschlagt. Selbst der Rückzug aus den bestehenden Verpflichtungen sollte mindestens zusätzliche 32 Millionen Euro kosten. Der Rechnungshof stellte fest, Dataport habe Aufwand und Risiken gravierend unterschätzt und unter realistischen Annahmen sei Phoenix von Beginn an nicht wirtschaftlich geplant gewesen.

Auch die interne Steuerung bekam ihr Fett weg. Dokumentation und Risikomanagement waren mangelhaft, wirtschaftliche und technische Risiken wurden unterschätzt. Schleswig-Holstein war als möglicher Auftraggeber unter anderem wegen Verzögerungen und fehlender Sicherheitskonzepte ausgestiegen. Dataport stockte das Personal auf, die Personalkosten für Phoenix lagen 2024 rund 70 Prozent über dem Vorjahr. Eine Prüfung durch die Innenrevision hatte der Vorstand bereits 2022 verschoben. Sie begann schließlich im Oktober 2024 – als die wirtschaftliche Schieflage längst bekannt war. Trotz der Probleme schloss Dataport Ende März 2024 noch drei Verträge für einen digitalen Arbeitsplatz an baden-württembergischen Schulen. Rund 14 Millionen Euro Volumen, etwa 130.000 geplante Nutzer. Wenige Wochen später wurde Phoenix neu durchgerechnet. Die für September vereinbarten Leistungen konnte Dataport anschließend nicht vertragsgemäß liefern. Der Rechnungshof fordert die Aufarbeitung möglicher Sorgfaltsmängel und Verantwortlichkeiten.

„Antwort auf Trump und Musk“

Komplett verschwunden ist die technische Arbeit nicht. Die Community-Version von Phoenix ging an das bundeseigene Zentrum für Digitale Souveränität und wird dort als openDesk weiterentwickelt. Das ändert jedoch nichts an der finanziellen Bilanz von Dataport: Rund 90 Millionen Euro wirtschaftlicher Verlust blieben beim öffentlich-rechtlichen IT-Dienstleister hängen. Wie offen die Abgrenzung von amerikanischer Technologie inzwischen formuliert wird, zeigte Bayerns Digitalministerium im März 2025. Eine Pressemitteilung trug die Überschrift „Antwort auf Trump und Musk“. Digitalminister Fabian Mehring forderte darin mehr europäische digitale Souveränität und warnte vor der Abhängigkeit von amerikanischen KI-Produkten und Cloud-Strukturen.

Doch wer mit Überregulierung, sowie immer mehr Auflagen und Bürokratie den Innovationsgeist abwürgt, braucht sich nicht zu wundern, wenn die wirklich wichtigen Entwicklungen in Übersee gemacht werden. Die Europäer haben nun das Nachsehen – und schaffen es nicht einmal, mit Hilfe von Open-Source-Lösungen und Eigenentwicklungen etwas Brauchbares zusammenzuschustern.

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