Sechs Jahre rote Zahlen, ein neuer Milliardenverlust und weitere Milliarden an Kapitalspritzen: Die schwedische Windkraft des staatlichen Energiekonzerns Vattenfall entwickelt sich zum finanziellen Fass ohne Boden. Bei einer Tochtergesellschaft wurden 2025 sogar 31 Prozent der möglichen Stromproduktion abgeregelt, weil sich die Einspeisung zeitweise wirtschaftlich nicht lohnte. Trotzdem hält der Konzern an seinen Ausbauplänen fest. Die Realität der Windkraftwirtschaft passt offenbar schlecht zu den grünen Zukunftsversprechen.
Windräder, die Strom produzieren könnten, aber abgeschaltet werden, weil sich wegen des Überangebots an Strom in windstarken Zeiten der Verkauf nicht rechnet. Genau damit hatte Vattenfall Toledo Vind AB im vergangenen Jahr zu kämpfen. Die Gesellschaft, an der Vattenfall zur Hälfte beteiligt ist, musste 31 Prozent ihrer möglichen Stromproduktion abregeln. Im Vorjahr waren es erst 17 Prozent gewesen. Der Grund steht schwarz auf weiß im Geschäftsbericht: Die variablen Kosten für den Transport des Stroms über das Übertragungsnetz lagen zeitweise über den erzielbaren Einnahmen. Die Anlagen hätten dem Unternehmen bei weiterer Einspeisung unter diesen Bedingungen also mehr Kosten als Erlöse beschert.
Milliardenverluste in Schweden
Damit ist das wirtschaftliche Problem allerdings längst nicht vollständig beschrieben. Eine aktuelle Auswertung des Wirtschaftsforschers Christian Sandström für das schwedische Wirtschaftsmagazin Affärsvärlden zeigt, dass Vattenfalls schwedische Windkraftgesellschaften seit sechs Jahren rote Zahlen schreiben. Allein 2025 summierte sich das Minus auf 1,27 Milliarden Kronen. Im Vorjahr waren es noch 870 Millionen Kronen gewesen. Binnen eines Jahres stieg der Verlust damit um rund 46 Prozent. Die angeblich so günstige Windenergie ist für die untersuchten Gesellschaften mittlerweile zu einem chronischen Verlustgeschäft geworden.
När Christian Steinbeck och undertecknad började publicera om vindkraftens förluster fick vi höra att åtminstone Vattenfalls vindkraft går bra.
— Christian Sandström (@ChrisSandstrom) October 20, 2026
Bara ett problem med detta: det stämmer inte.
Bolagets svenska vindkraft förlorar nu pengar för sjätte året i rad.
Den här gången… pic.twitter.com/H7LKvaBExU
Besonders teuer kam Vattenfall das Windkraftprojekt Velinga zu stehen. Mehr als 600 Millionen Kronen musste das Unternehmen für das Geschäftsjahr 2025 auf die damals noch im Bau befindliche Anlage abschreiben. Als Begründung nennt der Geschäftsbericht veränderte Investitionsbedingungen. Schon vor der offiziellen Eröffnung hatte das Projekt damit erheblich an bilanziertem Wert verloren. Erst am 24. März 2026 weihte Vattenfall den Windpark mit seinen zwölf Windrädern und einer installierten Leistung von rund 67 Megawatt offiziell ein.
Unsummen werden umgeschichtet
Und während die Verlustserie weitergeht, fließt zusätzliches Kapital in das Geschäft. Die Jahresrechnung von Vattenfall Vindkraft AB weist für 2025 Eigenkapitalzuführungen in Höhe von 3,5 Milliarden Kronen aus. Der Konzern steckt damit weitere Milliarden in seine Windkraftgesellschaft. Vattenfall gehört vollständig dem schwedischen Staat. Zwar handelt es sich hier um eine konzerninterne Kapitalzuführung und keine direkte Auszahlung aus dem Staatshaushalt. Doch das wirtschaftliche Risiko trägt letztlich ein Staatsunternehmen.
Die eigentliche Schwachstelle steckt im Geschäftsmodell. Windkraftanlagen haben nämlich die unangenehme Eigenschaft, ihren Strom vor allem dann zu produzieren, wenn auch andere Windparks kräftig liefern. Je mehr Anlagen gleichzeitig einspeisen, desto stärker gerät der Börsenstrompreis unter Druck. Bei starkem Wind kann der Strompreis sogar ins Negative rutschen. Herrscht hingegen Flaute, steigen die Preise häufig kräftig an. Ausgerechnet dann haben die Windparks kaum etwas zu verkaufen. Die Anlagen konkurrieren sich damit zunehmend selbst kaputt.
Vattenfall räumt die Schwierigkeiten in seinen Geschäftsberichten sogar selbst ein. Niedrige Strompreise infolge von Überkapazitäten, mildem Wetter und hoher Wasserkraftproduktion belasteten das Geschäft. Bei der Windkraftgesellschaft Blakliden Fäbodberget Wind AB war 2025 von langen Zeiträumen mit Strompreisen nahe null die Rede. Für Anlagen, deren Errichtung enorme Summen verschlingt und deren Finanzierung sich über Jahrzehnte erstreckt, ist das eine gefährliche Kombination. Schließlich verschwinden weder die Kredite noch die Wartungskosten, nur weil der erzeugte Strom kaum noch etwas wert ist.
Neue Offshore-Anlagen lohnen sich nicht mehr
Dass die Konzernspitze diese Probleme kennt, steht außer Frage. Bereits im Mai 2025 erklärte Vattenfall-Chefin Anna Borg gegenüber dem schwedischen Fernsehsender SVT, dass sich neue Offshore-Windkraftanlagen in Schweden bei den damaligen Strompreisen wirtschaftlich nicht rentierten. Ohne staatliche Unterstützung sei deren Ausbau nicht machbar. Bei Strompreisen von rund 40 Öre je Kilowattstunde könnten sich allenfalls neue Solar- und Windkraftanlagen an Land rechnen. Eine interessante Aussage von der Chefin eines staatlichen Energieriesen, dessen schwedische Windkraftgesellschaften ohnehin seit Jahren Verluste anhäufen.
Doch die Milliardenverluste ändern offenbar wenig an der grundsätzlichen Strategie. Vattenfall Vindkraft AB rechnet – wohl mehr aus ideologischen Gründen – weiterhin mit einer dauerhaft hohen Nachfrage nach wettbewerbsfähigem Windstrom. Die Elektrifizierung von Industrie und Verkehr soll den Stromverbrauch künftig kräftig steigen lassen. Nur interessiert sich die Nachfrage herzlich wenig dafür, wann der Wind weht. Eine Fabrik braucht Strom während ihrer Produktionszeiten, ein Haushalt auch bei Windstille. Daran ändern weder politische Ausbauziele noch optimistische Geschäftsprognosen etwas.
Für den Zeitraum von 2026 bis 2030 sieht die Investitionsplanung des Konzerns rund 62 Milliarden Kronen für die internationale Windkraftsparte vor, davon 59 Milliarden für neue Projekte. Der Gesamtkonzern erwirtschaftete 2025 immerhin einen Gewinn von 19,7 Milliarden Kronen. Auch die internationale Windsparte meldete ein bereinigtes operatives Ergebnis von rund 6,1 Milliarden Kronen. Die Untersuchungen von Sandström betreffen damit einen wirtschaftlich deutlich schwächeren Teil des insgesamt profitablen Unternehmens. An der jahrelangen Verlustserie der schwedischen Gesellschaften ändert das freilich nichts.
Altbekannte Probleme
Report24 hatte bereits im März 2024 über die finanziellen Schwierigkeiten der schwedischen Windkraftbranche berichtet. Damals zeigten Untersuchungen von Christian Sandström und Christian Steinbeck Milliardenverluste und erhebliche Schuldenprobleme bei den Betreibern. Die neuen Geschäftszahlen von Vattenfall liefern nun weiteres Anschauungsmaterial. Aus den damaligen Warnsignalen ist bei den schwedischen Gesellschaften des Staatskonzerns eine ununterbrochene Serie von Verlustjahren geworden.
Das grundsätzliche Problem reicht weit über Schweden hinaus. Immer mehr wetterabhängige Stromerzeugung soll die Versorgung übernehmen, obwohl deren Angebot häufig am tatsächlichen Bedarf vorbeigeht. Bei viel Wind kämpfen die Betreiber mit fallenden Preisen und Abregelungen, bei Flauten müssen regelbare Kraftwerke, Speicher oder Stromimporte einspringen. Auch diese Absicherung kostet Geld. Eine frühere Report24-Berechnung zu den tatsächlichen Kosten von Windstrom zeigte bereits, wie schnell die angeblich doch so billige Kilowattstunde erheblich teurer wird, sobald Finanzierung, Marktwert und Versorgungssicherheit in die Rechnung einfließen.
31 Prozent der möglichen Produktion bei Toledo abgeregelt, sechs Jahre rote Zahlen im schwedischen Windkraftgeschäft und Milliarden an zusätzlichem Eigenkapital. Das sind die Zahlen hinter den schönen Versprechen vom billigen Windstrom. Während die Politik immer neue Ausbauziele verkündet, zeigt Vattenfalls Bilanz in Schweden selbst, wie teuer die Jagd nach immer mehr Windrädern werden kann. Der Wind weht weiterhin kostenlos. Die Milliardenrechnung für das ganze Drumherum landet trotzdem irgendwo.