Wenn der Wind ausfällt, wird’s richtig teuer: Was Windstrom wirklich kostet

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Windstrom gilt als billig. Doch die nackten Erzeugungskosten sagen wenig darüber aus, was eine verlässlich verfügbare Kilowattstunde am Ende tatsächlich kostet. Report24 hat deshalb einen durchschnittlichen neuen deutschen Windpark samt Finanzierung, Marktwert, Abregelung und Backup durchgerechnet. Das Ergebnis fällt deutlich weniger rosig aus als die üblichen Werbezahlen für die Energiewende.

Wer heute über die Kosten der Windkraft spricht, bekommt meist schnell eine hübsche Zahl präsentiert: fünf, sechs oder sieben Cent je Kilowattstunde. Damit soll die Debatte erledigt sein. Wind ist billig, fossile Kraftwerke sind teuer, also müsse man nur genügend Windräder bauen. Der Haken liegt allerdings auch in der Frage, was da eigentlich miteinander verglichen wird.

Ein Windrad liefert Strom, wenn der Wind weht. Ein Haushalt, ein Stahlwerk oder ein Rechenzentrum braucht Strom dann, wenn er gebraucht wird. Deshalb haben wir nicht nur gefragt, was der Windstrom am Ende tatsächlich pro Kilowattstunde kostet, sondern was aus der Rechnung wird, wenn Kapital, Marktwert, Abregelungen und die Absicherung gegen Flauten dazukommen.

Rund 179 Millionen Euro für 100 Megawatt Windkraft

Grundlage unserer Rechnung sind die aktuellen Kostendaten der Deutschen WindGuard, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erhoben wurden. Dort werden nicht nur Turm, Rotor und Generator erfasst, sondern auch Planung, Netzanschluss, Infrastruktur, Wartung, Pacht, Betriebsführung, Versicherung und Rückbauvorsorge. Aus diesen Daten haben wir einen Modell-Windpark mit 100 Megawatt Nennleistung an einem durchschnittlichen deutschen Standort gebildet. Bei rund 2.600 Vollaststunden produziert dieser Park etwa 260 Gigawattstunden Strom im Jahr. Für die Errichtung fallen rund 179 Millionen Euro an. Zählt man die laufenden Kosten über 20 Jahre hinzu, landet man zunächst bei etwa 5,45 Cent je erzeugter Kilowattstunde.

Doch niemand stellt 179 Millionen Euro zwei Jahrzehnte lang kostenlos zur Verfügung. WindGuard selbst rechnet mit Fremd- und Eigenkapitalkosten. Übernimmt man diese Finanzierung in eine Kapitalwertrechnung, steigen die Vollkosten unseres Modellparks auf rund 7,5 Cent je Kilowattstunde. Diese Zahl kommt der wirtschaftlichen Realität erheblich näher als eine Rechnung, die nur Baukosten und erzeugte Kilowattstunden als Berechnungsbasis verwendet.

Windstrom verdient weniger als der Durchschnitt

Nun kommt das Marktproblem. Wenn es ordentlich bläst, drehen sich schließlich nicht nur die Rotoren unseres Modellparks. Unzählige andere Anlagen liefern zur selben Zeit ebenfalls Strom. Das zusätzliche Angebot drückt den Preis ausgerechnet in jenen Stunden, in denen besonders viel Windstrom auf den Markt kommt. Im Jahr 2025 lag der durchschnittliche Jahresmarktwert des Stroms bei 8,932 Cent je Kilowattstunde. Windstrom an Land brachte dagegen nur 7,441 Cent. Rund 17 Prozent weniger. Die offiziellen Zahlen der Übertragungsnetzbetreiber:

Unsere Modellanlage hätte sich unter diesen Bedingungen ohne staatliche Erlösabsicherung gerade an der Rentabilitätsschwelle bewegt. Rechnen wir zusätzlich mit drei Prozent nicht vergüteter Abregelung, müsste die tatsächlich verkaufte Kilowattstunde bereits rund 7,73 Cent erlösen. Bei einem Marktwertverhältnis wie 2025 müsste der allgemeine Börsenstrompreis über zwei Jahrzehnte hinweg im Schnitt bei rund 9,3 Cent je Kilowattstunde liegen. Ein paar teure Monate retten kein Projekt, das über 20 Jahre finanziert werden muss.

Viel Wind, wenig Geld – Flaute, teurer Strom

2025 lieferte dafür ein anschauliches Beispiel. Laut Bundesnetzagentur gab es 573 Stunden mit negativen Day-Ahead-Preisen. Gleichzeitig lagen die Preise in 3.494 Stunden über 100 Euro je Megawattstunde und in 40 Stunden sogar über 300 Euro. Für Windkraft ist diese Spreizung Gift. Weht viel Wind, steigt das Stromangebot und der Preis fällt. Bei einer Dunkelflaute geschieht das Gegenteil: Wind und Sonne liefern kaum mehr Strom, regelbare Kraftwerke und Importe müssen übernehmen, der Strompreis schießt nach oben. Nur hat unser Modell-Windpark ausgerechnet in diesen teuren Stunden wenig zu verkaufen.

Der Betreiber (egal ob nun ein Windpark oder eine Solarfarm) verkauft damit überproportional viel Strom in billigen Stunden und wenig in den besonders teuren. Wer einfach mit dem durchschnittlichen Börsenpreis rechnet, macht die Einnahmeseite schöner, als sie tatsächlich ist. Für die Wirtschaftlichkeit eines Windparks zählt eben nicht, was Strom im Jahresmittel kostet, sondern was der Windstrom selbst im Schnitt erlöst.

260 Gigawattstunden sind noch lange keine sichere Versorgung

Unser 100-Megawatt-Windpark produziert im Jahr rund 260 Gigawattstunden. Umgerechnet entspricht diese Jahresproduktion einer durchschnittlichen Leistung von knapp 30 Megawatt. Also haben wir im nächsten Schritt gefragt, was es kostet, diese knapp 30 Megawatt tatsächlich rund um die Uhr bereitzustellen. Dafür bekommt unser Modellpark eine flexible Gasturbine mit 30 Megawatt als Backup-Kraftwerk an die Seite gestellt. Sinkt die Windleistung unter die benötigten knapp 30 Megawatt, springt das Gaskraftwerk ein.

In unserem stündlich modellierten Windprofil liefert die Gasturbine über das Jahr rund 70 bis 75 Gigawattstunden Strom. Das entspricht ungefähr 28 Prozent der verlässlich abgegebenen Jahresmenge. Beinahe dieselbe Größenordnung fällt an anderer Stelle als Windüberschuss an. In manchen Stunden liegt die Windleistung weit über den benötigten 30 Megawatt, in anderen Stunden fast bei null. In der Jahresbilanz stehen die 260 Gigawattstunden. Für eine verlässliche Stromversorgung reicht diese Zahl allein nicht.

Aus 7,5 Cent werden schnell mehr als 10 Cent

Der Windpark selbst kostet auf Vollkostenbasis rund 19,5 Millionen Euro im Jahr. Für das Gaskraftwerk kommen einschließlich Investition, Wartung, Erdgas und CO2-Kosten rund 10,8 Millionen Euro hinzu. Wird der überschüssige Windstrom gar nicht verwertet, liegen die Kosten des Verbunds bei rund 11,6 Cent je verlässlich gelieferter Kilowattstunde. Ein Teil des Überschusses lässt sich verkaufen. Nur fällt dieser Strom typischerweise in Stunden hoher Windproduktion an, wenn ohnehin viel Angebot im Netz ist.

Die Preise liegen dann häufig niedrig, gelegentlich sogar unter null. Wer den gesamten Überschuss einfach mit dem Jahresdurchschnittspreis bewertet, rechnet sich die Sache damit einfach nur schön. Bei einer mäßigen Verwertung landen wir deshalb bei ungefähr 10,5 bis 11 Cent je Kilowattstunde. Selbst bei sehr guter Vermarktung kommen wir nur knapp unter zehn Cent. Aus den rund 7,5 Cent Vollkosten des Windparks allein werden damit etwa 10 bis 11,6 Cent, sobald aus der wetterabhängigen Produktion eine verlässlich liefernde Einheit werden soll.

Das Gaskraftwerk soll absichern

Dann haben wir dieselbe Aufgabe einem modernen Gas-und-Dampf-Kraftwerk gestellt: dieselben 260 Gigawattstunden im Jahr, dieselbe kontinuierliche Leistung von knapp 30 Megawatt. Fraunhofer ISE setzt für neue GuD-Anlagen Wirkungsgrade um 60 Prozent an. Mit einem Gaspreis von 34,64 Euro je Megawattstunde, den verwendeten Investitions- und Betriebskosten sowie einem CO2-Preis von 73,86 Euro je Tonne kommt unsere Rechnung auf rund 10,1 Cent je Kilowattstunde. Damit liegt das reine GuD-Kraftwerk praktisch in derselben Größenordnung wie Wind plus notwendige Gasabsicherung.

Die Details stecken dabei in der Kostenstruktur. Beim Windpark verschlingt vor allem der Bau enorme Summen, anschließend fallen vergleichsweise geringe Betriebskosten an. Das Gaskraftwerk ist erheblich billiger zu errichten, verbrennt dafür jedes Jahr große Mengen Gas und muss zusätzlich CO2-Zertifikate kaufen. Je nach Gas- und Zertifikatspreis kann sich der Abstand deshalb schnell in die eine oder andere Richtung verschieben.

CO2-Zertifikate machen fast 2,5 Cent aus

Besonders deutlich wird das beim CO2-Preis. Allein die Zertifikate kosten unser Modell-GuD rund 6,5 Millionen Euro pro Jahr. Auf die erzeugte Strommenge umgelegt sind das knapp 2,5 Cent je Kilowattstunde. Ohne diesen politisch und grün-ideologisch motivierten Kostenblock fällt der errechnete Strompreis des GuD von rund 10,1 auf etwa 7,6 Cent. Damit stehen plötzlich rund 7,5 Cent für den ungesicherten Windstrom und rund 7,6 Cent für regelbaren Gasstrom nebeneinander. Sobald der Windstrom gegen Flauten abgesichert werden soll, springt seine Rechnung wieder auf rund zehn Cent oder mehr.

Die politische CO2-Bepreisung verändert den Vergleich damit deutlich – denn sie sorgt bei den Gaskraftwerken für eine künstliche Verteuerung. Beim Windpark fällt kein Brennstoff an, beim Gaskraftwerk kommt auf den Gaspreis noch ein erheblicher CO2-Aufschlag oben drauf. Wer dann nur auf den Endpreis zeigt und von angeblich konkurrenzlos billigem Windstrom spricht, verschweigt diese künstliche Verteuerung beim Erdgas.

Netze, Redispatch und Reserve fehlen noch immer

Und selbst damit ist die Rechnung noch nicht vollständig. Überregionaler Netzausbau, Redispatch, Netzreserve und weitere Systemdienstleistungen haben wir bewusst nicht auf unseren Windpark geladen. Solche Kosten lassen sich nicht sauber einer einzelnen Anlage zuschlagen. Im Versorgungssystem verschwinden sie deshalb aber nicht. Ein 100-Megawatt-Windpark kann in einer Stunde nahezu Volllast liefern und wenige Stunden später fast nichts mehr. Das Netz muss die hohe Einspeisung aufnehmen können.

Gleichzeitig müssen für Flauten Kraftwerke, Speicher, Importe oder andere Reserven bereitstehen. Diese Infrastruktur kostet Geld, auch wenn sie zeitweise kaum genutzt wird. Unser Modell-Windpark produziert auf Vollkostenbasis für rund 7,5 Cent je Kilowattstunde. Soll daraus verlässlich verfügbarer Strom werden, steigt die Rechnung mit Gasreserve auf etwa 10 bis 11,6 Cent. Zusätzliche Systemkosten kommen danach erst noch hinzu. Und das sind Kosten, die bei einer voll konventionellen Stromerzeugung nur einen Bruchteil dessen betragen wie bei einem stark auf volatiler, wetterabhängiger Erzeugung basierenden System.

Billiger Windstrom ist noch keine billige Stromversorgung

Wenn Wind und Sonne kräftig liefern, drücken sie ihren eigenen Marktwert und sorgen immer wieder für extrem niedrige oder negative Preise. Fallen sie aus, wird Strom knapp und teuer, während regelbare Kraftwerke einspringen und die Versorgung von Haushalten und Wirtschaft sichern müssen. Diese Problematik habe ich in meinem Buch „Der Windkraft-Wahn“ ebenfalls ausführlich erklärt.

Der Windpark selbst kann durchaus günstig Strom erzeugen. Das sagt aber noch nichts darüber aus, was eine Stromversorgung kostet, die morgens, mittags, nachts und während einer mehrtägigen Flaute funktionieren muss. Denn ein konventionelles System benötigt deutlich weniger Backup-Kapazitäten als eines, das von Wind und Wetter abhängig ist.

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