„Die Sonne schickt keine Rechnung“? Portugals Solar-Vorzeigeprojekt ist insolvent

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Es sollte das große Versprechen der Photovoltaik beweisen: riesige Mengen günstigen Stroms, ganz ohne staatlich garantierte Einspeisevergütung. Fünf Jahre nach der Inbetriebnahme steckt Portugals größter Solarpark in der Insolvenzverwaltung. Die Anlage produzierte weniger als geplant, technische Defekte und Brände sorgten für lange Ausfälle – und immer mehr Solarstrom drückte ausgerechnet während der Sonnenstunden die Preise bis auf null und darunter. Nun soll unter anderem ein öffentlich geförderter Batteriespeicher helfen.

Solara4 bei Alcoutim an der Algarve ist kein kleines Experiment. Rund 219 Megawatt installierte Leistung, Hunderttausende Solarmodule und ein eigener Hochspannungsanschluss machten den Park bei seiner Inbetriebnahme 2021 zu Portugals größtem Photovoltaikkraftwerk. Das Projekt wurde zugleich als einer der größten Solarparks Europas ohne klassische staatliche Einspeisevergütung vermarktet. Stattdessen sollte ein langfristiger privater Stromabnahmevertrag für kalkulierbare Einnahmen sorgen. Audax Renovables hatte sich die Energie aus Solara4 im Rahmen eines 20 Jahre laufenden PPA zu einem festen Preis gesichert. Heute steht bei der britischen Muttergesellschaft Welink Energy Portugal 2 (UK) Limited ein anderer Vermerk: „In Administration“. Das Insolvenzverfahren läuft seit dem 11. Juni 2026. Die Anlage produziert weiter, doch die Gesellschaft, über die das Projekt kontrolliert wird, steht unter Insolvenzverwaltung.

Die Ursachen liefern ein Lehrstück darüber, was bei den Behauptungen über angeblich immer billigeren Solarstrom gerne unter den Tisch fällt. Laut Insolvenzunterlagen blieb die Stromproduktion von Solara4 dauerhaft hinter den ursprünglichen Prognosen zurück. Gleichzeitig wuchs die Solarleistung auf der Iberischen Halbinsel massiv. Mehr Strom traf damit während derselben sonnigen Stunden auf den Markt – mit entsprechendem Ergebnis: Die Großhandelspreise fielen immer häufiger auf null oder sogar ins Negative. Die Einnahmen blieben unter den Erwartungen.

Solar-Kannibalisierung und technische Ausfälle

Die Solarparks kannibalisieren sich selbst. Denn die Module verschiedener Parks produzieren nicht irgendwann zufällig über den Tag verteilt Strom, sondern gleichzeitig. Scheint mittags über Portugal und Spanien die Sonne, drücken Tausende Megawatt Photovoltaik gleichzeitig ins Netz. Gerade dann, wenn die Produktion besonders hoch ist, verliert der Strom an Wert. Einige Stunden später kann Strom wieder teuer sein – nur scheint dann eben keine Sonne mehr. Für Solara4 kam erschwerend hinzu, dass die Anlage selbst weniger Strom lieferte als ursprünglich kalkuliert. Auch ein langfristiger Abnahmevertrag zaubert fehlende Strommengen nicht herbei. Gleichzeitig laufen Zinsen, Wartung, Versicherungen und andere Fixkosten weiter. Bei einem kapitalintensiven Großprojekt kann schon eine dauerhafte Abweichung von den Ertragsprognosen die gesamte Finanzierungsrechnung ins Wanken bringen.

Dann machten auch noch technische Probleme einen Strich durch die Rechnung. Innerhalb der zwölf Monate vor der Insolvenz kam es zu mehreren Bränden. Betroffen waren unter anderem Wechselrichter, deren Ausfälle längere Stillstandszeiten verursachten. Reparaturen und Wartung verschlangen zusätzlich Geld. Bei einem Brand Ende Mai 2026 waren rund zehn Prozent der Anlage außer Betrieb; für die Wiederherstellung wurden acht bis 14 Wochen veranschlagt.

