Wie Linke 1979 Khomeini an die Macht brachten – und bis heute nichts gelernt haben

Symbolbild: Linke suchten ihr Heil unter einem islamistischen Extremisten (C) Report24 / KI

Um die aktuellen Geschehnisse auf der Welt verstehen und korrekt einordnen zu können, ist es ratsam, die Geschichte zu kennen. Diese beginnt im Jahr 1978 in Paris. Dort formierte sich im Exil eine oppositionelle Bewegung gegen den Schah, getragen von sehr unterschiedlichen Kräften. Viele linke Gruppen unterstützten Ayatollah Khomeini – in der Annahme, er werde ihre Ziele teilen. Nach seiner Machtübernahme ließ er genau diese Kräfte systematisch verfolgen, inhaftieren und tausendfach ermorden, um seine religiöse Terrorherrschaft zu festigen.

Gastbeitrag von Tom Stahl

Die Iranische Revolution von 1979 war keine reine „islamische“ Erhebung, sondern eine taktische Allianz sehr unterschiedlicher Kräfte gegen den Schah Mohammad Reza Pahlavi. Dazu gehörten islamistische Kleriker um Ayatollah Ruhollah Khomeini, säkulare Liberale, Nationalisten und vor allem linke und marxistische Gruppen (Tudeh-Partei, Fedaiyan-e Khalq, Mujahedin-e Khalq) sowie Zehntausende Studenten. Genau diese linke und studentische Unterstützung machte Khomeinis Rückkehr aus dem Pariser Exil nach Persien möglich – und genau diese Kräfte wurden danach als Erste von Khomeinis faschistisch religiösem Regime liquidiert.

Doch der Reihe nach…

Khomeini lebte seit 1964 im Exil (zuerst Türkei, dann Irak, ab Oktober 1978 in Neauphle-le-Château bei Paris). In Paris konnte er frei Interviews geben, Reden aufnehmen und diese als Tonbänder und Flugblätter nach Iran schmuggeln lassen. Die iranischen Studenten im Ausland (vor allem in Paris, Deutschland, USA) waren zu großen Teilen marxistisch oder maoistisch geprägt. Die Confederation of Iranian Students (CISNU) war eine der wichtigsten oppositionellen Organisationen im Exil und organisierte weltweit Anti-Schah-Demonstrationen.

Viele dieser Studenten sahen in Khomeini nicht den zukünftigen religiösen Diktator, sondern den „Befreier“ auf ihrem Weg in den goldenen Sozialismus. Seine Rhetorik von den „Unterdrückten“ (mostazafin), dem „Großen Satan Amerika“ und der Ausbeutung klang für Sozialisten und Marxisten wie eine anti-imperialistische, ja fast sozialistische Sprache. In ihrem Irrglauben dachten sie, die Moscheen seien nur das „Befreiungsinstrument“ der Massen – nach dem Sturz des Schahs würde die Revolution sowieso sozialistisch weitergehen („wie in Russland 1917“).

Khomeini selbst vermied damals bewusst konkrete Aussagen über eine Theokratie (Velayat-e Faqih) und sprach öffentlich von „Freiheit“ und „Republik“, um die Koalition nicht zu spalten.

Französische Linke und Intellektuelle (u. a. Michel Foucault) romantisierten Khomeini sogar als „politische Spiritualität“ gegen die westliche Moderne und halfen ihm medial. Die linken Studenten in Paris halfen bei Übersetzungen, Pressekonferenzen und der Verbreitung seiner Botschaften. Als Khomeini am 1. Februar 1979 mit einer Air-France-Maschine in Teheran landete, jubelten ihm linke Studentengruppen und Intellektuelle zu – viele mit roten Fahnen neben den schwarzen.

Es war das, was man eine klassische Fehleinschätzung nennt: Die Linken glaubten, sie würden Khomeini benutzen, um den Schah zu stürzen. In Wirklichkeit benutzte er sie.

Sobald der Schah im Januar 1979 geflohen war und Khomeini die Macht übernommen hatte, begann dann die systematische Ausschaltung aller nicht-islamistischen Kräfte. Das Regime brauchte die Linken nur für die Mobilisierung der Massen – danach waren sie in den Augen der Religösen Fanatikern eine Gefahr. Viele Studenten waren säkular, atheistisch oder „islamisch-marxistisch“ und lehnten die geplante Theokratie ab. Sie hatten starken Einfluss an den Universitäten und unter der Jugend – genau die Orte, die das neue Regime vollständig „islamisieren“ wollte.

Die Säuberungen liefen in Etappen: Ab Frühjahr 1979 wurden systemaisch Linke Zeitungen verboten, dann die ersten Versammlungen angegriffen. März 1980: Khomeini rief die „Islamische Kulturrevolution“ aus. Alle Universitäten wurden für zwei Jahre geschlossen. Über 50.000 Studenten und Dozenten (überwiegend Linke) wurden entlassen, verhaftet oder vertrieben. Die Universitäten sollten nur noch „islamische Menschen“ hervorbringen. In den Jahren 1981–1982 begannen dann dies ersten Massenhinrichtungen von Mujahedin-e Khalq (MEK) und anderen Linken. Tausende wurden auf der Straße erschossen oder in Schauprozessen gehängt.

Im Jahre 1983 wurde die kommunistische Tudeh-Partei (die Khomeini anfangs noch unterstützt hatte) zerschlagen – Führungskader im Fernsehen „gestanden“ unter Folter, dass sie sowjetische Agenten seien. Den Höhepunkt der Säuberung erfolgte im Jahre 1988: Nach dem Ende des Iran-Irak-Kriegs wurden in wenigen Wochen mehrere Tausend politische Gefangene (meist MEK und Linke) in Massenhinrichtungen ermordet.

