Weltkrieg, KI und Sektengründung: Peter Thiels Schattenzirkel fliegt auf

(C) Report24/KI

Der Tech-Milliardär Peter Thiel bastelt quasi an einer eigenen Geheimgesellschaft. Nach den Plänen für einen eigenen „Dialog“-Campus nahe Washington zeigt nun ein Datenleck, wie dieser handverlesene Elitezirkel tatsächlich funktioniert. Politiker, Militärs, Tech-Oligarchen, Datenhändler und Investoren sprechen dort hinter verschlossenen Türen über einen Weltkrieg, KI, Schlachtfeldtechnologien, das Sexleben, Sektenbildung und sogar Dating für „außergewöhnliche Menschen“.

Es gibt immer wieder sogenannte „Geheimgesellschaften“, in denen ein geschlossener Zirkel von – zumeist einflussreichen – Menschen zusammenkommt. Dort wird üblicherweise nicht einfach nur Smalltalk geführt, sondern auch über Politik, Geschäfte und aktuelle Ereignisse parliert. Selbstverständlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Neben den altbekannten Freimaurerlogen darf man unter einer weitergehenden Auslegung auch die Bilderberger zu solchen Gruppen zählen – und seit etwa zwei Jahrzehnten auch den von Peter Thiel mitbegründeten „Dialog“-Club, über den Report24 bereits berichtet hat.

Für lange Zeit war noch von einem stillen Rückzugsort die Rede. Ein Campus nahe Washington, fernab des politischen Lärms, ohne Kameras, ohne Medien, ohne störende Öffentlichkeit. So verkaufen sich die Zirkel der Mächtigen gerne: als Räume für ehrlichen Austausch, tiefe Reflexion und ungestörtes Denken. Doch nun zeigt ein Leak, was hinter der glatten Fassade von Peter Thiels „Dialog“-Gesellschaft steckt. Es geht nicht einfach nur um ein paar Milliardäre, die bei gutem Wein über die Zukunft philosophieren. Es geht um ein Netzwerk, in dem sich jene Leute treffen, die an den Schalthebeln von Politik, Militär, Datenmacht, Künstlicher Intelligenz und Finanzkapital sitzen.

WIRED berichtet von internen Unterlagen, Teilnehmerlisten und sensiblen Daten, die durch ein ungeschütztes Verzeichnis (entdeckt durch einen Hacktivisten) das Licht der Öffentlichkeit erreichten. Der Zirkel, 2006 von Peter Thiel und dem Datenunternehmer Auren Hoffman mitbegründet, hat demnach über Jahre hinweg Menschen aus Politik, Wirtschaft, Militär, Medien und Technologie in einem abgeschirmten Raum zusammengebracht. Und das als exklusive Hinterzimmerveranstaltung mit Zugang nur auf Einladung. Man bleibt unter sich, spricht off the record, und niemand außerhalb soll mitbekommen, worum es bei diesen Treffen geht. Doch wo viele Menschen zusammenkommen, wird eben auch mal etwas publik.

Das Programm des für August 2026 nahe Dublin geplanten Treffens gehört dazu. Dort sollen laut den geleakten Unterlagen mehr als 200 Personen registriert sein. Die Themen klingen wie eine Mischung aus geopolitischem Planspiel, Silicon-Valley-Selbstoptimierung und dystopischem Machtlabor: „Navigating WWIII“, also die Navigation durch den Dritten Weltkrieg. „Battlefield Technologies“, also Schlachtfeldtechnologien – wohl auch unter Einsatz von KI. Und noch „Bring Back Nuclear“, die Rückkehr zur Kernkraft. Dazu Sitzungen wie „Build-a-Cult“ (eine Anleitung dazu, wie man eine Sekte gründet?) und faktisch selbsterklärend „How’s Your Sex Life?“.

Hier diskutieren einflussreiche Kreise hinter verschlossenen Türen über Kriegstechnologien, Künstliche Intelligenz, gesellschaftliche Umbrüche und neue Machtarchitekturen, während der einfache Bürger brav in seiner Demokratiesimulation lebt und glaubt, dass irgendwelche Kreuzchen auf Wahlzetteln tatsächlich einen relevanten Einfluss auf die globalen Entwicklungen hätten. Doch man kann sich fragen: Wer entscheidet wirklich über die Zukunft der Menschheit?

Peter Thiel ist dafür die perfekte Symbolfigur. Er ist nicht bloß ein Investor. Er ist Mitgründer von Palantir, einem Unternehmen, dessen Software in Sicherheitsbehörden, Geheimdiensten, Migrationsverwaltungen und Militärstrukturen eingesetzt wird. Er war früh bei Facebook dabei, prägte die Entwicklung von PayPal mit und bewegte sich seit Jahren in politischen Netzwerken, die weit über klassische Lobbyarbeit hinausreichen. Wenn jemand wie Thiel einen privaten Elitezirkel betreibt, dann ist das nicht einfach ein Stammtisch für reiche Exzentriker. Es ist ein Knotenpunkt für jene, die sehr genau wissen, dass Daten, KI und Sicherheitsinfrastruktur die Machtwährungen des 21. Jahrhunderts sind.

Der Leak zeigt auch, wie heuchlerisch die Diskretionskultur dieser Kreise ist. Nach außen predigen solche Netzwerke Vertraulichkeit, Seriosität und gegenseitiges Vertrauen. Intern aber werden Teilnehmer offenbar erfasst, sortiert und bewertet. Laut WIRED wurden in den Daten persönliche Informationen, politische Selbsteinschätzungen, Teilnahmestatus, Biografien und sogar Angaben für ein Matchmaking-System gesammelt. Die selbsternannte Elite, die dem einfachen Bürger digitale Kontrolle als Fortschritt verkauft, baut also ihre eigenen Datenbanken über sich selbst – und bekommt nicht einmal deren Sicherheit ordentlich hin. Das ist fast schon poetische Gerechtigkeit.

Besonders grotesk wirkt dabei das zugehörige Dating-Angebot. „Meaningful connections for exceptional people“, also bedeutungsvolle Verbindungen für außergewöhnliche Menschen, lautet die Botschaft. Man möchte offenbar nicht nur Macht, Kapital und Ideen kuratieren, sondern auch Beziehungen. Der Zirkel als Gesellschaftslabor, Karrierenetzwerk und Partnerbörse in einem. Wer dazugehört, bekommt Zugang. Wer nicht dazugehört, bleibt draußen.

Die Liste der Personen, die bereits an solchen „Dialog“-Treffen teilgenommen haben, bzw. Einladungen dazu erhielten, wird immer länger. Aus deutscher Perspektive interessant ist der Umstand, dass beispielsweise der CDU-Bundestagsabgeordnete und frühere Bundesgesundheitsminister Jens Spahn auf einer Einladungsliste steht. Auch der Chef der österreichischen Wirtschaftskammer, Harald Mahrer (ÖVP) durfte schon bei solch einem „Dialog“-Treffen dabei sein (bzw. wurde dorthin eingeladen).

Natürlich behaupten die Verteidiger solcher Formate, dass man doch nur miteinander rede. Dass vertrauliche Gespräche notwendig seien. Dass große Ideen eben Ruhe bräuchten. Doch genau diese Ausrede hören die Bürger seit Jahrzehnten. Auch die Bilderberg-Treffen, das Weltwirtschaftsforum und ähnliche Zirkel verkaufen sich als Gesprächsplattformen. Am Ende aber entstehen dort Netzwerke, Kontakte, Karrieren, politische Linien und wirtschaftliche Interessenverbindungen, die von den Menschen nie an einer Wahlurne legitimiert wurden. So kann man die Demokratie auch weiter aushöhlen.

Die Welt taumelt von Krise zu Krise. In Europa wird wieder über Aufrüstung, Wehrpflicht, Kriegstüchtigkeit und einen möglichen großen Konflikt mit Russland gesprochen. Gleichzeitig drückt die KI-Revolution auf Arbeitsmärkte, Medien, Bildung, Verwaltung und Militär. Staaten bauen digitale Identitäten, Gesundheitsdatenbanken, Finanzüberwachung und algorithmische Kontrollsysteme aus. Genau in dieser Phase treffen sich jene, die an diesen Technologien verdienen, mit jenen, die sie politisch einsetzen oder militärisch nutzen könnten. Der „Dialog“-Leak ist angesichts dieser globalen Entwicklungen mehr als eine peinliche Datenpanne eines exklusiven Clubs. Er ist ein Fenster in eine Welt, die den einfachen Bürgern sonst verborgen bleibt. Eine Welt, in der sich Tech-Oligarchen, Politiker, Militärs und Datenhändler nicht als getrennte Sphären begreifen, sondern als Teile desselben Spiels. Eine Welt, in der Krieg, Künstliche Intelligenz, gesellschaftliche Steuerung und private Vermögensinteressen diskutiert werden, ohne dass irgendetwas zu den Planungen und Zielen nach außen dringt. Und eine Welt, in der die Bürger zwar permanent transparent gemacht werden sollen, während die Eliten für sich selbst die größtmögliche Intransparenz beanspruchen.

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