Der Brand verschärfte eine Krise, die schon viel früher begonnen hatte. Bereits 2025 ließen die Geldgeber die Finanzlage des Projekts von Restrukturierungsberatern prüfen. Die Banken Investec und Kommunalkredit Austria gehörten zu den wichtigsten Geldgebern des Projekts. Ein erheblicher Teil der ursprünglichen Finanzierung war zwar bereits zurückgezahlt worden, doch noch immer standen Forderungen in zweistelliger Millionenhöhe im Raum. Die wirtschaftliche Entwicklung wurde bereits 2025 von Restrukturierungsberatern untersucht. Als 2026 auch noch eine Refinanzierung näher rückte, wurde der Spielraum immer kleiner.

Eine Kaskade an Problemen

Dazu kommt ein weiterer Brocken: der Streit mit dem chinesischen Anlagenbauer China Triumph International Engineering. CTIEC fordert rund 143 Millionen Euro aus einem später durch WElink gekündigten Bauvertrag – die Forderung wird von der Gegenseite bestritten. Der Konflikt läuft über ein Schiedsverfahren. Selbst wenn diese Summe am Ende nicht vollständig durchsetzbar sein sollte, zeigt allein ihre Größenordnung, welchen zusätzlichen Sprengstoff das Projekt inzwischen mit sich herumschleppt. WElink hatte auf die schwächelnde Solarökonomie längst reagiert. Solara4 sollte massiv erweitert werden. Vorgesehen waren zusätzliche Photovoltaikleistung, ein großer Windpark und ein Batteriespeicher mit 100 Megawatt. Wind liefert zu anderen Zeiten Strom, der Speicher kann billige Mittagsproduktion aufnehmen und später wieder abgeben. Aus dem reinen Solarpark sollte ein großes Hybridkraftwerk werden.

Und hier wird es politisch wie wirtschaftlich interessant. Solara4 wurde einst gerade deshalb gefeiert, weil die Anlage ohne klassische staatliche Einspeiseförderung auskommen sollte. Für den geplanten 100-Megawatt-Batteriespeicher von Solara4 Phase4 stehen inzwischen 16,45 Millionen Euro aus dem portugiesischen Aufbau- und Resilienzplan PRR bereit. Bis zum 28. September 2026 waren davon bereits rund 3,8 Millionen Euro ausgezahlt. Der ursprüngliche Solarpark wurde dadurch nicht rückwirkend zum subventionierten Projekt. Der Gegensatz bleibt trotzdem deutlich: Erst galt der riesige Solarpark als Beleg dafür, dass Photovoltaik ohne garantierte Vergütungen am Markt bestehen könne. Wenige Jahre später soll ein mit Millionen aus öffentlichen Mitteln geförderter Speicher dabei helfen, den erzeugten Strom wirtschaftlich besser nutzbar zu machen.

Denn billige Erzeugung allein reicht nicht. Ein Kraftwerk braucht Einnahmen. Und dafür muss Strom nicht nur produziert werden – er muss zum richtigen Zeitpunkt einen Käufer zu einem brauchbaren Preis finden. Genau dort beginnt mit wachsender Solarleistung das Problem. Je größer die PV-Flotte wird, desto mehr Strom drängt gleichzeitig auf den Markt. Der Preis sinkt durch den Kannibalisierungseffekt, Überschüsse wachsen, Speicher werden wichtiger.

Profitabel sieht anders aus

Solara4 zeigt auch, warum die üblichen Vergleiche allein über Stromgestehungskosten zu kurz greifen. Die Sonne liefert ihre Energie gratis. Module, Wechselrichter, Netzanschluss, Finanzierung, Wartung, Reparaturen und Speicher tun das nicht. Noch wichtiger: Eine Kilowattstunde kann technisch extrem billig erzeugt und wirtschaftlich trotzdem beinahe wertlos sein, wenn zur selben Stunde zu viel davon vorhanden ist.

Portugals Solar-Gigant ist deshalb mehr als nur ein schlecht gelaufenes Einzelprojekt. Minderertrag, technische Probleme, hohe Schulden und der Streit mit dem Anlagenbauer spielten bei der Insolvenz alle eine Rolle. Doch selbst die Insolvenzverwalter nennen den wachsenden Solarstromüberschuss und die bis auf null oder ins Minus fallenden Preise ausdrücklich als Teil des Problems. Je weiter der Solarausbau voranschreitet, desto dringender stellt sich die Frage, wer die zusätzlichen Milliarden für Speicher, Netze und flexible Reserveleistung bezahlt. Die Sonne schickt vielleicht keine Rechnung. Das ganze System der elektrischen Versorgung selbst hingegen sehr wohl.

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