Die Revolutionsgarden (Pasdaran) und die islamistischen Komitees waren die Vollstrecker. Für das Regime waren die Linken „gottlose Marxisten“, die die islamische Republik von innen zerstören wollten. Chahla Chafiq, eine ehemalige linke Aktivistin, fasste es später so zusammen: „Die Linken hielten Khomeini für einen Übergang – das Regime hielt die Linken von Anfang an für den Hauptfeind.“

Kurz gesagt: Die linken Studenten und Intellektuellen halfen Khomeini an die Macht, weil sie ihn in ihrem „Gut und Besser Menschentum“ ideologisch völlig missverstanden und fundamental seine Ziele unterschätzten. Sobald er sie nicht mehr brauchte, wurden sie als erste „gereinigt“. Es ist eines der tragischsten und gleichzeitig lehrreichsten Beispiele dafür, wie radikale Islamisten linke Bündnispartner systematisch ausnutzen und danach vernichten.

Nun könnte man ja bei klarem Verstand annehme, dass die Globale Linke hier einen Lerneffekt haben gekonnt hätte, doch leider ist das weit gefehlt. Während sich das konservative Amerika dem Freien Israel zuwandte und sich vom Iran und dessen Regime abwandte, wiederholten sich die Muster aus den 1970er Jahren auf diplomatischer Ebene bei den europäischen Linken (vor allem Sozialdemokraten und linksliberalen Kräften). Diese suchen seit den frühen 2000 Jahren wieder den Schulterschluss mit dem iranischen Regime, weil sie es ideologisch und strategisch als nützlichen Partner gegen „US-Imperialismus“, Israel und „neoliberalen Westen“ sehen. Sie unterschätzen oder ignorieren systematisch die theokratische Natur des Regimes, die Unterdrückung von Frauen, Oppositionellen und Minderheiten sowie die Unterstützung von Terrorgruppen (Hisbollah, Hamas, Houthis).

Das Mullah-Regime passt perfekt in ihr anti-imperiales Weltbild – Iran gilt als Speerspitze gegen den „bösen Westen“, die USA und Israel, was bei vielen Linken seit Jahrzehnten Kultstatus hat. Das Atomabkommen von 2015 (JCPOA) war ihr großes Prestigeprojekt unter Obama, Steinmeier und der EU – selbst nach massiven iranischen Verstößen und Atomwaffen-Nähe klammern sie sich an „Dialog statt Sanktionen“.

Dazu kommt die alte SPD-Tradition von „Wandel durch Annäherung“: Man glaubt, durch Gratulationen, Handel und „kritischen Dialog“ lasse sich das Regime irgendwann reformieren – ganz wie einst bei der Ostpolitik. Figuren wie der 2024 gewählte Präsident Pezeshkian werden als Hoffnungsträger gefeiert, obwohl er nur eine Fassade ohne Macht ist und Khamenei die wahre Macht blieb.

Menschenrechtsverletzungen im Iran wurden immer wieder relativiert („Saudi-Arabien ist ja auch schlimm“), während Israel schärfer angegriffen wird. Frank-Walter Steinmeier (SPD, Bundespräsident) schickte 2019 ein herzliches Gratulations-Telegramm zum 40. Jahrestag der Islamischen Revolution an Rouhani – ohne ein Wort zu Menschenrechten, den allgegenwärtigen Hinrichtungen Oppositioneller oder Homosexueller oder der fortlaufenden Vernichtungsrhetorik gegen Israel.

Michael D. Higgins (Irischer Präsident, links) schrieb im Juli 2024 einen sehr warmen Brief an Pezeshkian mit besten Wünschen und lobte Irans „entscheidende Rolle für Frieden im Nahen Osten“. Gleichzeitig kondolierte er zum Tod des Hardliners Raisi. Josep Borrell (EU-Außenbeauftragter, Sozialist) sprach im Mai 2024 offizielles EU-Beileid zum Tod von Raisi und Außenminister Abdollahian aus. Er gilt als klassischer Dialog-Verfechter und meinte früher öffentlich: „Iran will Israel auslöschen? Nichts Neues, damit muss man leben.“

Andere Linke (z. B. Mélenchon in Frankreich oder Teile der Linken in Deutschland) loben das Regime rhetorisch oder fordern das Ende von Sanktionen. Die EU gratulierte Pezeshkian protokollarisch – angetrieben von Sozialdemokraten und Borrell. Kurz gesagt: Viele europäische Linke gaben dem Regime Legitimation, die es propagandistisch nutzt, während sie die Realität vor Ort ausblenden.

Es ist wieder dieselbe Fehleinschätzung wie 1979. Linke Kräfte in Europa glauben, sie könnten das Regime „benutzen“ oder „zähmen“ – und liefern ihm stattdessen Legitimation. Das Regime nimmt die Gratulationen gerne an, nutzt sie propagandistisch und ändert sich kein Stück. Die Geschichte lehrt: Wer mit religiös fanatischen Mullahs tanzt, wird am Ende selbst zum Opfer der eigenen Naivität.

Wenn Sie mit dafür sorgen möchten, dass unser unabhängiger Journalismus weiterhin eine Gegenstimme zu regierungstreuen und staatlich geförderten Medien bildet, unterstützen Sie uns bitte mit einer Spende!

Informationen abseits des Mainstreams werden online mehr denn je bekämpft. Um schnell und zensursicher informiert zu bleiben, folgen Sie uns auf Telegram oder abonnieren Sie unseren Newsletter! Wenn Sie mit dafür sorgen möchten, dass unser unabhängiger Journalismus weiterhin eine Gegenstimme zu regierungstreuen und staatlich geförderten Medien bildet, freuen wir uns außerdem sehr über Ihre Unterstützung.

Unterstützen Sie Report24 via Paypal: